Innovation Resilienz Bürokratie : Innovationskraft in Gefahr: Was Affen über unsere Risikoangst enthüllen

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Primatenforscherin Julia Fischer zeigt, was Affen unserer Gesellschaft voraus haben – und warum Bürokratie und Risikoangst die Innovationskraft bremsen.

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Innovation entsteht selten dort, wo jeder Schritt abgesichert, jede Entscheidung dokumentiert und jedes Risiko im Voraus ausgeschlossen werden soll. Gerade in Deutschland und Österreich wächst die Sorge, dass Bürokratie und ein übersteigertes Sicherheitsdenken den Mut zum Ausprobieren verdrängen. Wer Neues entwickeln will, braucht Freiräume – und die Bereitschaft, auch mit Unsicherheit umzugehen.

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Warum aber fällt genau das vielen Menschen und Organisationen zunehmend schwer? Einen ungewöhnlichen Blick auf diese Frage eröffnet Julia Fischer. Die Biologin, Primaten- und Verhaltensforscherin leitet die Forschungsgruppe Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum und ist Professorin an der Universität Göttingen. Sie untersucht unter anderem das Verhalten von Pavianen und Makaken und beschäftigt sich damit, wie Lebewesen auf Veränderungen reagieren.

Der Vergleich mit Primaten liefert keine einfachen Rezepte für Wirtschaft oder Gesellschaft. Er kann aber helfen, menschliches Verhalten aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Wann entsteht Neugier? Wann wird Vorsicht zur Blockade? Und was braucht es, damit Flexibilität, Verantwortung und Entdeckergeist nicht im Dickicht der Absicherung verloren gehen? Darüber spricht Julia Fischer im Interview.

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Wann Menschen und Affen wirklich Risiken eingehen

Re:think: Bestätigt die Evolutionsbiologie die These, dass Wohlstand tendenziell die Risikobereitschaft senkt? Ist es auch in der Tierwelt so, dass satte Exemplare eher zur Bequemlichkeit neigen?

Julia Fischer Über die Tierwelt im Ganzen kann ich nicht sprechen, bei jenen Tieren, die ich am besten kenne, das sind Paviane und Makaken, kann man sagen, dass es einen Sweetspot gibt. Es muss den Tieren gut genug gehen, damit sie explorieren, Neues erkunden wollen. Wenn Affenkinder völlig ausgehungert sind, dann spielen sie nicht mehr und wenn sie absolut vollgefressen sind, auch nicht. Aber so richtig vollgefressen sind die im Freiland eigentlich nie. Der zweite wichtige Faktor ist Alter. Alter spielt bei der Risikobereitschaft eine riesige Rolle. 

Üblicherweise sagt man, jedenfalls auf Menschen bezogen: Je älter ein Individuum ist, desto zurückhaltender und weniger offen für Veränderungen ist es.

Fischer Ja, denn als junger Mensch kann man viel gewinnen, wenn man in die Welt zieht und Risiken eingeht. Und umgekehrt, wenn man schon alt ist und sich alles bewährt hat, was man bis jetzt gemacht hat, dann ist man weniger risikobereit. Deswegen werden Menschen im Alter tendenziell tatsächlich konservativer. 

Es gibt aber auch Mut und Risikobereitschaft, die aus der puren Verzweiflung entstehen.

Fischer Ja, das hat man zum Beispiel zur Zeit der großen Hungersnot in Irland im 19. Jahrhundert gesehen. Da haben viele Iren und Irinnen alles hinter sich gelassen, was sie noch hatten, und das Risiko auf sich genommen, in die Neue Welt zu gehen, ohne zu wissen, was sie dort erwartet. Allerdings gab es damals auch Menschen, die selbst dazu nicht mehr in der Lage waren, weil sie buchstäblich vor dem Verhungern standen. Es muss immer noch ein Minimum an Kraft übrig sein, um ein Risiko eingehen zu können. 

Primatenforscherin Julia Fischer erklärt, warum Affen oft flexibler auf Veränderungen reagieren als Menschen – und was das über Risikoangst, Bürokratie und Innovationskraft verrät.

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Wie Sicherheitsdenken junge Menschen vorsichtiger macht

Sie haben vorhin den Sweetspot zwischen hungrig und überfressen erwähnt, an dem Affen am bereitesten für neue Erfahrung und damit Risiko sind. Wenn wir annehmen, das ließe sich auch auf Menschen übertragen: Wo würde der Sweetspot liegen?

Fischer Das lässt sich nicht so einfach sagen, denn das Phänomen Risikobereitschaft ist ja nicht monokausal. Beim Menschen kommen außerdem auch kulturelle Gepflogenheiten dazu. Die können sich allerdings sehr schnell ändern. Heute gelten viele Verhaltensweisen als hochgefährlich, die noch vor wenigen Jahrzehnten völlig normal waren. Sehr gut kann man das bei der Ängstlichkeit sehen, mit der heute, zumindest bei uns, Kinder aufgezogen werden. Wer schickt in einer Stadt noch seine Kinder zum Spielen nach draußen, oder lässt sie auf einen Baum klettern? In der freien Wildbahn würden wir so eine extreme Veränderung innerhalb von zwei Generationen niemals sehen. 

