Brexit

WKÖ-Experte: Auswirkungen des Brexit auf heimische Firmen gering

Der EU-Austritt der Briten hat keine unmittelbare Auswirkung auf die österreichische Wirtschaft. "Unsere Firmenleiter sind entspannt und denken: Keep calm and carry on - sie warten, was passiert", berichtete der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, Christian Kesberg. "Doch Sekundäreffekte könnten über den Umweg Deutschland drohen", räumte er ein.

Denn für Österreichs wichtigsten Handelspartner Deutschland ist Großbritannien der drittwichtigste Markt. Erhalten die Deutschen infolge des Herauslösens des gewichtigen EU-Mitglieds wirtschaftlich einen Dämpfer, wirkt sich das auch auf Österreich aus.

Aktuell dazu: Die 12 wichtigsten Auswirkungen des Brexit auf die Industrie in Österreich und Deutschland >>

"Natürlich ist die EU für Großbritannien um vieles wichtiger als umgekehrt, aber natürlich ist Großbritannien für die EU wesentlich wichtiger als die Schweiz oder Norwegen", relativierte Kesberg.

Großbritannien selbst, das immerhin das zweitgrößte EU-Mitglied ist, sei "für Österreich immer ein spannender Markt, aber kein ganz spannender Markt", weil das Land schlecht industrialisiert sei. Es gebe dort rund 250 österreichische Niederlassungen mit 32.000 Beschäftigten. "Wir haben dort im Wesentlichen die 'Who's who' der Industrie, etwa die Wienerberger."

Das 'Who's who' der österreichischen Industrie vor Ort

Heimische Unternehmen seien dort überwiegend in Nischen wie Umwelttechnologie, erneuerbare Energie, Biomasse und Passivhäuser vertreten sowie mit Montage- und Ingenieursdienstleistungen für Industrie- und Infrastrukturanlagen aktiv. Fachkräfte sind in Großbritannien wegen des schlechten Ausbildungssystems Mangelware. "Das sind wir gut." Das sei auch ein großes Geschäftsfeld für österreichische Unternehmen und somit ein Bereich, wo diese nun - nicht zuletzt wegen der beim EU-Austritt der Briten fraglichen Freizügigkeit des Personenverkehrs - zitterten.

"Von Abwanderung ist keine Rede"

Von Abwanderung sei bei den österreichischen Unternehmen jedenfalls keine Rede, nur betreffend Expansion stehe man derzeit auf der Bremse, so Kesberg. Zum Teil würden Kapazitäten auf Eis gelegt. Ausbaupläne landeten in der Schublade. "Also ich erwarte jetzt direkt wenig Negatives - es wird aber kein Exportplus von 6 Prozent mehr geben."

2015 erreichte das gesamte österreichische Exportvolumen nach Großbritannien gut 6 Mrd. Euro - etwa 4,2 Mrd. Euro davon entfielen auf Waren und 2,1 Mrd. Euro auf Dienstleistungen. Die heimischen Warenlieferungen dorthin erhöhten sich im Vorjahr um 5,9 Prozent. Im ersten Halbjahr 2016 betrug der Exportzuwachs nur 1,9 Prozent.

Österreich erzielte 2015 im Warenaustausch mit den Briten einen Überschuss von 1,8 Mrd. Euro - die Importe aus Großbritannien legten ebenfalls um rund 6 Prozent auf 2,4 Mrd. Euro zu. Bei den Dienstleistungen ist die Bilanz ausgeglichen: Aus dem Vereinigten Königreich kam ein Volumen von 1,95 Mrd. Euro - vor allem dank Reiseverkehrs und Finanzdienstleistungen.

Heuer in den ersten sechs Monaten belief sich das österreichische Aktivum in der Handelsbilanz mit Großbritannien auf 700 Mio. Euro - Warenexporten von 2,1 Mrd. Euro (plus 1,9 Prozent) standen Importe von 1,4 Mrd. Euro (plus 14,1 Prozent) gegenüber. (APA/red)