Europas Raumfahrtindustrie : IRIS² gegen die Starlink-Abhängigkeit: Europas 15,6-Milliarden-Wette

EUs Van der Leyen, Elon Musk, Starlink Statteliten

Kann Europas Iris2 gegen Starlink bestehen?

- © FM Forum Medien

Seit Jahren zieht das neue Satellitennetz IRIS² schon seine Kreise. Erst als Verordnung, dann als Betreibervertrag, zuletzt als technische Architektur.

Im Orbit aber ist es noch nicht angekommen.

Nun hat die Europäische Union die Weichen für die Serienproduktion gestellt: Nach Abschluss der Verträge mit dem Betreiberkonsortium SpaceRISE geht IRIS² (sprich: Iris hoch zwei) von der Planung in die Umsetzung über.

In Belgien sollen dafür noch in diesem Jahr die ersten Satelliten vom Band laufen. Insgesamt sind 348 Stück geplant. Gut drei Viertel davon soll Aerospacelab liefern. Nach Recherchen des Handelsblatts hat allein dieser Auftrag ein Volumen von mindestens 1,8 Milliarden Euro.

Das Überraschende daran ist nicht nur die Summe, sondern auch, wer sie bekommt: kein bekannter Branchenriese wie Airbus oder Thales Alenia Space, sondern ein Start-up, das erst 2018 gegründet wurde und seine Serienfähigkeit in dieser Größenordnung noch beweisen muss.

© esa

Aerospacelabs Megafabrik wird zum ersten Test für IRIS²

Dafür geht das Unternehmen aufs Ganze: Den Spatenstich für seine Megafabrik im belgischen Charleroi setzte Aerospacelab bereits 2024 – noch bevor der europäische Milliardenvertrag offiziell unterzeichnet war. 2027 soll die volle Kapazität erreicht werden.

Doch so spektakulär die Megafabrik auch ist: Sie bildet im Gesamtprogramm nur einen Teil einer viel größeren industriellen Kette.

Denn Brüssel bestellt hier weit mehr als nur neue Satelliten. Aus IRIS² soll ein vollständiges, in sich geschlossenes Industriesystem werden, das Übertragungsfrequenzen sichert, eine geschützte Bodeninfrastruktur aufbaut und diese Kapazitäten mit dem Betreiber SpaceRISE zusammenführt. Daraus soll ein sicherer Dienst entstehen – für ziviles Breitband, aber vor allem für Verteidigung, Krisenreaktion und Notfalldienste.

Am Ende schließt die Fabrik in Charleroi diesen Kreislauf wieder: Sie soll nicht nur die erste Flotte liefern, sondern kontinuierlich jene Satelliten nachbauen, die technisch veraltet sind oder ersetzt werden müssen. Wenn alles nach Plan läuft, sind die ersten Starts der eigenen Weltraumkonstellation für 2029 vorgesehen.

Die EU versucht also nicht, das Programm als einzelnen Weltraumkonzern aufzubauen, sondern spezialisierte Akteure in einem hochkomplexen Ökosystem zu steuern und zu orchestrieren. Dafür tritt die Kommission als Ankerkundin auf und bestellt die jeweiligen souveränen Dienste.

© Aerospacelabs

So verteilt die EU die Rollen zwischen SpaceRISE, Industrie und ESA

Das Betreiberkonsortium SpaceRISE – gebildet von den etablierten Satellitenanbietern SES, Eutelsat und Hispasat – soll das Netz entwickeln, aufbauen und über eine zwölfjährige Konzession betreiben. Die Branchenriesen Airbus, Thales Alenia Space und OHB liefern hochspezialisierte Komponenten und Nutzlasten, während Aerospacelab als Serienfertiger die Satellitenplattformen baut.

Für die Abnahmen und die technische Kontrolle ist die Europäische Weltraumorganisation ESA zuständig.

Mit einem geplanten Gesamtvolumen von 15,6 Milliarden Euro soll IRIS² Europas geopolitische Lücke im All schließen – und die Abhängigkeit von fremden Satellitennetzen verringern.

Dafür muss jedoch zunächst ein junges Unternehmen in Rekordzeit zum Großlieferanten werden. Zugleich müssen Konzerne, Start-ups und staatliche Stellen wie ein einzelnes System funktionieren. Scheitert eines von beidem, fehlt ein essenzieller Teil der neuen Infrastruktur.