Der Hang zu Absicherung, das sinkende Vertrauen in die eigene Resilienz ließe sich vielleicht auch damit erklären, dass wir nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als Gesellschaft immer älter werden.

Fischer Das kann man als These aufstellen. Aber wenn es so ist, dann handelt es sich dabei um kulturellen Wandel. Evolution geht nicht so schnell. Den Drang, alles per Gefahrenbeurteilung zu regeln und jedes Risiko auszuschließen, können daher Soziologen wahrscheinlich besser erklären als ich. Die Tatsache, dass wir in einer zunehmend überalterten Gesellschaft leben, in der ältere Leute immer länger den Ton angeben, erklärt für mich allerdings nicht, warum auch junge Leute, heute risikoaverser sind. Mit Corona hat sich das Bedürfnis nach Sicherheit noch einmal verstärkt. Mir kommt auch vor, dass Angst vor Risiko im deutschsprachigen Bereich besonders ausgeprägt ist. 

Ist das tatsächlich so?

Fischer Es fällt schon auf, dass, wenn wir am Primatenzentrum eine Anzeige für Feldassistenz in Senegal schalten, dann bekommen wir so gut wie nie Bewerbungen von Deutschen. Wir bekommen Bewerbungen aus Spanien und aus Italien und auch aus Frankreich, und natürlich welche aus Afrika, aber keine Deutschen. Es gibt bei uns offenbar kaum noch Leute, der Feldforschung in Afrika machen möchte. Wenn ich im Bachelor-Studium von dieser Möglichkeit erzähle, dann heißt es: Nee, das ist so weit weg, das ist mir zu unsicher, zu fremd. Ich denke schon, dass junge Menschen heute in ein Dasein hineinsozialisiert werden, wo schon in der Schule vermittelt wird, Risiko möglichst zu vermeiden. Also nicht rausgehen, weil es zu gefährlich ist, und keine Abenteuer zu wagen. 

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Dieser Artikel ist zuerst in Re:Think (01/2026) erschienen, einem Magazin des Verein Netzwerk Logistik (VNL).

Re:Think ist das Mitgliedermagazin des VNL und unterstützt mit seinen Inhalten das Wissen um wirtschaftliche  und politische Hintergründe des modernen Supply-Chain-Management.

Warum Bürokratie die Innovationskraft lähmt

Es wird ja auch beklagt, dass Deutschland und Österreich der Entdeckergeist abhandengekommen ist und wir deshalb die Innovationsführerschaft verlieren.

Fischer Wundert es Sie? Wer wird denn heute noch Verantwortung übernehmen wollen, wenn die hauptsächlich darin besteht, dass man die ganze Zeit irgendwelche Listen kontrollieren muss? Der spielerische, explorative Zugang, dass man etwas ausprobiert und das auch schiefgehen darf, der ist verlorengegangen. Auch auf den Universitäten. Die Akkreditierungsprozesse von Studiengängen sind zum Beispiel so aufwendig, dass sich jedes Institut drei Mal überlegt, ein neues Modul anzubieten, weil die Bewilligung so mühsam ist und so lange dauert. Da haben es Affen einfacher, die müssen keine Formulare ausfüllen. Wir haben immer mehr Menschen, die, anstatt das zu tun, was sie tun sollten und auch tun wollen, nämlich forschen, Kinder betreuen, Alte pflegen, was auch immer, umfangreiche bürokratische Dokumentationen führen müssen. Das macht Arbeit sinnentleert und ist wohl mit ein Grund für die latente Unzufriedenheit und Aggressivität, die man derzeit überall erlebt.   

Außer auf Formulare zu verzichten: Was können wir von Affen in Sachen Resilienz noch lernen?

Fischer Wir bräuchten ein gesundes Mittelmaß zwischen Routine und Flexibilität, Affen sind da wirklich großartig. Sie haben so ihre Tagesroutinen, denen sie nachgehen. Aber wenn sie an einem Tag merken, aha da drüben rufen gerade die Löwen, dann gehen sie einfach einen anderen Weg. Mit Blick auf den Menschen könnte man also sagen: Auch Affen haben Gewohnheiten, aber sie machen das nicht völlig stupide. Wenn es nötig ist, passen sie ihr Vorgehen an. Ich wünschte, wir hätten auch wieder mehr Freiräume – dazu gehört dann natürlich auch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. 

Über Julia Fischer

Julia Fischer, 59, ist Biologin, Primaten- und Verhaltensforscherin. Sie leitet die Forschungsgruppe Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum und ist Professorin an der Biologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen. Sie promovierte 1996 über die Lautgebung von Berberaffen und war in der Folge unter anderem Leiterin des „Baboon Camp“ in Botswana, wo sie die Kommunikation freilebender Paviane untersuchte. Nach Stationen in Harvard, an den National Institutes of Health, an der University of Pennsylvania und am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wurde sie Professorin in Göttingen. Als eine der bekanntesten Stimmen in der deutschen Verhaltensbiologie engagiert sich Julia Fischer auch als Wissenschaftsvermittlerin.

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