IAA Transportation : Flotten haben genug Daten, ihnen fehlt der Kontext
Flottenmanager haben heute Zugriff auf eine Vielzahl von Kennzahlen: Kraftstoffverbrauch, Fahrzeugauslastung, Fahrverhalten oder Standortdaten lassen sich laufend erfassen. Die Herausforderung liegt zunehmend weniger darin, diese Daten überhaupt zu bekommen, sondern darin, daraus konkrete Entscheidungen abzuleiten.
„Die meisten Fuhrparkmanager haben heute nicht zu wenig Daten, sondern zu wenig Kontext“, sagt Wolfgang Schmid, Head of Central Region bei Webfleet, im Gespräch mit Dispo. Ein einzelner Wert für Kraftstoffverbrauch, Auslastung oder Fahrverhalten sei für sich genommen nur begrenzt aussagekräftig. „Entscheidend ist die Frage: Wie schneidet meine Flotte im Vergleich zu ähnlichen Flotten ab?“
Fleet Insights vergleicht Flotten miteinander
Deshalb hat Webfleet "Fleet Insights" entwickelt. Fleet Insights ist eine neue Analyselösung innerhalb der Webfleet-Plattform. Sie führt zentrale Leistungsindikatoren, Performance-Trends und Vergleichsdaten in einer Übersicht zusammen. Ziel ist es, Flottenmanagern nicht einfach zusätzliche Kennzahlen zur Verfügung zu stellen, sondern bestehende Daten in einen Kontext zu setzen.
Für das Benchmarking greift Webfleet nach eigenen Angaben auf mehr als 200 anonymisierte Flottenprofile zurück. Beim Vergleich werden unter anderem Flottengröße, Fahrzeugmix, Branche, geografische Lage und Straßennutzung berücksichtigt. Anwender können damit sehen, wie ihre Flotte im Vergleich zum Durchschnitt und zu den besser abschneidenden Unternehmen ihrer jeweiligen Vergleichsgruppe liegt.
Dadurch sollen sich Leistungslücken schneller erkennen und Maßnahmen priorisieren lassen. „Es geht also weniger um mehr Daten als um die richtige Einordnung der vorhandenen Daten“, sagt Schmid.
KI soll aus der Analyse Maßnahmen ableiten
Mit dem Benchmarking allein soll es allerdings nicht bleiben. Fleet Insights baut auf dem 2025 eingeführten KI-gestützten Fleet Advisor auf. Anwender können dort Fragen zu ihren Flottendaten stellen und unmittelbar Antworten erhalten. Aus dem Fleet-Insights-Dashboard können sie direkt in den Fleet Advisor wechseln, um Fahrzeug-, Fahrer- und Betriebsdaten detaillierter zu untersuchen.
Für Ende Oktober kündigt Webfleet einen weiteren Schritt an: Der Fleet Advisor soll KI-gestützte Empfehlungen liefern. Die Software soll dabei nicht nur Leistungsdefizite identifizieren, sondern mögliche Ursachen aufzeigen und Maßnahmen danach priorisieren, welchen Einfluss sie voraussichtlich auf die Performance haben.
Damit stellt sich allerdings auch die Frage, wie weit die Entscheidungskompetenz einer solchen Anwendung reichen soll. Schmid zieht hier eine klare Grenze: „KI sollte unterstützen, nicht ersetzen.“ Sie könne große Datenmengen analysieren, Zusammenhänge erkennen und jene Maßnahmen identifizieren, die voraussichtlich den größten Effekt haben. „Die letztendliche Entscheidung bleibt jedoch beim Flottenmanager.“
Das gelte insbesondere bei Investitionen in neue Fahrzeuge, Personalmaßnahmen, strategischen Unternehmenszielen oder der Verteilung von Budgets. Dafür seien neben Daten auch Erfahrung, Unternehmenskenntnis und die jeweiligen betrieblichen Rahmenbedingungen notwendig. KI könne eine Entscheidungsgrundlage liefern und konkrete nächste Schritte vorschlagen, die Verantwortung für die tatsächliche Umsetzung solle jedoch beim Menschen bleiben.
