WKNÖ - Sparte Industrie : Helmut Schwarzl: „Von einer Erholung sind wir weit entfernt“
"Es braucht maßvolle Lohnabschlüsse."
Helmut Schwarzl, Spartenobmann Industrie, WKNÖ
INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Schwarzl, wie bewerten Sie die aktuelle Situation der niederösterreichischen Industriebetriebe?
Helmut Schwarzl: Die Signale für 2026 waren gar nicht so schlecht. Doch dann kam der Nahost-Konflikt und hat dieses zarte Pflänzchen an Hoffnung, dass sich die Industrie wieder etwas erholen könnte, ziemlich zunichte gemacht. Das bestätigt auch die jüngste WIFO-Umfrage. Dort sieht man, dass sich der anfänglich positive Trend bei einzelnen Branchen umgekehrt hat und sich sowohl die Auftragssituation als auch die Grundstimmung verschlechtert haben. Das ist nicht in jeder Branche gleich, es gibt aber nur wenige Ausnahmen, wie etwa die Elektronikindustrie, die eher optimistischer in die Zukunft blickt. Wir sehen das auch bei den Arbeitnehmerzahlen, die ebenfalls rückläufig sind, weil es nach wie vor Kündigungen und in einigen Fällen auch Betriebsschließungen gibt.
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Davon ist ebenso Niederösterreich betroffen: Letztes Jahr wurde gemeldet, dass Schaeffler seinen Produktionsstandort in Niederösterreich schließt, genauso wie der Automobilzulieferer NEMAK in Herzogenburg, der für Ende 2026 die Schließung angekündigt hat und Alpla baut in Waidhofen 50 Mitarbeiter ab. Was die Auslastung betrifft, sprechen die Betriebe im Schnitt von 70 bis 75 Prozent. Das ist deutlich unter dem Niveau der Vorkrisenzeit.
Die Schwächeperiode setzt sich also fort?
Schwarzl: Wir befinden uns seit über drei Jahren in der Krise. Und ja, wir hatten die Hoffnung, dass es 2026 besser wird. Doch durch die unberechenbaren Handlungen des US-Präsidenten Donald Trump ist die Verunsicherung wieder deutlich größer geworden. Das Thema Zölle ist für viele Branchen eine enorme Belastung, denn gerade die niederösterreichischen Betriebe sind mit durchschnittlich 50 Prozent Exportvolumen sehr exportintensiv. Der Nahost-Konflikt hat überdies die Energiekosten, bei denen wir ohnehin im Wettbewerb nicht die besten Voraussetzungen haben, zusätzlich befeuert.
Dazu kommt auch noch die Lieferkettenproblematik: Da sind wir einerseits zum Teil mit Engpässen der Materialversorgung und andererseits mit enormen Preissteigerungen konfrontiert. Diese Kostensteigerungen können viele Betriebe nicht 1:1 weitergeben. Nachdem es auch nicht absehbar ist, wie sich diese Versorgungslage weiterentwickelt, bleibt die Verunsicherung groß.
Was erwarten oder wünschen Sie sich politisch?
Schwarzl: Mit 40 Prozent des BIP von Niederösterreich liefert die Industrie einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand unseres Landes, diesen Beitrag gilt es mit entsprechenden Maßnahmen zu erhalten.
Die Forderungen, die ohnehin nicht neu sind, betreffen zum einen das Thema Energie. Wir haben einen hohen Anteil an energieintensiven Unternehmen, die im internationalen Kontext wettbewerbstaugliche Energiepreise benötigen. Dazu braucht es unter den bestehenden Rahmenbedingungen Förderungen wie die Strompreiskompensation beziehungsweise den Industriestrompreis. Natürlich ist es schwierig, mit der aktuellen Budgetsituation solche Maßnahmen zu setzen, aber wir haben keine andere Wahl, denn der zwingend notwendige Ausbau der eigenen Energieproduktion kann uns nur langfristig helfen.
Das zweite wichtige Thema, das auch nicht neu ist, betrifft die Arbeitskosten. Hier haben wir ein Niveau erreicht, das wir nicht mehr erwirtschaften können. Aktuell stehen wieder die KV-Verhandlungen an, die wohl die Lohnstückkosten erneut in die Höhe treiben werden. Das verschärft die Wettbewerbssituation weiter, obwohl wir schon jetzt Spitzenreiter im europäischen Vergleich sind. Es braucht also maßvolle Abschlüsse.
