Deloitte : Deloitte-Experten über KI in der Wirtschaftsprüfung: "Der Mensch bleibt im Loop"
Martin Fjeldbonde (li. ) und Friedrich Wiesmüllner, Deloitte: "Sicherheit ist das Gebot der Stunde"
- © Thomas TopfINDUSTRIEMAGAZIN: Für welche Unternehmen ist KI heute relevant?
Martin Fjeldbonde: Kurz gesagt: Für alle. KI ist eine Allzwecktechnologie und wird unser Leben grundlegend durchdringen – ähnlich wie damals das Internet, nur viel schneller und umfassender. Sie wird in jedem Prozess stecken, weil sie ihn schneller, günstiger oder besser macht. Aber es gibt keine Allgemeinlösung: Man muss für jedes Unternehmen individuell herausfinden, wie KI den besten Nutzen stiften kann.
2025 nutzten laut Statistik Austria bereits 30 Prozent der österreichischen Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten KI, im EU-Schnitt waren es 20 Prozent. Wo setzen Unternehmen KI derzeit konkret ein?
Friedrich Wiesmüllner: Es müssen zwei Arten der Nutzung von KI unterschieden werden. Zum einen gibt es allgemeine Anwendungen wie ChatGPT oder Copilot, die Mitarbeitende im Arbeitsalltag einsetzen. Am Anfang war das eine Spielwiese. Heute gibt es in vielen Unternehmen klare Regeln, denn niemand will, dass eine Preisliste oder personenbezogene Daten in öffentliche KI-Modelle eingegeben werden. Zum anderen ist KI zunehmend direkt in Standardsoftware integriert. Systeme wie SAP nutzen bereits KI-basierte Funktionen und Agents, um Prozesse zu unterstützen und zu automatisieren.
Wie verändert der KI-Einsatz die Wirtschaftsprüfung?
Fjeldbonde: KI ist zunehmend auf beiden Seiten präsent. Unternehmen nutzen sie selbst in ihren Prozessen und gleichzeitig setzen wir sie in der Prüfung ein. Das verändert, wie wir arbeiten, aber auch, was Unternehmen künftig absichern müssen. Letztendlich geht es darum, Vertrauen in Prozesse und Ergebnisse zu schaffen.
Und wie geht Deloitte selbst mit sensiblen Daten um?
Wiesmüllner: Für uns als Wirtschaftsprüferinnen und -prüfer ist Datensicherheit besonders wichtig. Kundendaten werden nur in geschützten Systemen verarbeitet, auch unsere KI-gestützten Prüfungswerkzeuge laufen in kontrollierten Umgebungen. Sicherheit ist das Gebot der Stunde.
Wo bringt KI in der Prüfung heute den größten Nutzen?
Wiesmüllner: Informationen aus Unterlagen der Kundinnen und Kunden herauszufiltern und dann zu analysieren, ist ein großer Teil unseres Arbeitsprozesses. Bei dieser Analyse der Daten ist KI sehr hilfreich. Dazu kommen Memos, Prüfungsdokumentation und Reviews. KI kann Informationen aus Dokumenten extrahieren, Entwürfe erstellen und zusätzliche Review-Schritte unterstützen.
Wer kontrolliert dabei die KI?
Fjeldbonde: Wir messen die Ergebnisse der KI nicht am Niveau eines Juniors, sondern an dem, was die erfahrensten Mitarbeitenden erarbeiten würden. Speziell dafür wurde Omnia Edge entwickelt, die KI-Erweiterung unserer Prüfungsplattform. Sie läuft in einer geschützten Umgebung und arbeitet mit einer kontrollierten Datenbasis. Dadurch halluziniert sie deutlich weniger als offene Modelle. Trotzdem fließen 80 Prozent des Aufwands in Tests und Qualitätssicherung. Zusätzlich screent Omnia Edge bereits erledigte Prüfungsschritte und ergänzt so den menschlichen Review.
Wiesmüllner: An der Verantwortung ändert sich durch den Einsatz von KI nichts. Für das Ergebnis stehen die verantwortlichen Wirtschaftsprüferinnen und -prüfer rechtlich ein. Unsere Haftung verändert sich nicht, weil wir KI verwenden. Früher gab es ein Vier-Augen-Prinzip. Heute kann man eher von einem Sechs-Augen-Prinzip sprechen: Die KI erstellt eine Analyse, ein Junior kontrolliert sofort und ein erfahrener Audit-Mitarbeiter prüft nach.
