Leadership Resilienz Transformation : „Ökonomie stabilisiert Systeme – Kunst stabilisiert uns Menschen“
Ein Interview mit Markus Poschner zu führen, ist zunächst einmal eine zeitliche Herausforderung. Zuerst war der gebürtige Münchner mit den Vorbereitungen für die Premiere von „Katja Kabanova“ am letzten April-Sonntag beschäftigt. Am darauffolgenden Montag präsentierte er das Programm des Bruckner-Orchesters für die Spielzeit 2026/27. Doch am Dienstag, exakt einen Tag vor Redaktionsschluss, fand Poschner wie vereinbart Zeit, um die Fragen von Re:Think zu beantworten. Und er tat es auf jene Art, die ihn nach übereinstimmendem Urteil von Fachleuten auch als Künstler kennzeichnet: reflektiert, fern von jeglicher Effekthascherei, dafür immer um neue Ideen und Gedanken bemüht.
Poschners Drang, althergebrachte Muster aufzubrechen, zeigen sich in seinem Wirken als Dirigent überall. Geradezu als symbolisch dafür können aber seine Einspielungen von Bruckners Symphonien gelten, für die er auch mehrfach ausgezeichnet wurde. Poschner präsentiert dem Publikum tatsächlich einen völlig anderen Bruckner und löst den Komponisten unter enger Bezugnahme auf die aktuelle musikwissenschaftliche Forschung aus der lange geübten monumental-verstaubten Aufführungspraxis.
Für Poschner besteht Resilienz, wie er im Interview mit Re:Think erklärt, eben nicht nur in Widerstandskraft, sondern auch in der Wandlungsfähigkeit. Dass Poschner als ein sehr kommunikationsbegabter, publikums- und orchesterbezogener Dirigent gilt, hat viel mit dieser Sichtweise auf die Welt zu tun. Seine Wandlungsfähigkeit stellt Poschner übrigens auch durch sein ungewöhnlich breites Repertoire unter Beweis. Nach zehn Jahren beim Bruckner-Orchester in Linz beschreitet Poschner noch einmal einen neuen Weg und wechselt ab der Saison 2027/28 als Chefdirigent den Kontinent, um die Utah Symphony zu leiten.
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Dieser Artikel ist zuerst in Re:Think (01/2026) erschienen, einem Magazin des Verein Netzwerk Logistik (VNL).
Re:Think ist das Mitgliedermagazin des VNL und unterstützt mit seinen Inhalten das Wissen um wirtschaftliche und politische Hintergründe des modernen Supply-Chain-Management.
Re:think: Herr Poschner, Sie haben wohl tausende an Konzerten hinter sich. Wie schaffen Sie es, selbst bei Werken oder Komponisten, die Sie in- und auswendig kennen, nicht in ein Gefühl der selbstzufriedenen Sattheit oder gar Übersättigung zu kommen?
Markus Poschner Routine ist der größte Feind – und gleichzeitig ein hervorragender Lehrer. Ich versuche, jedes Werk so zu behandeln, als hätte ich es gerade erst entdeckt. Der Notentext ist kein statisches Objekt, sondern ein Möglichkeitsraum, den wir immer wieder mit Leben füllen müssen. Wenn man genau hinschaut, findet man immer neue Farben, Spannungen, Schichten. Ich spiele nicht das Stück – ich begegne ihm jedes Mal neu. Sattheit und Routine entstehen erst, wenn man aufhört zu fragen.
Wenn man mitunter ein und dasselbe Programm immer wieder, womöglich an mehreren Tagen hintereinander aufführen muss, fällt es wahrscheinlich dennoch nicht ganz einfach, die Neugier zu bewahren.
Poschner Ganz im Gegenteil, es gibt uns die Möglichkeit, immer weiter zu gehen und tiefer einzutauchen, mehr über uns selbst zu erfahren. Außerdem ist das Publikum jedes Mal anders, der Raum reagiert anders, und ich selbst bin auch nicht identisch mit dem von gestern. Man geht ja auch nicht nur einmal in die Berge und sagt dann: Jetzt habe ich’s gesehen. Neugier bleibt, weil man sich in der Musik immer selbst begegnet und von Mal zu Mal immer intensiver in der Lage ist zu erleben – wie in der Natur auch.
Resilienz von Gesellschaften wird in der aktuellen Debatte vor allem mit wirtschaftlichen bzw. politischen Rahmenbedingungen verküpft. Sie stehen auf dem Standpunkt, auch Kunst macht resilient bzw. ist, wie Sie es bezeichneten, humanrelevant.
