Madison Air übernimmt ebm-papst : Hidden Champion ebm-papst vor dem Verkauf: Warum der Weltmarktführer für 5,4 Milliarden in die USA geht

Arbeiter von ebm-past bei der Ventilatorenfertigung

ebm-papst vor dem Kauf

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Auf den Dächern großer Rechenzentren arbeiten Hunderte Ventilatoren gegen die enorme Abwärme moderner Prozessoren. Fällt die Kühlung aus, können selbst die teuersten KI-Chips binnen kurzer Zeit an ihre thermischen Grenzen geraten.

Zwischen stabiler Rechenleistung und Überhitzung liegt deshalb ein exakt berechnetes System aus Luftführung und Kühlung. Eine Schlüsseltechnologie dafür kommt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus dem beschaulichen Mulfingen in Baden-Württemberg. ebm-papst baut dort Luftsysteme für Fabrikhallen, Wärmepumpen und Großrechenzentren. Gerade der Boom bei KI-Rechenzentren macht das Geschäft strategisch besonders wertvoll.

Doch ausgerechnet jetzt steht der deutsche Hidden Champion vor einer historischen Zäsur: Der US-Konzern Madison Air übernimmt ebm-papst für 5,4 Milliarden Dollar. Die drei Gesellschafterfamilien Sturm, Ziehl und Philippiak, die bislang jeweils ein Drittel hielten, verkaufen all ihre Anteile.

Was macht den deutschen Weltmarktführer für Madison so wertvoll – und warum steigen die Eigentümer ausgerechnet am Beginn des KI-Booms komplett aus?

Das beschauliche Mulfingen - noch Zentrale von ebm-papst

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Vom Lüftermotor zum Weltmarktführer

Wer den Milliardenkaufpreis verstehen will, muss zurück ins Jahr 1963. Gerhard Sturm, Heinz und Günther Ziehl gründen mit 35 Beschäftigten die Elektrobau Mulfingen. Sturm hatte bei Ziehl-Abegg die Außenläuferfertigung geleitet und bringt wichtige Erfahrungen in Konstruktion und Serienbau mit. Produziert werden anfangs kleine Lüftermotoren für Dunstabzugshauben, Haushaltsgeräte und Haartrockner.

Bei einem herkömmlichen Elektromotor dreht sich innen eine Welle. Beim Außenläufer der Mulfinger rotiert dagegen die Motorglocke um den feststehenden Stator; das Lüfterrad sitzt direkt darauf. Motor und Ventilator werden so zu einer flachen, platzsparenden Einheit. Die direkte Verbindung spart wertvolle Bauteile und mechanische Verluste.

1975 folgt der nächste technische Sprung: ebm entwickelt den ersten Axialventilator mit EC/DC-Technik. EC steht für „elektronisch kommutiert“. Leistungselektronik schaltet das Magnetfeld im Motor – verschleißende Bürsten sind nicht mehr nötig, die Drehzahl lässt sich präzise steuern.

Die Idee ist ihrer Zeit voraus, hat wirtschaftlich jedoch zunächst einen schweren Stand: Halbleiter sind damals extrem teuer, Strom ist spottbillig. Der Motor kostet mehr in der Anschaffung, steigert den Wirkungsgrad jedoch von mageren 15 auf sagenhafte 65 Prozent.

Zu den ersten Abnehmern gehört die frühe Computerindustrie der 70er- und 80er-Jahre. Den breiten Durchbruch erlebt die EC-Technik aber erst Ende der 1990er-Jahre in den Reinräumen der Halbleiterindustrie: Dort zählt jeder Wattverlust doppelt – als verbrauchter Strom und als zusätzliche Wärme, die abgeführt werden muss.

Innovation bringt ebm-papst an die Spitze des Weltmarkts

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Warum ebm-papst für Kunden kaum ersetzbar ist

Dieser Erfolg schafft ein solides finanzielles Fundament für gezielte Übernahmen: 1992 kauft ebm Papst Motoren im Schwarzwälder St. Georgen für Kompaktlüfter. 1997 folgt das Alcatel-Werk im bayerischen Landshut für Heiztechnik. Aus den drei spezialisierten Säulen entsteht 2003 die Dachmarke ebm-papst.

Heute sind weltweit mehr als 250 Millionen Ventilatoren von ebm-papst installiert, abgesichert durch über 1.200 Patente.

Der entscheidende Vorsprung vor der Konkurrenz entsteht direkt am Reißbrett des Kunden: Lüfterleistung, Gehäusemaß, Akustik und Elektronik werden tief in dessen Gesamtsystem konstruiert. Wer später den Lüfter wechseln will, muss seine gesamte Anlage neu zertifizieren lassen – ebm-papst wird dadurch fast unersetzlich.

