Smart Meter

Warum sich die Einführung intelligenter Stromzähler verzögert

Smart Meter sind aktuell eines der größten Projekte der Energiewirtschaft, Milliardenaufträge inklusive. Doch die Zweifel an den Versprechen dahinter werden stärker. Wie viel Nutzen bringen die Zähler wirklich? Und vor allem - für wen?

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Kurz bevor auch heuer wieder halb Österreich in die wohlverdiente Sommerpause verschwand, wurde im Wirtschaftsministerium noch einmal richtig hart verhandelt. Völlig unbemerkt von TV-Kameras und Mikrofonen trafen sich etwa zehn Personen, um eine neue Runde im Streit um ein echtes Megaprojekt auszutragen – die Einführung der Smart Meter.

Mit dabei: Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und führende Mitarbeiter seines Hauses, die Regulierungsbehörde E-Control, Vertreter der Energiewirtschaft und große Verteilnetzbetreiber. Auch in dieser Gesprächsrunde stand viel auf dem Spiel – schließlich geht es um eines der aktuell größten Vorhaben der Energiebranche: Die Kosten dieses europaweiten Projekts werden allein für Österreich zwischen einer und drei Milliarden Euro taxiert.

Rollout steckt fest

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Das Ziel: Die derzeitigen Ferraris-Zähler an fast allen der knapp 5,7 Millionen Stromzählpunkte gegen neue, digitale Geräte austauschen. Die adretten weißen Plastikboxen messen dann alle Details zum Stromverbrauch, sind aus der Ferne steuerbar und auch sonst richtig schlau: Smart Meter können die Verbrauchsdaten im Minutentakt direkt aus der Firma oder dem eigenen Vorzimmer an die Netzbetreiber senden – eine wahre Datenlawine, in der zahlreiche Anbieter ein riesiges Marktpotenzial erkennen.

Zumal nicht nur der Absatz von Millionen Zählern lockt, sondern auch der Aufbau der vielen neuen Datenautobahnen, die dafür nötig sind – inklusive der IT dahinter. Um diese Aufträge kämpft zur Zeit eine ganze Reihe schwerer Industrietanker: Siemens, ABB, Alca- tel, Telekommunikationskonzerne, IT- Anbieter wie Cisco und Zählerhersteller wie Landis+Gyr.

Das Problem: Der Rollout, wie die Einführung der neuen Zähler in Fachkreisen heißt, steckt fest. Die Vorgabe aus Brüssel lautet, 80 Prozent der Zähler bis 2020 auszutauschen. Österreich hat diesen Rahmen nochmals deutlich verschärft: Schon bis 2019 sollen hierzulande nicht weniger als 95 Prozent aller Zähler „intelligent“ werden.

Doch große Energieversorger wie Wiener Netze oder EVN zögern mit der Auftragsvergabe, weil wichtige Eckdaten bis heute nicht geklärt sind. Die Öffentlichkeit reagiert sehr kritisch auf die Zwangsbeglückung mit den teuren, strahlenden Spionen im Vorzimmer. In Deutschland stellen umfangreiche Gutachten im Auftrag der Regierung den volkswirtschaftlichen Nutzen überhaupt in Frage.

Bis heute ist nicht restlos geklärt, wer das Milliardenprojekt bezahlen soll. Und die Vorteile für Kunden, sowohl gewerblich als auch privat, erweisen sich bei näherem Hinsehen als reichlich nebulös.

Einsparung von 24 Euro

Industrielle Stromabnehmer mit einem Jahresverbrauch über 100.000 kWh haben die intelligenten Zähler längst – ihre Anlagen sind flexibel genug, um mit den detaillierten Daten den Strombedarf in der Produktion zu optimieren. „Bei uns ist das etwa ein Prozent der Kunden“, sagt Thomas Rieder, Programmleiter für Smart Metering bei der Salzburg AG. Jetzt geht es also um die restlichen 99 Prozent. Kleineren Mittelständlern werden im Zuge des Rollouts flexiblere Tarife und Erleichterungen beim Energiesparen versprochen.

Auch Endkunden soll eine höhere Transparenz des eigenen Verbrauchs helfen, den CO2-Ausstoß zu senken. Von konkreten finanziellen Vorteilen ist auffallend selten die Rede – was bei näherem Hinsehen kaum überrascht. So wird ein Gerät nach derzeitigen Angaben 200 bis 300 Euro kosten. Dem stehen potenzielle Einsparungen von 30 Euro pro Verbraucher und Jahr gegenüber – falls Kunden auch fleißig die Tarife studieren und ständig ihren Verbrauch anpassen.

