Telekombranche ausverkauft : Telekom Austria ist jetzt ein mexikanischer Konzern

Wiener Arsenalturm mit neuem A1-Logo (2)
© A1 Telekom Austria/Helene Waldner

Der Staat Österreich ist nicht mehr größter Aktionär der Telekom Austria. Der zweitreichste Mann der Welt, Carlos Slim, hat mit seinem Übernahmeangebot weitere 23,5 Prozent der Aktien eingesammelt und kommt nun auf einen Anteil von 50,8 Prozent. Das teilte Slims Telekomkonzern America Movil am heutigen Dienstag mit.

In Österreich löste das erneute Kritik an der Staatsholding ÖIAG aus. Der Einfluss Slims auf die Telekom Austria war bereits durch einen Ende April zwischen Slim und der ÖIAG abgeschlossenen Syndikatsvertrag festgeschrieben worden.

Alleinige Kontrolle aus Mexiko

Der Vertrag sichert dem mexikanischen Telekomkonzern die alleinige Kontrolle über die Telekom Austria. Die ÖIAG bekommt im Gegenzug Vetorechte. Der Aktionärspakt ist seit Ende Juni in Kraft, nachdem alle Behörden grünes Licht gegeben haben. Der Aktionärspakt der ÖIAG mit Slim löste das Pflichtangebot aus.

America Movil hat bis zum 10. Juli allen Kleinaktionären, die bisher rund 44 Prozent hielten, 7,15 Euro pro Aktie geboten. Hätten alle Anleger das Angebot angenommen, hätte Slim 1,4 Mrd. Euro auf den Tisch legen müssen. So sind es etwas mehr als 743 Mio. Euro. Zum Vergleich: Laut "Forbes" kommt Slim auf ein Vermögen von 78,5 Mrd. US-Dollar - das sind umgerechnet 57,6 Mrd. Euro.

Super-Deal fur America Movil

Für America Movil ist die Übernahme eine wichtiger Wachstumsschritt in Europa. Das Unternehmen will sich unabhängiger vom südamerikanischen Heimatmarkt machen, wo eine strengere Regulierung die Erträge zu schmälern droht.

Die Mexikaner wollen die Telekom Austria künftig als Plattform für weitere Zukäufe in Osteuropa nutzen. Der Schwerpunkt liege dabei auf Akquisitionen von Festnetzgesellschaften zur Stärkung der bestehenden Mobilfunkaktivitäten, schätzt LBBW-Analyst Stefan Borscheid laut Reuters. "Allerdings ist auch mit dem Einstieg in neue Länder zu rechnen."

Neben dem österreichischen Konzern ist Slim auch an der niederländischen KPN beteiligt. Slim deutete in den Niederlanden allerdings zuletzt einen Ausstieg aus, sofern der Preis stimme.

Slim will mehr

Die Aktien der Telekom Austria haben kaum auf die Nachrichten reagiert. Bis 14.00 gaben die Papiere nur leicht um 0,18 Prozent auf 7,16 Euro nach.

Denn Slim könnte seinen Anteil bis Mitte Oktober noch weiter erhöhen. Bis dahin gibt es nämlich eine gesetzliche Nachfrist. Diese dreimonatige Nachfrist beginnt ab dem Tag, an dem das Ergebnis des Übernahmeangebots auf der Webseite der Übernahmekommission und im Amtsblatt der "Wiener Zeitung" veröffentlicht wird, hieß es von der Behörde zur APA. Das wird für morgen, Mittwoch, erwartet. Die Nachfrist liefe dann bis zum 16. Oktober 2014.

Falls bis Mitte Oktober weitere Kleinleger ihre Telekom-Anteilsscheine an Slim abtreten, müsste dieser die Aktien wieder verkaufen. Slim und die ÖIAG haben in dem Ende April geschlossenen Syndikatsvertrag ausgemacht, dass mindestens 24 Prozent der Telekom-Aktien weiter an der Wiener Börse notieren sollen.