Dieses jahrzehntelange Wachstum ist eng mit den Gründerfamilien verwoben, deren Namen in der Region Hohenlohe Legende sind.

Gründer Gerhard Sturm galt jahrzehntelang als Prototyp des bodenständigen schwäbischen Patriarchen: Einer, der morgens durch die Hallen ging, Arbeiter beim Vornamen nannte und den Erfolg der Firma tief im Jagsttal verwurzelte. Keine pompösen Yachten, sondern Vereinsförderung und Regionalliebe.

Gründer Gerhard Sturm war eine Legende in der Region

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Vom Familienmodell zur radikalen Margenkur

Diese Nahbarkeit prägte das Unternehmen über Generationen – ebm-papst war für die Menschen vor Ort keine anonyme Aktiengesellschaft, sondern schlicht „die Familie“. Über Jahrzehnte führten Sturm, Ziehl und Philippiak das Haus im engen Zusammenspiel von Gesellschafterkreis und Geschäftsführung.

Das Eigentum bleibt auch über die Zeit zu gleichen Teilen auf drei Gründerzweige verteilt. Heute vertritt nun jede Gründerlinie eine neue Generation: Ralf Sturm seinen Vater Gerhard, Chloë McCracken ist eine Enkelin Günther Ziehls und Jan Philippiak ein Enkel Heinz Ziehls.

Erst in den 2020er-Jahren leiten sie schrittweise den Übergang zu einem rein familienfremden Management ein.

Ab 2023 beginnt ebm-papst zu schrumpfen. Der familienfremde CEO Klaus Geißdörfer leitet eine radikale Margenkur ein. Er stoppt neue Pkw-Projekte sowie das Geschäft mit einfachen Hausgerätekomponenten und gibt damit bewusst rund zehn Prozent des bisherigen Konzernumsatzes auf. 2025 folgt der nächste strategische Befreiungsschlag: Die Sparte für mechatronische Antriebe geht an Siemens, während ebm-papst nun alle Ressourcen auf das Kernfeld Luft- und Heiztechnik bündelt.

Die Radikalkur wirkt: Der verkleinerte, aber hochspezialisierte Kern wächst sogleich wieder. Der Umsatz steigt um sechs Prozent auf 2,236 Milliarden Euro, das Segment Lufttechnik legt sogar um zwölf Prozent zu. Über 140 Millionen Euro fließen in die Forschung und Entwicklung neuer Lüftergenerationen.

Das 3,4-Milliarden-Ziel führt in die USA

Danach stehen zuerst die Zeichen auf Sicherung der langfristigen Stabilität des Familienunternehmens: Im März 2025 ziehen Chloë McCracken, Jan Philippiak und Ralf Sturm in den Aufsichtsrat ein, um die Eigentümerführung für den anstehenden Generationswechsel zu sichern und das Haus zukunftssicher aufzustellen.

Zusammen bildet das Trio die Brücke zwischen hohem Ingenieurswesen, internationaler Ausrichtung und schwäbischer Bodenständigkeit. Die Rollenverteilung scheint klar abgesteckt: Die Eignerfamilien steuern im Aufsichtsrat, das angestellte Management führt das operative Geschäft.

Doch unter der Oberfläche baut sich eine gewaltige strategische Dynamik auf. CEO Klaus Geißdörfer gibt das Ziel vor, den Umsatz im Kerngeschäft bis zum Ende des Jahrzehnts auf 3,4 Milliarden Euro zu katapultieren.

Dieser Sprung erfordert zwingend eine massive Expansion im wichtigsten Zukunftsmarkt der Welt: den USA. Doch genau dort stößt das werkseigene Areal im amerikanischen Telford bereits an seine Kapazitätsgrenzen. Um neue Werke aus dem Boden zu stampfen und die Kundennachfrage der KI-Rechenzentren zu bedienen, sind dreistellige Millioneninvestitionen nötig.

Und genau hier tritt der US-Konzern Madison Air auf den Plan. Madison ist für ebm-papst seit Jahren einer der größten B2B-Kunden für Kühlsysteme. Als die Mulfinger den Austausch suchen, entwickelt sich innerhalb weniger Wochen ein konkretes Übernahmeangebot. Madison bringt exakt das mit, was für das 3,4-Milliarden-Ziel fehlt: direkte US-Marktzugänge, ein gigantisches Vertriebsnetz und ein Vielfaches an Eigenkapital im Vergleich zum deutschen Mittelstand.

