EU Gasimporte Russland : Russisches Gas aus der Arktis: Europas schwieriger Abschied von Yamal-LNG

LNG Tanker aus Russland vor der EU-Küste und Euro-Scheine die ins Boot fallen (Collage)

Yamal-LNG in der russischen Arktis: Trotz geplantem EU-Importstopp erreicht russisches Flüssigerdgas weiter europäische Häfen – oft als Teil komplexer Lieferketten über Terminals und Pipelines.

- © FM Forum Industriemedien (KI-generiert)

Während die Europäische Union ihre energiepolitische Abkehr von Russland vorantreibt, fließen weiterhin Milliardenbeträge für russisches Flüssigerdgas nach Osten. Besonders deutlich zeigt sich das beim Yamal-LNG-Projekt in der russischen Arktis. Nach Berechnungen der deutschen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald zahlten europäische Abnehmer zwischen Anfang Januar und dem 5. September 2026 schätzungsweise 7,28 Milliarden Euro für LNG aus Yamal. Damit wurde bereits nach gut acht Monaten der von Urgewald berechnete Wert für das gesamte Jahr 2025 von rund 7,2 Milliarden Euro überschritten.

Die Zahlen markieren allerdings keinen exakt ausgewiesenen Umsatz russischer Unternehmen und erst recht keine direkten Einnahmen des russischen Staatshaushalts. Urgewald berechnet die Werte anhand von transportierten Mengen und europäischen Referenzpreisen. Individuelle Vertragspreise, mögliche Rabatte, Transportkosten, Steuern oder spätere Weiterverkäufe sind nicht öffentlich bekannt und werden in dieser Rechnung nicht berücksichtigt. Die 7,28 Milliarden Euro sind daher als Schätzung des Bruttowerts der Lieferungen zu verstehen.

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EU-Gasimporte steigen: Der Widerspruch hinter Europas Russland-Ausstieg

Beim Umfang der Importe zeigt der Trend dennoch klar nach oben. In den ersten acht Monaten des Jahres 2026 erreichten nach Auswertung von Daten des Energieanalysedienstes Kpler 156 Yamal-LNG-Ladungen mit insgesamt 11,39 Millionen Tonnen europäische Häfen. Im Vergleichszeitraum 2025 waren es 142 Lieferungen mit 10,34 Millionen Tonnen. Das entspricht einem Anstieg der nach Europa gelieferten Menge um 10,1 Prozent. Gleichzeitig gingen die weltweiten Exporte des Yamal-Projekts zurück. Europas Anteil an den Lieferungen stieg dadurch von 78,2 auf 88,9 Prozent.

Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Insgesamt hat die EU ihre Abhängigkeit von russischem Gas seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 drastisch reduziert. Nach Angaben der Europäischen Kommission sank Russlands Anteil an den gesamten EU-Gasimporten von rund 45 Prozent vor dem Krieg auf etwa zwölf Prozent im Jahr 2025. Die Einfuhren von russischem Pipelinegas gingen besonders stark zurück. Gleichzeitig blieb Flüssigerdgas aus Russland länger Bestandteil des europäischen Energiemixes.

Anlage des Yamal-LNG-Projekts in der russischen Arktis: Von hier erreicht Flüssigerdgas weiter europäische Häfen – kurz vor dem geplanten EU-Importstopp 2027.

- © Wikipedia

Russisches LNG über Belgien: Wie Zeebrugge zur Drehscheibe für Deutschland wird

Die wichtigsten europäischen Eingangspunkte für Yamal-Gas waren nach den von Euronews veröffentlichten Kpler-Daten 2026 bislang Häfen in Frankreich, Belgien, Spanien und den Niederlanden. Frankreich kam demnach auf rund 4,4 Millionen Tonnen, Belgien auf drei Millionen Tonnen, Spanien auf 2,7 Millionen Tonnen und die Niederlande auf rund 1,1 Millionen Tonnen. Diese Zahlen zeigen jedoch zunächst, wo LNG-Ladungen entladen oder in das europäische Gasnetz eingespeist wurden – nicht automatisch, wer das Gas wirtschaftlich gekauft hat oder wo es am Ende verbraucht wurde.

Gerade im Fall Belgiens ist diese Unterscheidung entscheidend. Das LNG-Terminal Zeebrugge ist eine zentrale Drehscheibe im westeuropäischen Gasnetz. Belgien verfügt über Pipelineverbindungen nach Deutschland, Frankreich, in die Niederlande, nach Luxemburg, Großbritannien und Norwegen. Regasifiziertes LNG kann daher in Belgien anlanden, ins Netz eingespeist und anschließend in Nachbarländer weitergeleitet werden. Die belgische Wirtschaftsbehörde weist ausdrücklich darauf hin, dass solche Mengen in bestimmten Statistiken als belgische LNG-Importe erscheinen können, selbst wenn sie später per Pipeline exportiert werden.

Damit rückt auch Deutschland stärker in den Blick. Direkte russische LNG-Lieferungen über deutsche Terminals spielen in den Hafenstatistiken keine entsprechende Rolle. Dennoch ist Deutschland über Pipelineflüsse und Vertragsstrukturen indirekt mit den Mengen verbunden. Die staatlich kontrollierte deutsche SEFE hält nach Reuters-Angaben einen langfristigen Vertrag über Yamal-LNG mit Lieferung in Zeebrugge; das Unternehmen bestätigte Reuters zudem, russisches Gas über Frankreich und Belgien zu importieren. Eine exakte Zuordnung einzelner Gasmengen zu Endverbrauchern bleibt im europäischen Gasnetz allerdings nur eingeschränkt möglich.

