Salzgitter blockt Übernahme: Kommt jetzt die Deutsche Stahl AG? | INDUSTRIEMAGAZIN

Günter Papenburg, Bauunternehmer und über Jahre zum bedeutenden Salzgitter-Aktionär aufgestiegen, gibt seine Übernahmepläne auf. Zwar zieht er sich nicht aus dem Bau- oder Recyclinggeschäft zurück, aber aus Salzgitter – einem Konzern, dessen Kontrolle er sich systematisch erarbeitet hatte.

Papenburgs Unternehmen bewegt Schotter und Asphalt, zunehmend aber auch Schrott. Entlang der Wertschöpfungskette wollte er sich im Rohstoff-Recycling breiter aufstellen. Salzgitter, Deutschlands zweitgrößter Stahlproduzent mit fast 25.000 Beschäftigten, verfolgt eine ähnliche Strategie: eigene Schrotthöfe, massiver Ausbau des Recyclings, und ein 30-Prozent-Anteil am Metallkonzern Aurubis – ein strategisches Asset mit hoher Gewinnkraft.

Ende 2024 schien Papenburgs Plan, sich einen entscheidenden Zugriff auf Schrottströme und damit auf die Grünstahlproduktion der Zukunft zu sichern, zu funktionieren. Gemeinsam mit TSR Recycling legte er ein Übernahmeangebot vor. Doch die Freude währte kurz.

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Der Machtkampf

Salzgitter reagierte kühl: 18,50 Euro pro Aktie seien zu wenig, erklärte Vorstandschef Gunnar Groebler nach Prüfung am 11. April. Auch der damals zweitgrößte Aktionär, das Land Niedersachsen, dachte nicht daran, seine Anteile zu verkaufen. Die Übernahme war vom Tisch.

Doch Papenburg, inzwischen mit fast 30 Prozent größter Einzelaktionär, suchte Einfluss: Auf der Hauptversammlung attackierte ein Vertreter Papenburgs den Vorstandschef und verweigerte ihm die Entlastung. Kurz darauf trat Aufsichtsratschef Heinz-Gerhard Wente zurück – offiziell freiwillig, tatsächlich unter starkem Druck von Papenburg.

Doch der vermeintliche Sieg kippte: Das Land Niedersachsen stellte sich offen hinter den Vorstand, der Streubesitz folgte. Die Übernahme scheiterte – und Papenburgs Versuch einer Machtübernahme ebenfalls.

Der Rückzug

Die Aktie notiert mittlerweile bei knapp 30 Euro – rund 50 Prozent über dem Angebot, das Papenburg Anfang des Jahres vorgelegt hatte. Diese Entwicklung stärkt den Vorstand. Nach Informationen des manager magazins will Papenburg seine Anteile nach und nach ganz verkaufen. Ende Oktober lag sein Anteil bereits bei 24,12 Prozent, womit Niedersachsen wieder größter Aktionär ist.

Während Thyssenkrupp verzweifelt versucht, seine Stahlsparte loszuwerden – zuletzt verhandelte man mit Jindal Steel –, bleibt Salzgitter eigenständig und selbstbewusst.

Die Zukunft: Kommt eine Deutsche Stahl AG?

 

Salzgitter kann sich dieses Selbstbewusstsein leisten. Zum einen dank der Aurubis-Beteiligung, die stille Reserven in Milliardenhöhe enthält. Über eine Wandelanleihe im Umfang von 500 Millionen Euro wurde ein Teil dieser Position jüngst mobilisiert.

Zum anderen dank SALCOS, dem ambitioniertesten Dekarbonisierungsprogramm der deutschen Stahlindustrie. Mit Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen will Salzgitter seinen CO₂-Ausstoß um bis zu 95 Prozent senken. Hinzu kommen neue Margenpotenziale im Rüstungsstahl: Seit Juli besitzt Salzgitter die Zulassung für den Werkstoff Secure 500 – ein faktisches Monopol in Europa.

Doch über all dem steht eine größere Frage: Wird es einen deutschen Stahlverbund geben? Seit Jahren wird über eine „Deutsche Stahl AG“ diskutiert, die Überkapazitäten abbauen und Wettbewerbsfähigkeit sichern könnte. Sollte der Verkauf von Thyssenkrupp Steel erneut scheitern, dürfte die Debatte zurückkehren – mit Salzgitter als stabilstem Pfeiler, Thyssenkrupp als Sorgenkind und der SHS Stahlholding Saar als möglichem dritten Partner.

Wie Salzgitter sich positioniert – als Einzelkämpfer oder Anker eines neuen Stahlriesen – bleibt offen.