Nahostkonflikt Luftfracht : Nahostkrieg lässt Luftfrachtkapazitäten einbrechen – entdeckt die Logistik den Straßentransport neu?
Seit Beginn der militärischen Eskalation sind zentrale Luftfrachtdrehkreuze im Nahen Osten massiv betroffen. Luftangriffe und die Sperrung von Lufträumen haben Passagier- und Frachtflüge in der Region weitgehend zum Erliegen gebracht, darunter auch wichtige Hubs wie Doha und Dubai.
Nach Daten der Luftfahrt- und Logistikberatung Evian sank die globale Luftfrachtkapazität um 22 Prozent. Besonders stark betroffen ist der Verkehr zwischen Asien, dem Nahen Osten und Europa. Auf dieser Route ist die Kapazität seit Beginn des Konflikts sogar um 39 Prozent zurückgegangen.
Das hat direkte Auswirkungen auf Lieferketten. „Die Lieferkette in den Nahen Osten steht praktisch still“, sagte Abdul Mwabiri, CEO des US-Unternehmens GA Telesys, das Flugzeugteile und Wartungsdienstleistungen anbietet. Das Unternehmen könne derzeit weder Teile in die Region transportieren noch Komponenten zur Reparatur zurückerhalten.
Die Bedeutung des Luftverkehrs für die Weltwirtschaft ist dabei erheblich: Laut International Air Transport Association (IATA) wird rund ein Drittel des weltweiten Handelswerts per Luftfracht transportiert. Dazu gehören unter anderem Elektronikprodukte, temperaturkritische Medikamente, frisches Obst oder Autoteile.
Luftraumsperren treffen Luftfracht: Einbruch der globalen Kapazitäten
Ein wesentlicher Grund für den starken Kapazitätsverlust liegt in der Rolle der Golfstaaten im globalen Luftfrachtverkehr. Fluggesellschaften aus der Region stellen etwa 13 Prozent der weltweiten Luftfrachtkapazität bereit.
Mit der Schließung von Lufträumen in Ländern wie Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten fällt deshalb ein bedeutender Teil dieser Kapazität aus. Laut Logistikunternehmen cargo-partner führte die Sperrung dieser Lufträume unmittelbar nach Beginn der Krise zu einem Verlust von rund 18 Prozent der globalen Luftfrachtkapazität, besonders betroffen waren dabei Airlines wie Qatar Airways, Emirates und Etihad.
Die Folgen sind längere Transportzeiten, eingeschränkte Kapazitäten und steigende Kosten. Spediteure berichten von zusätzlichen Gebühren, etwa durch Umleitungen, höhere Betriebskosten oder Treibstoffzuschläge. Gleichzeitig könnten steigende Ölpreise in den kommenden Wochen zu weiteren Preisaufschlägen führen.
Einige Fluggesellschaften haben inzwischen wieder einzelne Verbindungen aufgenommen, allerdings mit stark reduzierter Kapazität. Bei diesen Flügen werden zunächst gestrandete Passagiere transportiert, während im Frachtbereich vor allem zeitkritische Güter wie verderbliche Waren oder Pharmazeutika Priorität erhalten.
Frischwarenexport unter Druck: Luftfracht in den Nahen Osten zeitweise gestoppt
Wie stark die Störungen bereits in der Praxis spürbar sind, zeigt ein Beispiel aus dem Frischwarenhandel. Rogier Rook und Patrick Thierrij vom niederländischen Unternehmen Valstar berichten, dass die Luftfrachtverbindungen in den Nahen Osten zeitweise vollständig unterbrochen waren.
„Im Export in den Nahen Osten hatten wir am vergangenen Wochenende tatsächlich eine kurze Phase völliger Unterbrechung. Luftfrachtverbindungen wurden vorübergehend eingestellt oder stark eingeschränkt“, sagt Patrick Thierrij.
Inzwischen nehme der Betrieb zwar langsam wieder Fahrt auf, doch die verfügbare Kapazität sei weiterhin sehr begrenzt. Flugpläne könnten sich kurzfristig ändern, und selbst geplante Abflüge könnten im letzten Moment abgesagt werden. „Es erfordert ständig kurzfristige Anpassungen und viel operative Flexibilität, um unsere Kunden weiterhin zu beliefern“, erklärt Thierrij.
Neue Routen im Fokus: Straßentransport zwischen China und Europa gewinnt an Bedeutung
Vor diesem Hintergrund suchen Verlader und Spediteure zunehmend nach alternativen Transportwegen. Eine Möglichkeit ist der interkontinentale Straßentransport zwischen China und Europa.
Beata Užienė, Leiterin für interkontinentale Lösungen beim litauischen Logistikunternehmen Girteka, beobachtet bereits ein wachsendes Interesse an dieser Option. „Störungen auf wichtigen Luftfrachtkorridoren zwischen Asien und Europa zwingen Verlader bereits jetzt dazu, ihre Transportoptionen neu zu bewerten“, sagt sie.
Für Unternehmen mit zeitkritischen Lieferungen ist die Situation besonders schwierig. Mehrere wichtige Luftfrachtkorridore zwischen Asien und Europa sind derzeit nicht nutzbar, während andere Flüge über längere Routen umgeleitet werden müssen. Das verlängert die Transitzeiten und macht Kapazitäten schwerer planbar.
Gerade für Unternehmen, die auf zuverlässige Lieferzeiten angewiesen sind, könne das zu Problemen führen. „In solchen Situationen suchen Unternehmen nach Lösungen, die sowohl Geschwindigkeit als auch Planbarkeit bieten. Der Straßentransport zwischen China und Europa kann genau das leisten“, sagt Užienė.
Neue Logistikkorridore: Straße verbindet Chinas Industriezentren mit Europa
Der interkontinentale Straßentransport über Zentralasien benötigt laut Girteka in der Regel 14 bis 18 Tage zwischen China und Europa. Damit liegt er in der Geschwindigkeit zwischen Luftfracht und Bahntransport, bietet jedoch eine höhere Flexibilität, da die Ware während der gesamten Strecke im selben Transportmittel bleibt.
Die Route verbindet große Produktionszentren in China – etwa Shenzhen, Shanghai, Beijing, Qingdao oder Chengdu – mit europäischen Märkten wie Deutschland, Frankreich, den Benelux-Ländern, Italien, Spanien, Großbritannien oder Polen. Meist führt der Weg über Zentralasien in die Europäische Union.
Einige Logistikunternehmen erweitern diese Korridore inzwischen auch auf Produktionsstandorte in Südostasien, etwa in Vietnam oder Kambodscha.
„Wenn Luftfrachtkorridore unsicher werden, entdecken Lieferketten den Wert von Straßentransport zwischen Asien und Europa neu“, sagt Užienė. Gleichzeitig unterstreiche die Krise, wie wichtig diversifizierte Transportwege für globale Lieferketten seien.