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Warum Madison Air 5,4 Milliarden Dollar zahlt

Im August 2026 folgt dann die überraschende Schlagzeile: Die drei Eigentümerfamilien entscheiden sich geschlossen gegen die Expansion auf eigenes Risiko – und für den kompletten Verkauf an Madison. Was die Familien abgeben, ist kein Sanierungsfall, sondern exakt jener kernsanierte, hochprofitable Lüftungsspezialist, den Gerhard Sturm und Heinz Ziehl 1963 gegründet hatten.

Hinter dem Deal steht der US-Milliardär Larry Gies. Über seine Holding baut er mit Madison Air systematisch einen Weltmarktführer für Lüftungstechnik auf und bedient damit einen klaren Trend: US-Investoren übernehmen vermehrt deutsche Hidden Champions, um sich ingenieurtechnisches Know-how für globale Plattformen zu sichern. Madison fügt sich ins Bild und kauft nun seinen wichtigsten Zulieferer aus Deutschland für 5,4 Milliarden auf.

Das entspricht dem 14,6-Fachen des für 2026 prognostizierten bereinigten Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.

Um diesen Kaufpreis vor seinen Kapitalgebern zu rechtfertigen, plant Gies binnen drei Jahren 160 Millionen Dollar an jährlichen Synergien im Einkauf und der Produktion ein. Für Mulfingen bedeutet das: Madison steht unter immensem Druck, diese Einsparungen zügig abzuliefern.

Ein Kredit ist keine Aktie

Dieser Verkauf legt ein strukturelles Problem europäischer Familienunternehmen offen: Sie können durch Innovation aus eigener Kraft Weltmarktführer werden – verlangt ein Zukunftsmarkt aber schlagartig Milliardeninvestitionen, wird Unabhängigkeit schnell zum Wachstumsbremser.

Dass US-Konzerne wie Madison solche Summen stemmen können, während deutsche Weltmarktführer an Grenzen stoßen, liegt so selten an fehlender Technik, sondern an den Spielregeln der Kapitalmärkte.

In Europa stützt sich die Unternehmensfinanzierung traditionell auf Bankkredite. Für eine Fabrik reicht das aus. Wer aber in den USA im Milliardentempo expandieren will, stößt mit Bankdarlehen schnell an Belastungsgrenzen.

US-Konzerne agieren in einem anderen Ökosystem und hebeln das Wachstum über liquide Eigenkapitalmärkte, Anleihen und Aktien. Madison finanziert diesen Kauf mit Bargeld, Krediten und neuem Eigenkapital – allein die private Aktienplatzierung soll hier 2,25 Milliarden Dollar einbringen.

Der Deal ist deshalb mehr als der Verkauf eines Ventilatorenherstellers. Die Technologie wurde über Jahrzehnte in Deutschland entwickelt. Der nächste große Wachstumsschub entsteht durch amerikanische KI-Rechenzentren – und für seine Finanzierung wechselt die Kontrolle in die USA.

Der Standort soll auch in Zukunft bestehen bleiben

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Mulfingen bleibt – aber die Kontrolle wechselt

ebm-papst ist dabei Teil einer größeren Konsolidierungswelle:

Eaton übernahm den Kühlungsspezialisten Boyd Thermal für 9,5 Milliarden Dollar. nVent vereinbarte den Kauf des Stromverteilungsspezialisten Maverick Power für zunächst 1,75 Milliarden Dollar. Internationale Konzerne sichern sich gezielt den physischen Maschinenraum des KI-Booms: Stromversorgung, Kühlung und Lufttechnik.

Es ist die ironische Wendung dieser Erfolgsgeschichte: Die Ingenieure aus dem beschaulichen Mulfingen wurden so gut in dem, was sie tun, dass ihr Erfolg die eigene Heimat schlicht überholt hat.

Aber was passiert nun mit den Standorten in Deutschland? Madison Air hat zugesagt, Mulfingen als Hauptsitz sowie als Standort für Forschung, Entwicklung und Produktion zu erhalten. Auch die Tarifverträge bleiben bestehen. Das sichert den Standort, ist jedoch keine Ewigkeitsgarantie für jede Fertigungslinie.

Die Gründerfamilien verkaufen keinen Sanierungsfall, sondern ein hochprofitables Juwel der deutschen Industrie im perfekten Moment des KI-Hypes. Die Ventilatoren werden sich, vorerst, auch künftig im Hohenlohner Land drehen. Doch die Kontrolle und die saftigen Profite aus dem weltweiten Rechenzentren-Geschäft fließen in Zukunft nach Chicago.