Poschner Ökonomie stabilisiert Systeme – Kunst stabilisiert uns Menschen. Und ohne stabile Menschen gibt es keine stabile Gesellschaft. Kunst ist ja nicht nur Bestätigung des Alltags und die ewige Wiederholung des Immergleichen, der immer selben Erzählung. Kunst ist eine Alternative zur Wirklichkeit. Sie soll aufrütteln, erhellen, ergreifen und manchmal auch wütend machen, denn da draußen ist viel, was einen wütend machen kann. Kunst schafft immer Resonanzräume, in denen all unsere Unterschiedlichkeiten ausgehalten werden können, ohne sofort in einfache Antworten zu flüchten. Das ist hochgradig humanrelevant. Resilienz bedeutet ja nicht nur Widerstandskraft, sondern auch Wandlungsfähigkeit und Respekt vor dem Unbekannten – und genau das trainiert Kunst.
Und wie wird der Künstler selbst resilient? Schließlich sind gerade Künstler nicht vor Anfeindungen, existenziellen Nöten oder Missgunst des Publikums gefeit. Wie gehen Sie persönlich damit um, vor allem in Live-Situationen, wo es keinen zweiten Versuch gibt?
Poschner Künstler sein heißt für mich: verletzlich bleiben, ohne daran zu zerbrechen. Kritik und Scheitern gehören dazu – auf der Bühne sogar in Echtzeit. Ich versuche, das nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Chance zu wachsen mit hoffentlich großem künstlerischen Mehrwert. Wenn etwas kippt, entsteht manchmal genau daraus der intensivste Moment. Und wenn nicht: Am nächsten Abend gibt es wieder eine Chance. Das ist beruhigend und beängstigend zugleich. Live heißt eben auch: kein Netz, aber dafür Wahrhaftigkeit und unglaubliche Intensität.
Sie sind dafür bekannt, dass Sie, bildlich gesprochen, ein zu langes Verweilen in der Komfortzone nicht gerade förderlich für den künstlerischen Ausdruck finden. Ist das noch Resilienz oder schon Härte zu sich selbst?
Poschner Ein gewisses Unbehagen ist ein sehr produktiver Zustand, wenn es nicht selbstzerstörerisch wird. Wer sich dauerhaft zu wohl fühlt und es sich bequem macht, spielt irgendwann nur noch sich selbst. Ich würde das nicht Härte nennen, sondern Neugier mit Konsequenzen. Natürlich muss man aufpassen, sich nicht zu überfordern – aber Entwicklung passiert selten im Liegestuhl. Komfort ist angenehm, aber selten erinnerungswürdig.
Sie sehen Kulturschaffende nicht nur als mögliche Resilienz-Förderer, die durch ihren Fokus auf Werte wie Resonanz, Respekt, Dialog die Gesellschaft besser machen können, Sie fordern auch, unter anderem mit Blick auf die USA, dass Künstler Zeichen setzen sollen. Aber überschätzen Sie nicht auch ein wenig die Wirkmacht des Guten, Wahren und Schönen auf die Politik?
Poschner Wie der berühmte Kollege Leonard Bernstein schon einmal sagte: „Kunst hat noch nie einen Krieg beendet oder Menschen aus der Not befreit. Aber Kunst kann die Menschen verändern, verwandeln und sie lehren, besser miteinander umzugehen und aufeinander Acht zu geben.“ Kunst verändert unsere Wahrnehmung der Welt und unseres Gegenübers, und daraus entsteht Haltung. Das ist langsamer, aber dafür umso nachhaltiger. Es geht um Bildung im ganz menschlichen Sinne. Ein Konzert ersetzt keine politische Entscheidung – aber es kann den inneren Kompass justieren. Und der entscheidet am Ende, wie wir miteinander und mit unserer Umwelt umgehen wollen.
Markus Poschner, 55, studierte in München und wurde nach Assistenzen bei Sir Roger Norrington und Sir Colin Davis Erster Kapellmeister an der Komischen Oper Berlin und danach Generalmusikdirektor der Bremer Philharmoniker. Es folgten Chefpositionen beim Orchestra della Svizzera italiana und beim Bruckner Orchester Linz, das er auch derzeit leitet.
Mit Beginn der Spielzeit 2026/27 wird Markus Poschner neuer Chefdirigent des ORF Radio Symphonieorchester Wien, schon 2025/26 hat er die Position als Chefdirigent des renommierten Sinfonieorchester Basel angetreten. Ab 2027/28 übernimmt er außerdem Leitung des Utah Symphony Orchestra, eines der führenden amerikanischen Orchester.
Zu seinen wichtigsten Auszeichnungen zählen der ICMA 2018 für den Brahms-Zyklus mit dem Orchestra della Svizzera italiana, der ICMA Special Achievement Award 2024 für den Bruckner-Gesamtzyklus sowie der Österreichische Musiktheaterpreis für die musikalische Leitung von Tristan und Isolde.
- © Reinhard Winkler