Ztalk mit Video

"Die Usability bei Datenbrillen ist entscheidend"

Extended Reality in der Industrie ist – auch getrieben durch die Coronakrise – mittlerweile gelebte Praxis. Die Einbindung aller Mitarbeiter und Sicherheitsstandards sind allerdings erfolgsentscheidend.

Extended Reality-Datenbrillen ermöglichen mittlerweile einige Anwendungen im Industriealltag. Vor allem in den Bereichen remote assist und remote support zeigen Use Cases in heimischen Industriebetrieben, was Datenbrillen im Industrieeinsatz leisten können. „Sie sind die bedeutendsten Werkzeuge im Rahmen der Digitalisierung“, stellt Zühlke-Manager Andreas Pfleger beim zweiten ZTalk fest und bringt als Beleg konkrete Beispiel aus der Praxis: Ein Kunde etwa bekommt eine asiatische Maschine, die durch die aktuellen Reisebeschränkungen vom Hersteller vor Ort nicht in Betrieb genommen werden kann. „Den Aufbau und das Training kann man über eine Datenbrille erledigen. Oder österreichische Spezialisten können etwa eine Maschine, die in einem slowakischen Werk steht, bei Problemen instand setzen“, so Pfleger. „Das spannendste Thema ist allerdings die Echtzeitsteuerung von Maschinen. Alles ist digital und kann über Software verändert werden – selbst Schalter und Knöpfe“, ergänzt der Industrial-Innovation-Experte. „Hier wird die Reise hingehen.“

„Riesiger Use Case durch Coronakrise”

Bei Wien Energie wurde die Hololens 1 vor einigen Jahren getestet, durch die fehlende Helmintegration wäre aber damals die Akzeptanz der Mitarbeiter nicht gegeben gewesen, erzählt Michaela Killian, Data Scientist bei Wien Energie. Doch durch die Coronakrise wurden die Datenbrillen durch „schlichte Notwendigkeit in kurzer Zeit für die Mitarbeiter im operativen Bereich ausgerollt“, so Killian. Damit konnte die effiziente Störfallsuche und -behebung in den Kraftwerken durch Schichtmitarbeiter einfach mit den Kollegen im Home Office abgewickelt werden. „Nach der Krise sollen Datenbrillen fester Bestandteil für den täglichen Einsatz in den Kraftwerken werden“, sagt Killian.

Bei den ÖBB habe man mit dem Thema remote assistence begonnen, erzählt Richard Berger, Innovation Manager bei ÖBB. „Dabei sind wir an Grenzen gestoßen, was etwa Security im eigenen Netz und kritische Infrastruktur betrifft. Virtuelles Simulieren ist einfacher, dort kommt man schnell ins Laufen.“ Die Schulung eines Lokführers etwa könne man zwar mit einem Vollkabinensimulator betreiben, doch das sei sehr teuer. „Hier eignen sich VR-Brillen gut. Hier steht die ÖBB gerade, es gibt aber auch noch viele andere Themen – auch im lebenden Bahnbetrieb“, so Berger. Es gebe allerdings lange Vorlaufzeiten, um das virtuelle Potenzial wirklich zu nutzen, und „dazwischen ist noch der große Bereich IKT“, erklärt der ÖBB-Manager.

White Paper zum Thema

Datenbrillen sind mit Standardanwendungen ausgestattet, die in vielen Fällen für den Industrieeinsatz ausreichend sind, doch nicht immer, wie Stefan Novoszel, Extended Reality Expert bei Zühlke, aus der Praxis berichtet: Ein Maschinenbauer vertreibt komplexe Maschinen weltweit, diese Maschinen benötigen Wartung, es treten teils Störfälle auf. Der Operator vor Ort hat oft keinen technischen Background und eventuell wenig Englischkenntnisse. Hier war das Standardprogramm für remote assist untauglich, weil nicht die gesamte Maschine auf einen Blick zu sehen ist. Zühlke habe die Anwendungen der Datenbrille so erweitert, dass der Experte konkret auf der „digitalen“ Maschine einzeichnen kann, wo sich mögliche Störfälle befinden können um so den Operator durch den Prozess zu lotsen.

Erfolgskritische Faktoren

Um den erfolgreichen Einsatz von Extended Reality zu gewährleisten, seien dabei zwei Faktoren wichtig, so der Tenor: Die Akzeptanz der und Sicherheits-Fragen. „IT-Security steht bei uns an erster Stelle, wir haben sehr strenge Richtlinien und Prozesse, weil wir sicherheitskritische Anlagen betreiben und Versorgungssicherheit gewährleisten müssen“, so Killian. ÖBB-Manager Berger führt dabei auch arbeitsmedizinische Themen an, die man berücksichtigen müsse. „Das ist ein wichtiger Punkt, den darf man nicht unterschätzen.“ Dazu komme auch die Hygiene, die durch Corona noch wichtiger geworden sei. Und auch fehlende Netzwerkkonnektivität könne den Einsatz von Datenbrillen erschweren.

Was die Akzeptanz der Mitarbeiter betrifft setze man sowohl bei ÖBB als auch bei Wien Energie auf Community-Plattformen. „Wir tingeln durch die ÖBB und lassen Mitarbeiter berichten, was sie brauchen. Dadurch identifizieren wir Use Cases und holen gleichzeitig die Mitarbeiter ins Boot. Das ist viel Arbeit, aber mittlerweile haben wir eine Community-Plattform und 100 Use Cases, die man strukturieren kann. Meist geht es um die Themen Kollaboration oder wiederkehrende Tätigkeiten“, berichtet Berger. Bei Wien Energie sei es ähnlich: „Wir sind dabei, eine solche Community aufzubauen. Wir hatten Workshops mit den operativen Mitarbeitern, die uns ihre Use Cases einmelden konnten. So ist auch die Akzeptanz garantiert“, erklärt die Wien-Energie-Managerin. 2021 gibt es dort auch die erste Umsetzung eines konkreten Use Cases.

Ausblick

„Das Thema wird uns in der Industrie in der Zukunft massiv begleiten“, so Andreas Pfleger. Er glaube auch an die Vision, dass es in zehn auch den herkömmlichen Arbeitsplatz faktisch nicht mehr geben wird: „Datenbrillen werden im 15. Lockdown unser Home-Office-Device sein“. Auch ÖBB-Manger Berger sieht den „Möglichkeiten in Zukunft kein Ende gesetzt“, so könnten Fahrdienstleiter in Zukunft mit einer virtuellen Brille etwa im Home Office arbeiten, weil die Verbindung und Sicherheit im Netz gegeben sei. Michaela Killian ist hier etwas pessimistischer: „Wir werden in zehn Jahren immer noch Kraftwerker und Operater haben – aber mit digitalen Tools unterstützt. Damit Brillen zum Alltag gehören im Bereich von sicherheitskritischen Analgen muss noch viel Wasser die Donau runterfließen, damit das rechtskonform wäre. Aber der Alltag eines typischen Kraftwerkers wird auf jeden Fall anders aussehen.“

Die gesamte Diskussion und mehr Use Cases finden Sie im Video.

https://www.youtube.com/watch?v=6mNDzhhVGk0