Wie unverzichtbar diese Infrastruktur heute bereits ist, zeigt kein Hochglanzprospekt aus dem Silicon Valley, sondern die kompromisslose Realität eines modernen Krieges mitten in Europa.

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Wie Starlink im Ukraine-Krieg zur kritischen Infrastruktur wurde

Die graue, ungefähr pizzakartongroße Starlink-Antenne ist eines der prägendsten Technologiesymbole des Ukraine-Krieges. Mehr als 50.000 Terminals verbinden ihre Nutzer direkt mit der Starlink-Flotte von SpaceX. Das Netz funktioniert auch dort zuverlässig, wo klassische Infrastruktur am Boden zerstört ist. Für die ukrainischen Streitkräfte wurden die zivilen Terminals zum kritischen Rückgrat für Kommunikation, Aufklärung und Drohneneinsätze.

Ein kommerzielles Satellitenabo wurde so binnen weniger Monate zur zentralen Infrastruktur eines Staates im Krieg. Noch nie zuvor war ein kommerzielles Weltraumsystem in diesem Ausmaß in einen modernen Krieg integriert. Was als ziviles Massenprodukt gebaut wurde, war plötzlich systemrelevant.

Gerade dieser technische Erfolg offenbart jedoch eine fundamentale geopolitische Eigentumsfrage: Am Ende entscheidet bei Starlink ein einziges privates US-Unternehmen, wer den Dienst wo und unter welchen Bedingungen nutzen kann. Ob Privatnutzer oder Staatskunde – die Kontrolle liegt bei SpaceX und Elon Musk. Aus dem New-Space-Abenteuer wird damit eine existenzielle Frage staatlicher Handlungsfähigkeit.

IRIS² war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon auf dem Weg: Die Kommission hatte das Programm bereits neun Tage vor der russischen Invasion vorgeschlagen. Der Krieg war also nicht der direkte Auslöser. Doch Starlink machte die Sicherheitslogik des Projekts plötzlich allgegenwärtig – und erhöhte den Druck gewaltig, aus dem europäischen Plan im Dornröschenschlaf schneller ein einsatzfähiges Netz zu machen.

Bis IRIS² einsatzbereit ist, bündelt die EU deshalb seit Anfang 2026 mit GOVSATCOM bereits verfügbare Satellitenkapazitäten. Eine Übergangsbrücke – noch kein eigenes Netz.

© Aerospacelab

Warum IRIS² kein europäisches Starlink werden soll

Europa investiert die Milliarden also nicht, um Starlink bei der reinen Satellitenzahl zu schlagen. Vielmehr geht es darum, in einer schweren Krise nicht in dieselbe Lage zu geraten und vollständig von einem privaten Anbieter außerhalb der eigenen politischen Kontrolle abhängig zu sein.

Doch das Industriesystem, das Europa gerade erst schaffen will, hat SpaceX mit Starlink längst in den Routinebetrieb gebracht.

Während Europa seine Flotte erst aufbaut, ziehen über unseren Köpfen bereits Tausende Starlink-Satelliten ihre Bahnen. SpaceX betreibt inzwischen mehr als 11.000 davon.

Der harte Vergleich sagt zunächst nichts darüber aus, welches Netz seine Aufgabe besser erfüllt. Aber er zeigt den gewaltigen industriellen Vorsprung, den SpaceX seit seiner Gründung im Jahr 2002 – damals selbst noch ein Start-up – aufgebaut hat.

Starlink setzt auf eine riesige Flotte im niedrigen Erdorbit, überwiegend in etwa 500 Kilometern Höhe. IRIS² kombiniert dagegen 330 Satelliten im niedrigen mit 18 im mittleren Erdorbit. Niedrige Bahnen verkürzen den Signalweg, erfordern aber viele Satelliten. Höher fliegende Satelliten erreichen größere Gebiete – dafür braucht das Signal länger.

© Aerospacelabs

Auch im Orbit wird Zeit zum Wettbewerbsfaktor

IRIS² ist also kein Starlink in klein: Seine Architektur folgt anderen Prioritäten.

Doch der Orbit ist keine unbegrenzte Fläche. Nicht jede Höhe eignet sich für jedes Netz; zudem müssen Sicherheitsabstände und Frequenzen penibel abgestimmt werden. Je dichter die Bahnen belegt sind, desto aufwendiger wird die Koordinierung.

Der Zugang schließt sich nicht plötzlich – aber wer später kommt, findet weniger Spielraum. Auch im All wird Zeit damit zum Wettbewerbsfaktor.