Kritiker befürchten dabei, dass die neuen Tarife je nach Tageszeit steigen und fallen – und zwar nach dem Motto, je höher der Bedarf, desto teurer, genauso wie der Sprit an der Tankstelle jedes Jahr vor Ostern. Allerdings ist die Bereitschaft, seine Waschmaschine flexibel in der Nacht anzuwerfen, gerade in urbanen Gegenden eher gering. Heuer haben dazu Versorger der Schweizer Kantone Luzern und Zürich die Ergebnisse eines großen Feldversuchs vorgelegt.

Demnach haben Haushalte mit einem Smart Meter maximal 24 Euro pro Jahr eingespart. Bei den Vorarlberger Kraftwerken waren die Einsparungen in früheren Pilotprojekten sogar „mit 0,6 Prozent statistisch nicht signifikant“.

Situation für Betriebe noch härter

Im Vergleich dazu ist die Flexibilität eines Gewerbebetriebs, der einfach jeden Werktag in der Früh seine Maschinen hochfahren muss, noch eingeschränkter. Diesen Juli hat die Deutsche Energie-Agentur dena eine ausführliche Analyse dazu vorgelegt, wie viel Smart Meter bringen und wie hoch das Einsparungspotenzial bei Prozesskälte und -wärme, Klimakälte und mechanischen Anwendungen ist. Die Empfehlung der Forscher: Bis 2030 sollten bei gewerblichen Kunden in ganz Deutschland rund 3,9 Millionen Zähler zusätzlich installiert werden, also deutlich weniger als in ganz Österreich – und damit sei das Einsparpotenzial von Smart Metern in den Betrieben auch schon wieder erschöpft.

Eckdaten ungeklärt

Hierzulande sind die heimischen Verteilnetzbetreiber für die Umsetzung federführend verantwortlich. Klare Pioniere in diesem Bereich sind die Linz AG und die EAG. Sie haben schon vor neun Jahren und unabhängig von Brüssel erste Tests mit digitalen Zählern gestartet. Allen anderen läuft gerade die Zeit davon: Obwohl das Megaprojekt Jahre an Vorlauf braucht, stecken viele noch immer in diversen Pilotphasen.

Ein zentraler Grund dafür sind die vielen bis heute offenen Fragen. Reinhard Brehmer, Geschäftsführer der Wiener Netze, meint dazu: „Es müssen allein in Wien Aufträge für 1,5 Millionen Zähler ausgeschrieben werden – doch wir können diese Aufträge nicht ausschreiben, wenn wesentliche Kriterien nicht geklärt sind.“

Der Energiemanager nennt hier etwa die Anzahl der Schnittstellen, die ein Zähler haben muss. Deshalb sei besonders die erste Stufe der Einführung umstritten, nämlich der verpflichtende Umtausch von zehn Prozent der Zähler bis Ende 2015, so Brehmer: „Kein großer Netzbetreiber wird das schaffen. Allen drohen Verwaltungsstrafen. Wir sind in Österreich bei den Vorgaben wieder einmal zu vorauseilend.“

Warten auf Verhandlungen

Die Energiewirtschaft drängt daher darauf, den Zeitplan zumindest auf EU-Niveau abzusenken. Bisher vergeblich – im Wirtschaftsministerium sind die Branchenvertreter zuletzt abgeblitzt. Dort will man auf Anfrage des INDUSTRIEMAGAZIN keine Gründe dafür nennen. Bestätigt werden lediglich die Gespräche selbst, ob und wel- che Ergebnisse es gebe, sei derzeit offen.

Auch bei der E-Control will man die Schwierigkeiten nicht nachvollziehen. Harald Proidl, Leiter der Abteilung für Energieeffizienz, meint dazu: „Wir haben fertige rechtliche Rahmenbedingungen. Von einer grundsätzlichen Verschiebung des Zeitplans halten wir daher nicht viel.“ Allerdings gibt auch Proidl zu: „Die erste Stufe 2015 ist inzwischen kaum erreichbar.“ Jetzt im Herbst hoffen die Netzbetreiber auf neue Verhandlungen.

Neues Ausstiegsrecht für Kunden

Nicht nur wegen der Fristen gehen die meisten Energieversorger, anfangs glühende Befürworter der Einführung, inzwischen auf Abstand zu den ambitionierten Details des Rollouts. Wiener Netze und der niederösterreichische Versorger EVN haben das Projekt Smart Meter vorerst sogar ganz gestoppt.

