Genau diese Position wird von mehreren Seiten angegriffen. Schneider Electric treibt mit Universal Automation offene, hardwareunabhängigere Automationsarchitekturen voran. Rockwell Automation zeigt KI-orchestriertes Factory Engineering und cloudverbundene Entwicklungsprozesse. NVIDIA baut mit Omniverse und OpenUSD eine Simulationsschicht für Roboter, Fabriken und Physical AI. Gleichzeitig erhöhen chinesische Anbieter wie Inovance mit preisaggressiven Servos, Antrieben und Steuerungen den Druck im klassischen Automationsgeschäft.
Siemens besitzt dagegen eine Breite, die wie kaum ein anderer Industriekonzern von elektrischer Infrastruktur über Simulation und Engineering bis auf den Hallenboden reicht. Genau darin liegt aber auch das Risiko: Schneider muss kein riesiges Industriesoftware-Portfolio integrieren, NVIDIA keine jahrzehntealte Anlagenbasis wartbar halten und Inovance keine Milliardenübernahmen verdauen. Siemens muss vieles gleichzeitig tun.
Die Ausgangslage ist dennoch stark. Siemens gehört seit Jahren zur Spitzengruppe des DAX und stand 2026 zeitweise wieder an der Spitze beim Börsenwert. Smart Infrastructure wächst kräftig, der Konzern meldete im dritten Quartal Rekordergebnisse und starken freien Cashflow. Gleichzeitig bleibt der Anpassungsdruck real: Das Automationsgeschäft litt zuletzt unter China, Lagerabbau und Preisdruck.
Damit geht Siemens den Umbau nicht aus einer existenziellen Krise heraus an – aber auch nicht ohne Zeitdruck. Die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet deshalb nicht, ob Siemens Softwarekonzern oder Maschinenbauer wird. Sondern ob es gelingt, die Kontrollschicht zwischen digitaler Intelligenz und physischer Produktion zu besetzen, bevor offenere Plattformen und fokussiertere Spezialisten einzelne Ebenen des Konzerns schneller neu definieren.