Bereits für das erste Halbjahr hatte Urgewald eine starke Konzentration der Yamal-Lieferungen auf EU-Häfen festgestellt. Von 140 damals erfassten Yamal-Ladungen gingen demnach 136 an EU-Häfen. Diese Daten zeigen vor allem die Bedeutung europäischer Infrastruktur für das Yamal-Projekt – sie sollten aber nicht als einfache Käufer- oder Verbraucherliste einzelner Staaten gelesen werden.

Die Rudolf Samoylovich: Arc7-Spezialtanker wie dieses Schiff halten den Transport von Yamal-LNG aus der russischen Arktis in europäische Häfen am Laufen – kurz vor dem EU-Importstopp 2027.

- © Wikipedia

Russlands Arktisgas: Warum Europa auf wenige Spezialtanker angewiesen ist

Zwei europäisch verbundene Schifffahrtsgruppen haben dabei besonderes Gewicht. Nach der Urgewald-Auswertung entfällt ein großer Teil des Yamal-Transports auf Schiffe der in Glasgow ansässigen Seapeak sowie der griechisch verbundenen Dynagas-Gruppe. Euronews beziffert ihren gemeinsamen Anteil an den Exporten auf rund 72 Prozent. Allein sechs Seapeak zugeordnete Arc7-Schiffe transportierten zwischen Januar und August 2026 demnach 65 Ladungen mit rund 4,73 Millionen Tonnen LNG. Dynagas-Schiffe kamen auf weitere 62 Ladungen und etwa 4,5 Millionen Tonnen.

Gerade im Winter ist diese Flotte für Yamal von besonderer Bedeutung. Während der sommerlichen Navigationsperiode können LNG-Schiffe über die Nördliche Seeroute vergleichsweise direkt Richtung Asien fahren. Mit zunehmender Vereisung wird diese Verbindung jedoch schwieriger. Europa ist geografisch deutlich näher und erlaubt den Spezialtankern schnellere Umläufe zwischen der russischen Arktis und den Entladehäfen.

Importstopp 2027: Warum russisches LNG kurz vor dem Verbot noch boomt

Politisch ist das Ende dieses Geschäfts inzwischen festgelegt. Die EU hat Anfang 2026 verbindliche Regeln zum schrittweisen Ausstieg aus russischem Gas verabschiedet. Neue Verträge sowie bestimmte kurzfristige LNG-Verträge unterliegen bereits Verboten. Für noch bestehende langfristige Verträge gilt eine Übergangsfrist. Ab 1. Januar 2027 sollen sämtliche verbleibenden russischen LNG-Importe in die EU verboten sein. Russische Pipelinegaslieferungen sollen spätestens 2027 vollständig auslaufen.

Zusätzlich hat die EU ihre Sanktionen gegen die russische LNG-Infrastruktur ausgeweitet. Das im April 2026 beschlossene 20. Sanktionspaket umfasst unter anderem Beschränkungen für Wartungsleistungen an russischen LNG-Tankern und Eisbrechern sowie für bestimmte Dienstleistungen von LNG-Terminals. Schon frühere Maßnahmen untersagten neue Investitionen und bestimmte Güter und Dienstleistungen für im Bau befindliche russische LNG-Projekte.

Dass die Yamal-Einfuhren kurz vor dem vollständigen Verbot noch einmal steigen, könnte deshalb auch mit den bestehenden langfristigen Verträgen und der nahenden Frist zusammenhängen. Kpler-Analyst Charles Costerrouse erklärte gegenüber Euronews, EU-Käufer könnten ihre zulässigen Importe vor Inkrafttreten des vollständigen Verbots maximieren. Kurzfristige russische LNG-Verträge sind bereits seit dem Frühjahr 2026 von Einschränkungen betroffen.

Hinzu kommen die höheren Gaspreise des Jahres 2026. Sie erklären, warum der geschätzte Geldwert der Lieferungen schneller gestiegen ist als ihre Menge. Ende August waren erst rund 77 Prozent der gesamten Yamal-Menge des Vorjahres in der EU angekommen, der geschätzte Warenwert hatte den Gesamtjahreswert 2025 dennoch bereits überschritten.

Europas Gas-Dilemma: Raus aus Russland, aber ohne Preisschock

Ein abrupter Ausstieg ist für die EU auch deshalb sensibel, weil die Versorgungslage angespannt bleibt. Der Europäische Rechnungshof warnte Anfang September, dass Europas Strategie zur vollständigen Abkehr von russischer Energie nicht in allen Bereichen schnell genug vorankomme. Nach von Reuters zitierten Daten waren die europäischen Gasspeicher Anfang September 2026 zu rund 67 Prozent gefüllt – deutlich weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Die Prüfer verwiesen zugleich darauf, dass ein Teil des bisherigen Rückgangs beim Gasverbrauch auf milde Winter und hohe Preise zurückzuführen sei und nicht ausschließlich auf strukturelle Veränderungen des Energiesystems.

Genau darin liegt das politische Dilemma. Einerseits will die EU Russland eine wichtige Einnahmequelle entziehen und ihre strategische Abhängigkeit beenden. Andererseits muss sie verhindern, dass der Wegfall russischer Mengen in einer angespannten globalen Marktlage neue Preissprünge oder Versorgungsprobleme verursacht.

Der aktuelle Boom der Yamal-Lieferungen ist deshalb weniger ein Zeichen für eine dauerhafte Rückkehr Europas zu russischem Gas als vielmehr für die Widersprüche der Übergangsphase. Die rechtliche Richtung ist festgelegt: Spätestens zum Jahreswechsel soll russisches LNG weitgehend aus dem EU-Markt verschwinden. Bis dahin aber zeigt der Handel mit der russischen Arktis, wie groß die wirtschaftlichen und logistischen Verflechtungen noch immer sind – und wie anspruchsvoll es ist, sie innerhalb weniger Jahre vollständig zu lösen.

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