Geopolitik Lieferkettenrisiken : Nahost-Konflikt belastet globale Lieferketten – Reedereien reagieren mit Umleitungen und Sicherheitsmaßnahmen
Die militärische Eskalation im Nahen Osten entwickelt sich zunehmend zu einem strukturellen Risikofaktor für internationale Lieferketten. Während geopolitische Spannungen in der Region seit Jahren latente Unsicherheit erzeugen, führen die jüngsten Entwicklungen nun zu konkreten Einschränkungen im Luft-, See- und Landverkehr, die sich spürbar auf globale Transportströme auswirken. Sowohl Gebrüder Weiss als auch Cargo-Partner berichten in aktuellen Kundeninformationen von erheblichen Störungen zentraler Verkehrskorridore.
Im Zentrum der maritimen Verwerfungen steht die Straße von Hormus, eine der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten für Energie- und Warenströme zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Laut Cargo-Partner ist diese Meerenge inzwischen von Iran blockiert worden, wodurch sich die Sicherheitslage für die kommerzielle Schifffahrt erheblich verschärft hat. Gebrüder Weiss beschreibt die Situation als „significant disruption“, in deren Folge Schiffe temporär gestoppt oder großräumig umgeleitet werden mussten, während zahlreiche Einheiten in der Region verharren und auf weitere Entwicklungen warten.
MSC verlegt Schiffe – Reedereien reduzieren Risiko
Die Reaktion einzelner Marktteilnehmer unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Lage. Wie das Fachmedium Logistik Heute berichtet, hat die Reederei MSC sämtliche Schiffe im Nahen Osten aus Sicherheitsgründen verlegt. Diese Maßnahme ist als präventive Risikoreduktion zu verstehen und verdeutlicht, dass selbst große Carrier derzeit keine verlässliche Planbarkeit für die Passage durch die betroffenen Gewässer sehen.
Rotes Meer und Suezkanal: Umleitungen verlängern Transitzeiten
Parallel dazu verschärft sich die Lage im Roten Meer. Cargo-Partner weist darauf hin, dass Reedereien begonnen haben, den Suezkanal zu meiden, nachdem Huthi-Rebellen mit Angriffen auf die Schifffahrt im Roten Meer gedroht haben. Bereits in den vergangenen Monaten war die Route über das Kap der Guten Hoffnung zur Ausweichoption geworden, nun verstärkt sich dieser Trend erneut. Die Umleitung verlängert nicht nur die Transitzeiten signifikant, sondern führt zu einer Konzentration von Verkehren auf alternative Seewege, wodurch Wartezeiten und Stauungen entstehen können. Gebrüder Weiss spricht in diesem Zusammenhang ausdrücklich von möglichen Staus und Wartezeiten in der Straße von Hormus und entlang alternativer Routen, einschließlich des Kaps der Guten Hoffnung.
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Jebel Ali unter Druck – Risiken für transkontinentale Supply Chains
Zusätzliche Brisanz erhält die Situation durch Berichte über sicherheitsrelevante Vorfälle in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Cargo-Partner verweist auf Angriffe auf kritische Infrastruktur, darunter auch den Hafen Jebel Ali, der als bedeutendes Drehkreuz für den Handel zwischen Asien, Europa, dem Nahen Osten und Indien fungiert. Eine Beeinträchtigung dieses Umschlagplatzes hat unmittelbare Auswirkungen auf transkontinentale Supply Chains, da Jebel Ali eine zentrale Rolle im Feeder- und Transshipment-Geschäft einnimmt.
Lufträume geschlossen – Frachtkapazitäten verknappen sich
Auch der Luftfrachtverkehr ist erheblich eingeschränkt. Nach Angaben von Gebrüder Weiss sind die Lufträume in Iran, Irak, Katar, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Bahrain derzeit geschlossen. Emirates SkyCargo und Qatar Airways haben ihre Flüge bis auf Weiteres suspendiert, während Emirates lediglich eingeschränkte Operationen wieder aufgenommen hat und bestehende Fracht priorisiert. Etihad wiederum hat Flüge nach und von Abu Dhabi bis zum 4. März ausgesetzt. Cargo-Partner berichtet ergänzend, dass zahlreiche Airlines ihre Europa-Asien-Verbindungen umleiten, was zu Verzögerungen von 24 bis 72 Stunden führe, wobei auch längere Unterbrechungen nicht ausgeschlossen seien. Darüber hinaus kommt es zu einer Verknappung der verfügbaren Frachtkapazitäten auf zentralen Handelsrouten.
Landverkehre und Middle Corridor als Ausweichroute
Neben See- und Luftverkehr sind auch Landverbindungen betroffen. Gebrüder Weiss weist darauf hin, dass die Schließung der Grenze zwischen der Türkei und dem Iran den Gütertransport nach Zentralasien beeinträchtigen kann. Infolgedessen könnten Transporte verstärkt über den sogenannten Middle Corridor verlaufen, also über die Route Türkei – Georgien – Aserbaidschan – Kasachstan – China. Diese Verlagerung dürfte jedoch mit Kapazitätsengpässen und verlängerten Transitzeiten einhergehen.
War-Risk-Zuschläge und steigende Ölpreise
Die wirtschaftlichen Implikationen gehen über operative Verzögerungen hinaus. Cargo-Partner berichtet, dass Reedereien mit sofortiger Wirkung sogenannte War Risk Surcharges eingeführt haben, die an die Verlader weitergegeben werden müssen. Gleichzeitig weisen sowohl Gebrüder Weiss als auch Cargo-Partner darauf hin, dass sicherheitsbedingte Vorfälle im Persischen Golf zu steigenden Rohölpreisen führen können, was wiederum höhere Treibstoff- und Bunkerzuschläge nach sich zieht.
Fragiler Seefrachtmarkt trifft auf neue Eskalation
Diese Entwicklungen treffen auf einen Seefrachtmarkt, der sich ohnehin in einer fragilen Phase befindet. Laut Cargo-Partner war der März durch eine post-Chinese-New-Year-Schwäche gekennzeichnet, die mit einer Zunahme von Blank Sailings, sinkenden Frachtraten und Überkapazitäten – insbesondere auf transpazifischen Routen – einherging. Für die Transpacific-Eastbound-Route wurde eine Kapazitätsreduktion von zwölf Prozent festgestellt. Gleichzeitig hat die globale Hafenüberlastung ein Zweijahreshoch erreicht, wobei nahezu zehn Prozent der weltweiten Flotte durch Staus gebunden sind.
Für das Jahr 2026 rechnet Cargo-Partner mit einem moderaten Nachfragewachstum von rund drei Prozent, während die Flottenkapazität um etwa 3,6 Prozent steigen soll, wodurch das strukturelle Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bestehen bleibt. Hinzu kommen zusätzliche Kosten durch das Anfang 2026 eingeführte EU-Emissionshandelssystem, das insbesondere Verkehre nach Europa verteuert.