Sie verweisen vor allem auf die umstrittene Opt-out-Regelung, die laut einer Gesetzesnovelle vom letzten Jahr jedem Kunden zugesteht, die Installation eines Smart Meters abzulehnen – während die Versorger gleichzeitig die Quote von mindestens 95 Prozent erfüllen müssen. Das Gesetz ist eine Reaktion auf die äußerst kritische Einstellung der Öffentlichkeit zum Thema.

Der Gegenvorschlag der Versorger heißt daher Opt-in statt Opt-out: Die Zähler werden dann zwar auch getauscht und können aus der Ferne gesteuert werden, doch es werden nur Tages- oder sogar nur Monatswerte an die Zentrale geschickt. Damit sei der Datenschutz gewährleistet, so der Geschäftsführer der Wiener Netze. Und: „Wer 15-Minuten-Werte haben will, kann sie haben. Wir brauchen keine Tageswerte.“

Hersteller entscheiden mit

Spürbare finanzielle Vorteile sind für kleine und mittlere Stromabnehmer also nicht zu erwarten – eher im Gegenteil. Auch Netzbetreiber dürften die Milliardenausgaben nicht so schnell wieder reinbekommen. Wer profitiert denn dann zumindest kurzfristig am meisten?

Die Antwort liegt nahe: Es sind jene, die den größten Teil vom Kuchen im Milliardengeschäft mit dem Rollout bekommen dürften. Das sind in erster Linie IT-Dienstleister, die Meterdatamanagement (MDM) anbieten, dann die großen Zählerhersteller und schließlich die Kommunikationsdienstleister. Der Umstand, dass sich Europas Behörden und die Energiebranche bis heute nicht auf einheitliche Geräte einigen können, dürfte für die Hersteller nicht von Nachteil sein – dabei könnten Abnehmer den Preis bei sehr großen Stückzahlen deutlich nach unten drücken.

In der Vergangenheit gab es deshalb wiederholt Berichte darüber, dass die Hersteller hinter verschlossenen Türen ordentlich Druck bei den nationalen Rollout-Plänen machen – in Brüssel und auch und gerade in Wien. Im Wirtschaftsministerium hält man sich dazu auf Anfrage bedeckt. Peter Heuell, Geschäftsführer des Schweizer Herstellers Landis+Gyr, der zum japanischen Konzern Toshiba gehört und Weltmarktführer für Smart Metering ist, belässt es hier bei einer Andeutung:

„Unser Rat und unsere Erfahrung werden von der österreichischen Regierung, dem Regulator, den österreichischen Industrieverbänden und Kunden als wichtige Impulse geschätzt.“

„Wirtschaftlich nicht zumutbar

Damit bleibt die Frage nach dem Gesamtnutzen der Smart Meter. Eine Studie, die Oesterreichs Energie vor einiger Zeit in Auftrag gegeben hat, liefert ein recht eindeutiges Bild: Den Kosten des Rollouts von 2,5 Milliarden Euro steht demnach hierzulande ein kumulierter volkswirtschaftlicher Nutzen, also die gesamten Ersparnisse bei Kunden und Lieferanten, von 127 Millionen Euro gegenüber.

Gewiss, Oesterreichs Energie ist ein Interessenverband. Doch im Vorjahr hat im Auftrag des deutschen Wirtschaftsministeriums auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse von Smart Metern für Deutschland durchgeführt.

Die Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer zu den aktuell geplanten Eckdaten sind eindeutig: „Die von der EU angestrebte Roll-outquote von 80 Prozent bis 2020 führt zu einem gesamtwirtschaftlich negativen Netto-Kapitalwert und ist zudem für den Großteil der Kundengruppen wirtschaftlich nicht zumutbar.“ Selbst bei sehr optimistischen Annahmen könne die Mehrheit der Kunden die für sie entstehenden Kosten des Einbaus und der Nutzung „nicht durch Stromeinsparungen und Lastverlagerungen kompensieren.“

Sieben Staaten dagegen. Die Prüfer verweisen auch auf einen anderen Aspekt, der fast nie erwähnt wird. Die EU lässt nämlich ausdrücklich eine Hintertür in ihrer Vorgabe offen. Wenn demnach ein Staat nach Überprüfung zum Ergebnis kommt, dass der Rollout volkswirtschaftlich von Nachteil sei, darf er das Projekt auf Eis legen. Sieben EU-Staaten haben diese Möglichkeit genutzt. Und ausgerechnet Deutschland, also das Mutterland der Energiewende, lässt sich extrem viel Zeit mit der Umsetzung. Aktuell wird der flächendeckende Rollout in dem Land für 2028 erwartet.