Fahrzeugentwicklung : Virtual Vehicle: Die Brückenbauer

Verdreht, gestaucht, eingerissen: Die B-Säule des neuen Audi A4 verlässt den Prüfstand komplett deformiert. Die Zerstörung hat diesmal einen doppelten Sinn. Mit dem Crashtest wurde nicht nur das übliche Procedere der Sicherheitstests absolviert, er war gleichzeitig eine Premiere: Erstmals wurde eine B-Säule allein, also ohne komplette Karosserie, gecrasht – Ergebnis der Kooperation des Herstellers mit dem Virtual Vehicle. „Aus Kosten- und aus Zeitgründen werden Gesamtfahrzeug-Prototypen immer seltener eingesetzt“, erklärt Jost Bernasch, Geschäftsführer des Grazer Unternehmens, „hinzu kommt, dass sich die Materialien immer schneller ändern.“ Am Virtual Vehicle war der B-Säulen-Prüfstand lange vor seiner physischen Verwirklichung simuliert worden. Und die Krafteinleitung wurde in der numerischen Simulation so exakt vorausberechnet, dass die Belastung der B-Säule im realen Prüfstand jener im Gesamtfahrzeugtest nahezu hundertprozentig entsprach. Think-Tank Dass sich im weinroten Gebäude auf dem Campus der TU Graz eines der weltweit innovativsten Automobil-Forschungszentren befindet, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die wirklich spektakulären Bereiche liegen zum Teil unter der Erde und sind top secret: Die physischen Prüfstände, in denen die Simulationen in physische Realität umgesetzt werden, sind für Besucher tabu.Lesen Sie weiter: Der Think-Tank muss Ergebnisse liefern

Der Bürokomplex ist ein Think-Tank: Maschinenbauer, Elektrotechniker, Telematiker, Informatiker, Physiker, Chemiker und andere Spezialisten arbeiten am Virtual Vehicle – rund 200 Mitarbeiter. Der Think-Tank muss Ergebnisse liefern. Der Druck entsteht nicht zuletzt durch die Konstruktion als GmbH: „Wir stehen im Wettbewerb mit Forschungseinrichtungen vor allem in Deutschland, bekommen keine Basisförderung“, sagt Jost Bernasch.Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung brauchen oftmals zu lange, um in der Industrie anzukommen, erklärt Bernasch, „wir sehen uns daher in einer Art Brückenfunktion, die diesen Weg deutlich zu verkürzen hilft“. Die Brückenfunktion hat bisweilen auch eine diplomatische Dimension: Auf der einen Seite stehen Projekte für einzelne OEMs – mit vertraglich genau geregelten Rechten und unter strenger Geheimhaltung. Auf der andere Seite führt das Virtual Vehicle Forschungsarbeiten im Rahmen des K2-Korridors des „COMET“-Förderprogramms durch, deren Ergebnisse der gesamten Branche zugute kommen. Die Balance zwischen den beiden Bereichen zu halten, „ist natürlich immer wieder eine Gratwanderung“, räumt Jost Bernasch ein. „Auf Wirtschaftlichkeit getrimmt“ „Hinter unseren Projekten steht der Gedanke der effizienten Entwicklung. Alles, was wir entwickeln, muss von Beginn an auf Wirtschaftlichkeit getrimmt sein“, sagt Bernasch. Im Mittelpunkt der Forschung stehen vor allem Energieoptimierung und CO2-Verbrauch, integrale Verkehrssicherheit, Leichtbau und Elektronik. Von den aktuellen Forschungsthemen des Virtual Vehicle hat man durchaus bereits gehört – sie werden jedoch meist unter dem Begriff „Visionen“ subsumiert. „Information Harvesting“ etwa: Modernen Fahrzeugen, erklärt Jost Bernasch, stehe zwar eine Flut von Informationen zur Verfügung, doch seien diese entweder nur vereinzelt abrufbar oder aber sie überfordern in ihrer Fülle den Fahrer. Die Grazer arbeiten an intelligenter Filterung und maßgeschneiderten Paketen für den jeweiligen Anwendungsbedarf. Aus der Spaßverderber-Ecke Oder auch „E-Vectoorc“: Das Virtual Vehicle ist Teil des EU-weiten Projektkonsortiums mit dem Ziel, Elektrofahrzeuge sicherer und effizienter zu machen – mit Schwerpunkt auf der frühen Entwicklungsphase neuer Modelle. Gemeinsam mit Jaguar, Land Rover, Skoda und universitären Partnern arbeiten die Grazer an der individuellen Momentregelung von im Fahrzeug verbauten Elektromotoren. Das Projekt könnte nicht zuletzt dazu beitragen, das Thema E-Mobility aus der notorischen Spaßverderber-Ecke zu holen. „Torque Vectoring“ zum Beispiel, die individuelle Verteilung der Antriebsmomente auf die einzelnen Räder bei Kurvenfahrt, dient zwar ebenfalls der Sicherheit, erhöht aber auch definitiv den Fahrspaß.In den Rechnern des Virtual Vehicle ist dies – simulierte – Realität. Die Rohkarosserie beim Empfang wirkt daneben beinahe wie ein ironisches Statement. Bernhard FragnerLesen Sie hier: "Das Batteriefahrzeug stagniert" - Interview mit Batterie-Spezialist Alex Thaler