Während Elon Musk und Jeff Bezos der Öffentlichkeit weiter Geschichten von Marsstädten und Raumkolonien erzählen, findet der eigentliche Wettlauf nur wenige Hundert bis Tausend Kilometer über der Erde sowie am Boden in der industriellen Nachbarschaft statt.

Der Wettbewerb ist also um einiges näher, als die Präsentationen der Marktführer glauben machen könnten.

Der Mars verkauft die Vision, die Erde bezahlt das Geschäft

Doch die spektakulären Zukunftsbilder haben eine klare Funktion: Sie erzeugen Aufmerksamkeit, ziehen Ingenieure an und mobilisieren Milliarden an Wagniskapital.

Hier verkauft der Mars die Vision. Die Erde bezahlt das Geschäft. Und das nicht zu knapp.

2025 setzte die kommerzielle Satellitenindustrie weltweit bereits rund 303 Milliarden Dollar um. Nur gut zwölf Milliarden entfielen auf Raketenstarts und rund 20 Milliarden auf den Satellitenbau. Der Löwenanteil von etwa 270 Milliarden Dollar wurde erst danach verdient: mit Bodentechnik und laufenden Diensten – etwa für Navigation, Breitband und die sichere Kommunikation von Unternehmen, kritischer Infrastruktur und staatlichen Stellen.

Genau dort liegen der Markt und die Chance für IRIS².

Mit einem Anteil von 19 Prozent an der weltweiten Nachfrage ist Europa bereits ein großer Kunde – nur noch kein entsprechend großer Anbieter.

Europas Marktchance liegt bei Bodentechnik und sicheren Diensten

IRIS² soll künftig einen größeren Teil dieser Nachfrage mit eigenen Angeboten bedienen – ohne dafür ein zweites SpaceX zu schaffen.

SpaceX vereint als vertikal integrierter Konzern Raketen, Satelliten, Netz und Kundenbeziehung unter einem Dach. Genau darin liegt sein eigentlicher Vorsprung: Der Konzern liefert nicht nur einzelne Teile, sondern besitzt und betreibt das gesamte System – und kann Technik, Preise und Ausbau aus einer Hand steuern.

Die EU wählt bewusst ein anderes Modell: Was der Konkurrent im eigenen System bündelt, soll hier ein Verbund verschiedener Spezialisten leisten. So will Brüssel einen politisch kontrollierbaren Dienst sichern und mehr europäischen Firmen Zugang zum Markt öffnen.

Das verteilt Macht und Wissen auf dem Kontinent – schafft aber zusätzliche Schnittstellen, an denen Zeit verloren gehen kann.

Die SpaceRISE-Konzession soll industrielle Verantwortung bündeln

Zusammenhalten soll dieses verteilte Modell die an SpaceRISE vergebene zwölfjährige Konzession. Vereinfacht gesagt: Brüssel bestellt nicht nur den Bau des Netzes, sondern verpflichtet das Konsortium zugleich dazu, es anschließend auch zu betreiben und die vereinbarten Leistungen zu liefern.

Wer heute den Aufbau koordiniert, muss morgen also die Verantwortung dafür übernehmen, dass das gesamte System funktioniert – bis hin zum zahlenden Kunden.

Darin liegt eine wichtige Lehre aus den Schwierigkeiten anderer europäischer Großprojekte: Arbeitspakete zu verteilen reicht nicht. Einer muss dafür einstehen, dass daraus am Ende ein funktionierender Dienst entsteht.

Der erste Test dafür steht in Charleroi.

Iris2 Vertragsunterzeichnung

- © Europäische Kommision

Charleroi entscheidet über Europas industrielle Wette im All

Denn bevor Europa im All unabhängiger und auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger werden kann, muss das junge Unternehmen Aerospacelab seine neue Megafactory zunächst in eine verlässliche Serienproduktion überführen. Scheitern die Belgier daran, fehlt IRIS² das industrielle Fundament, auf dem SpaceRISE ein funktionierendes Netz und sichere europäische Dienste aufbauen soll.

Gelingt der Hochlauf, wird Charleroi zum doppelten Beweis dafür, dass Europa strategische Infrastruktur wieder stärker selbst kontrollieren kann – und dass ein staatlicher Milliardenauftrag einen international wettbewerbsfähigen Champion hervorbringen kann.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Kann Europa aus einem staatlichen Großauftrag eine Industrie formen, die wie ein Konzern handelt – und über diesen Auftrag hinaus wächst?