Energienetze : Scholt-Energy-Manager Ottmann: "Es ist vor allem eine Frage des Mindsets"
Wer nur auf Festpreise setzt, trägt oft eine Risikoprämie mit
- © Anatthaphon - stock.adobe.comDer europäische Energiemarkt hat sich grundlegend verändert. Wo früher stabile Preise und langfristige Beschaffungszyklen dominierten, wirken heute wetterabhängige erneuerbare Energien, geopolitische Spannungen, volatile Brennstoffmärkte, CO₂-Preise und vernetzte Strom- und Gasmärkte gleichzeitig auf die Kosten. Für Industrie- und Gewerbebetriebe wird Energie damit zur Frage des Risikomanagements. Wer nur auf Festpreise setzt, kauft Planungssicherheit, trägt aber oft eine Risikoprämie mit. Wer vollständig auf den Spotmarkt geht, kann von günstigen Phasen profitieren, ist kurzfristigen Ausschlägen aber unmittelbar ausgesetzt.
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In den Vordergrund rückt daher eine Kombination aus Terminmarkt, Spotmarkt und laufender Marktanalyse. Unternehmen sichern Teilmengen langfristig ab und lassen zugleich einen Teil ihres Verbrauchs flexibel am Spotmarkt. Das erhöht die Flexibilität, macht die Energiestrategie aber komplexer. Über Chancen und Grenzen dieser Entwicklung sprechen wir mit Thilo Ottmann.
INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Ottmann, der Energiemarkt ist deutlich volatiler geworden. Wie sehr unterschätzen Unternehmen noch immer die Preisrisiken bei Energie?
Thilo Ottmann: Um den Energiemarkt zu verstehen, muss man zwischen zwei Märkten unterscheiden: dem Terminmarkt, auf dem Unternehmen Fixpreise für feste Lieferperioden einkaufen können, und dem Spotmarkt, auf dem Angebot und Nachfrage kurzfristig zusammenkommen. Auf dem Spotmarkt sind erneuerbare Energien stärker in der Preisbildung sichtbar. Dadurch hängt der Markt stärker vom Wetter ab. Unternehmen können also feste Preise für bestimmte Lieferzeiträume einkaufen oder Spotmarktpreise nutzen, um von günstigen Phasen durch erneuerbare Erzeugung zu profitieren.
Viele Unternehmen setzen entweder auf Festpreise oder auf den Spotmarkt. Warum reicht diese Logik nicht mehr aus?
Ottmann: Aus unserer Sicht ist das keine Entweder-oder-Frage. Beide Märkte müssen kombiniert werden. Wir empfehlen unseren Kunden, bei guten Marktmomenten am Terminmarkt Teilmengen einzudecken und den verbleibenden Bedarf über den Spotmarkt zu beschaffen. So lassen sich Planungssicherheit und Flexibilität verbinden.
Scholt Energy bietet auch mittelständischen Unternehmen Marktzugang, Preisabsicherung und Beratung bei Energiestrategien. Ist dieses Modell neu?
Ottmann: Per se ist es nicht neu. Neu ist eher, dass dieses Modell nicht nur der Großindustrie zugänglich gemacht wird. Scholt Energy bietet es auch Industrie- und Gewerbeunternehmen im Mittelstand an und begleitet sie aktiv. Ein klassischer Kunde hat in der Regel keine eigene Einkaufsabteilung für Energie und möchte die Komplexität an einen Partner abgeben. Wir empfehlen konkret, wann Einkaufsmomente günstig sind, um für die kommenden ein, zwei oder bis zu fünf Jahre Teilmengen zu beschaffen. Dabei wird nicht der gesamte Energiebedarf in einem einzigen Moment eingekauft, sondern zu unterschiedlichen Zeitpunkten abgesichert.
Wie sieht eine solche Aufteilung konkret aus?
Ottmann: Eine Zielgröße, die wir häufig empfehlen, liegt bei rund 60 bis 70 Prozent Terminmarktanteil. Ergänzt wird das durch 30 bis 40 Prozent Spotmarktanteil. Damit schaffen wir langfristige Planungssicherheit und ermöglichen zugleich, von günstigen Marktmomenten am Spotmarkt zu profitieren.
Am Ende verlagert dieses Modell auch Verantwortung auf den Kunden. Wie stellen Sie sicher, dass Unternehmen dadurch nicht mehr Risiko eingehen?
Ottmann: Wir lassen den Kunden in diesem Entscheidungsprozess nicht allein. Wir haben ein Analyseteam, das Brennstoffmärkte wie Kohle, Gas und CO₂ sowie geopolitische Entwicklungen berücksichtigt, bevor wir Einkaufsempfehlungen aussprechen. Am Ende trifft der Kunde die Entscheidung. Wir versuchen aber, auf Basis fundierter Analysen gute Einkaufsmöglichkeiten am Terminmarkt zu identifizieren.
Wie viel davon ist Strategie – und wie viel ist Timing-Glück?
Ottmann: Natürlich bleibt der Energiemarkt schwer vorhersehbar. Deshalb geht es nicht darum, den einen perfekten Zeitpunkt zu treffen. Entscheidend ist, nicht den gesamten Bedarf auf einen einzigen Moment zu setzen. Wer Teilmengen zu verschiedenen Zeitpunkten beschafft, reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Marktausschlägen. Ziel ist eine Glättung.
Was unterscheidet Unternehmen, die Energie gut managen, von jenen, die Probleme bekommen?
Ottmann: Es ist vor allem eine Frage des Mindsets. Viele Unternehmen sehen Energie noch immer ausschließlich als Kostenfaktor. Andere erkennen, dass Energie strategisch gemanagt auch zu einem Wettbewerbsvorteil werden kann. Unternehmen, die sich aktiv damit auseinandersetzen, haben eine klare Strategie. Dadurch können sie Marktschwankungen besser ausgleichen und extreme Volatilität in ihren Einkaufspreisen reduzieren.