Ich bin der Meinung, man müsste auf Regierungsebene gemeinsam mit der Spitze der Sozialpartner einen Pakt für Österreich schließen, um unter den gegebenen Bedingungen tragfähige Lösungen zu finden. Wenn wir Österreich wieder wettbewerbsfähig machen und die Budgets sanieren wollen, braucht es einen gemeinsamen Kraftakt.
Gibt es weitere Themen, die Unternehmen aktuell beschäftigen?
Schwarzl: Ja, vor allem die Bürokratie, besonders auch vonseiten der EU. Zwar ist das Lieferkettengesetz etwas abgeschwächt worden, aber immer noch gültig. Ähnliches gilt für die Entwaldungsverordnung, die viele Branchen betrifft. Massiv schmerzt uns das Entgelttransparenzgesetz, das demnächst eingeführt werden soll. Wir befürchten eine große bürokratische Belastung mit Begleiterscheinungen, die auch auf das Betriebsklima schlagen können. Und die nächste Richtlinie - der Job-Quality-Act – steht ebenfalls schon vor der Tür. Ich frage mich, welchen Mehrwert derartige Gesetze und Richtlinien in einem fortschrittlichen Land wie Österreich bringen. Sicher ist, dass sie unsere Position im globalen Wettbewerb verschlechtern. Es ist an der Zeit, dass wir uns in der EU auf die Faktoren konzentrieren, die Europa einigen und stark machen.
Ich möchte bei all den Herausforderungen nicht den Eindruck erwecken, dass wir in der Industrie nur jammern. Wir leben in einem Land mit großem Potenzial. Das Grundprinzip ist, zuversichtlich und am Boden der Realität zu bleiben. Ich halte auch nichts davon, immer nur zu fordern und zu erwarten, dass Dinge von anderen erledigt werden. Wir müssen uns auch selbst nach der Decke strecken, unsere eigenen Hausaufgaben machen und Verantwortung übernehmen. Trotzdem braucht es den Druck auf die Politik, die mit Mut die notwendigen Reformen dringend angehen muss.
Die Tage der offenen Tür der Industrie steht an. Was gibt es hier zu sehen?
Schwarzl: Sie sind ein gutes Modell, um uns zu präsentieren. Beim letzten Mal – 2023 – haben wir 25.000 Besucher bewegt, 45 Unternehmen in Niederösterreich haben die Tage wirklich großartig organisiert. Wir wollen vor allem jungen Menschen zeigen, was die Industrie macht, welche interessanten Jobs es gibt und wie die Industrie tatsächlich funktioniert. Das Bild in der Gesellschaft ist vielfach noch immer ein falsches – Industrie wird mitunter als ein Wirtschaftszweig gesehen, der schmutzig ist, und sprichwörtlich raucht und stinkt. Genau dieses Bild über eine konzertierte Initiative zu verändern, gelingt über diese Tage sehr gut. Ich glaube, dass dieses Gemeinschaftsformat ein Erfolgsmodell ist – gerade in Zeiten wie diesen. Wir zeigen damit, wie modern die Industrie ist, welche innovativen Prozesse und Produkte es gibt. Und wir haben viele Hidden Champions, die auf diese Weise sichtbar werden.
Wer organisiert die Tage der offenen Tür der Industrie konkret?
Schwarzl: Es ist eine Gemeinschaftsaktion der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer und der Industriellenvereinigung Niederösterreich, die alle drei Jahre stattfindet. Daran nehmen üblicherweise 40 bis 50 Unternehmen teil, die finale Zahl für dieses Jahr kenne ich noch nicht, da die Anmeldefrist noch läuft. Die Menschen, die die Betriebe bisher besucht haben, waren durchwegs begeistert – und das wirkt sich natürlich insbesondere auch stark auf das Lehrlings-Interesse aus. Wer teilgenommen hat, redet auch mit anderen darüber, was die Breitenwirkung ebenso fördert.
IN KOOPERATION MIT WKNÖ - SPARTE INDUSTRIE