Wird die klassische Jahresabschlussprüfung dadurch irgendwann überflüssig?
Wiesmüllner: Die Abschlussprüfung wird nicht überflüssig. Es muss klar zwischen interner Kontrolle im Unternehmen und der Prüfung unterschieden werden. Die Prüfung ist immer nachgelagert, Kontrolle passiert laufend unternehmensintern. Fehler im Tagesgeschäft zu erkennen, ist Aufgabe des internen Kontrollsystems eines Unternehmens. Einen Unterschied zu früher gibt es: Bei großen Prüfungen betrachten wir Massentransaktionen wie Umsatzerlöse oder Personalbuchungen schon heute über das ganze Jahr hinweg, auch mit technischer und KI-Unterstützung. KI verändert das Wie der Prüfung, nicht aber ihr Grundprinzip.
Wenn KI Arbeit spart, müsste Wirtschaftsprüfung dann nicht deutlich billiger werden?
Wiesmüllner: Gute und sichere Technologie ist nicht gratis. Wir setzen deshalb auf ein faires und transparentes Modell. Wenn die Kundinnen und Kunden einen Teil der Technologiekosten mittragen, geben wir auch einen Teil der Gesamtkosteneinsparungen weiter. Versprechen von 30 oder 40 Prozent Effizienzgewinn, wie immer wieder kolportiert wird, halte ich derzeit aber für völlig unseriös. Wir waren und sind aktuell in einer Investitionsphase, etwaige Einsparungen werden erst später kommen.
Was bedeutet die Automatisierung für junge Wirtschaftsprüferinnen und -prüfer?
Fjeldbonde: Viele starten nach der Universität begeistert in den Wirtschaftsprüfer-Beruf und stellen dann fest, dass sie sehr viel Zeit mit Checklisten und Routinetätigkeiten verbringen. KI nimmt genau diese mühsamen Tätigkeiten ab. Dadurch kann der Job interessanter werden, er erfordert damit aber auch mehr technologisches Verständnis.
Wiesmüllner: Damit unsere Juniors lernen, was sie für ihre Entwicklung brauchen, haben wir zusätzlich in Omnia Edge KI-gestützte Lernhilfen implementiert. Sie bekommen nicht einfach eine Lösung präsentiert, sondern erhalten auch die Erklärung, warum der Arbeitsschritt auf eine gewisse Art funktioniert und auf welchen Grundlagen er fußt. Ich sage den Jungen bei uns: KI bietet euch die Chance, dass ihr einen wirklich spannenden Beruf ausüben könnt – und nicht wie früher viele Stunden Hakerl auf Checklisten machen müsst.
Werden kleinere Prüfungsgesellschaften durch diese Entwicklung unter Druck geraten?
Wiesmüllner: Ich glaube nicht, dass kleinere Anbieter einfach aus dem Markt gedrängt werden. Aber ein Einzelkämpfer wird auch mit KI nicht plötzlich einen Großkonzern prüfen können – das konnte er früher aber auch nicht. Dafür braucht es sichere Plattformen und einen arbeitsteiligen, komplexen Prozess – genau das können wir den großen Kundinnen und Kunden bieten.
Gleichzeitig setzen die Kundinnen und Kunden selbst immer mehr KI ein. Entsteht daraus ein neues Feld für Wirtschaftsprüferinnen und -prüfer?
Fjeldbonde: Ja. Kundinnen und Kunden treten immer öfter mit der Frage an uns heran, ob ihre KI vertrauenswürdig und ihr Einsatz sicher ist. Unternehmen werden Unterstützung dabei brauchen, Vertrauen in ihre Systeme, ihre Governance und ihre Ergebnisse zu schaffen.
Wiesmüllner: Vertrauen ist das Wort der Stunde. Wirtschaftsprüfung ist ein vertrauensbildendes Geschäft. Die Rolle der Profession wird sich zukünftig sicher erweitern. Denkbar ist beispielsweise, dass Wirtschaftsprüfungsunternehmen wie Deloitte künftig auch eine Art Zertifizierung oder Bestätigung für KI-Systeme anbieten werden.
Gibt es eine Aufgabe, die KI in der Prüfung nicht übernehmen sollte?
Fjeldbonde: Ganz klar: Das Prüfungsurteil. Das bleibt auch weiter menschlich. Human in the loop.
DIESER ARTIKEL ENTSTAND IN KOOPERATION MIT DELOITTE.