Webfleet nimmt Auflieger und Container ins Visier
Die zweite IAA-Neuheit erweitert den Ansatz über die eigentliche Fahrzeugflotte hinaus. Mit Asset Management 360 will Webfleet Fahrzeuge, Anhänger und Auflieger ebenso wie Equipment und andere motorisierte und nicht motorisierte Assets über eine Plattform verwaltbar machen.
Hintergrund ist ein Problem, das sich mit klassischem Fahrzeugtracking allein nicht lösen lässt. „Für viele Unternehmen endet die Wertschöpfung nicht beim Fahrzeug“, sagt Schmid. Auflieger, Wechselbrücken, Container und andere nicht motorisierte Assets stellten teilweise erhebliche Investitionswerte dar und hätten großen Einfluss auf die operative Effizienz. Gleichzeitig fehle Unternehmen häufig die Transparenz darüber, wo sich diese Assets befinden, wie stark sie ausgelastet sind oder wie lange sie ungenutzt stehen.
Asset Management 360 soll deshalb je nach Anforderung von der einfachen Standortbestimmung bis zur Nutzung detaillierter Telematik- und EBS-Daten reichen. Fahrzeuge und andere bewegliche Assets lassen sich damit innerhalb einer gemeinsamen Plattform betrachten.
Weniger Suchen, weniger Stillstand
Das Potenzial sieht Webfleet insbesondere in einer besseren Auslastung sowie geringeren Such- und Standzeiten. Sind Position, Nutzung und Zustand eines Assets bekannt, können Unternehmen vorhandenes Equipment gezielter einsetzen.
Schmid sieht darüber hinaus Möglichkeiten, administrative Abläufe stärker zu automatisieren. Dazu zählt er etwa die Auftragsabwicklung und Abrechnung sowie das Management von Beanstandungen. Das soll den manuellen Aufwand reduzieren und helfen, bestehende Ressourcen besser auszuschöpfen.
Konkrete Pilotkunden oder bereits erzielte Einsparungen nennt Webfleet dazu nicht. Welche Effekte Asset Management 360 im realen Flottenbetrieb tatsächlich erzielt, lässt sich damit noch nicht beziffern.
Batterietracker für nicht motorisierte Assets
Ein Bestandteil von Asset Management 360 wird der LINK 330. Das kompakte, batteriebetriebene Ortungsgerät ist für nicht motorisierte Assets vorgesehen, bei denen keine permanente Stromversorgung zur Verfügung steht – beispielsweise Container, Baumaschinen oder kleinere Anhänger.
Asset Management 360 wurde auf der IAA Transportation erstmals vorgestellt. Anders als Fleet Insights ist die Lösung damit noch nicht regulär verfügbar. Webfleet kündigt die Markteinführung für die kommenden Monate an.
Vom Datensammeln zur Entscheidung
Beide Neuheiten folgen damit demselben Ansatz: Aus vorhandenen Flotten- und Asset-Daten sollen schneller konkrete Entscheidungen entstehen. Jan-Maarten de Vries, President Fleet Management Solutions bei Bridgestone, formuliert es so: „Transportunternehmen verfügen heute über mehr Daten als je zuvor. Doch Daten allein verbessern noch keine Leistung.“
Nach Einschätzung von Webfleet verändert sich damit auch die Rolle des Flottenmanagements. De Vries spricht von einer Entwicklung von der operativen Betriebsführung hin zur Steuerung „operativer Intelligenz“. Vernetzte Fahrzeug- und Asset-Daten sollen mit Analytik und KI kombiniert werden, um Prioritäten und Handlungsbedarf schneller zu erkennen.
Auf der IAA Transportation zeigte Webfleet neben Fleet Insights und Asset Management 360 auch Anwendungen für vorausschauende Wartung, Fahrermanagement und Fahrer-Coaching, Compliance, Video-Telematik, Kraftstoff- und CO₂-Reporting sowie Integrationen in Transportmanagementsysteme.