"Wenn wir mehr als 50 Prozent der Aktien bekommen, so werden wir innerhalb von zwei Jahren so viele Aktien abgeben, um diesen Streubesitz sicher zu stellen", sagte der Finanzchef von America Movil, Carlos Garcia Moreno, Ende Mai im Nachrichtenmagazin "News".

Es war einmal eine Volksaktie

14 Jahre nach dem Börsengang der Telekom Austria, beim dem viele Papiere als "Volksaktie" zum Ausgabepreis von 9 Euro an österreichische Kleinanleger verkauft worden sind, ist damit von der österreichischen Telekombranche nicht mehr viel übrig.

Österreichs Telekombranche ist ausverkauft

Der einstige Monopolist befindet sich nunmehr unter der Kontrolle von Slim, T-Mobile Austria gehört zu 100 Prozent der Deutschen Telekom und Hutchison ("3", Drei) befindet sich im Eigentum des chinesischen Mischkonzerns Hutchison.

Nicht anders sieht es im Festnetzbereich aus. Tele2 hat seinen Firmensitz im schwedischen Stockholm, Mitbewerber UPC befindet sich in der Hand der britischen Liberty Global.

"Abenteuer" der Telekom in Bulgarien

Dass so viele Anleger ihre Aktien an Slim abgegeben haben, hat selbst Brancheninsider überrascht. Viele gingen davon aus, dass Slim zwar auf über 40, aber nicht auf über 50 Prozent kommt. Ein Grund dafür, dass Slim nun mehr als die Hälfte der Aktien hält, könnte das 400 Mio. Euro schwere Finanzloch der Telekom in Bulgarien sein, das mitten in das laufende Übernahmeangebot platzte.

Dass der riesige Abschreibungsbedarf den Ausschlag zum Verkauf gegeben hat, hat zuletzt auch Kleinanlegervertreter Wilhelm Rasinger gegenüber Reuters angedeutet. Auch viele große Banken hatten ihren Kunden empfohlen, die Offerte anzunehmen.

Die Staatsholding ÖIAG hat sich nach dem Riesendeal erwartungsgemäß zufrieden mit der 51-Prozent-Übernahme des ehemaligen Staatsbetriebes Telekom Austria durch die mexikanische America Movil, kontrolliert von Carlos Slim, gezeigt.

"Der Abschluss der Übernahmefrist ist ein wichtiger Meilenstein in der Wachstumspartnerschaft zwischen ÖIAG und America Movil", so Bernhard Nagiller, Sprecher der ÖIAG.

Staatsholding beruhigt

Die Staatsholding werde "langfristig mindestens 25 Prozent der Anteile an der Telekom Austria halten und weiterhin eine gewichtige Rolle bei der Entwicklung des Unternehmens spielen". Ziel sei es, die Telekom zu stärken "und einen umfangreichen Wachstumskurs in Zentral und Osteuropa sicherzustellen". Nagiller betonte, dass das Headquarter sowie alle wesentlichen Geschäftsfunktionen in Österreich "vertraglich abgesichert" seien.

Im Syndikatsvertrag der ÖIAG mit den Mexikanern steht, dass die Expansion nach Osteuropa über die Telekom abgewickelt wird - diese Vereinbarung gilt aber nur, "solange ÖIAG kein Veto gegen Kapitalerhöhungen ausübt".

America Movil übernimmt Kontrolle über das Management

America Movil schafft künftig sowohl in Vorstand und Aufsichtsrat als auch in der Syndikatsversammlung an. Die ÖIAG hat Vetorechte, solange sie mehr als 25 Prozent an der Telekom hält. Bei einem Anteil zwischen 25 und zehn Prozent muss die ÖIAG auf einige der Rechte verzichten. Wenn sie unter 10 Prozent fällt, wird der auf 10 Jahre abgeschlossene Syndikatsvertrag automatisch aufgelöst.

Zur weiteren Vorgangsweise meinte Nagiller: "Im nächsten Schritt geht es darum, die Nachfrist zum Übernahmeangebot abzuwarten." Das Übernahmegesetz schreibt bei Pflichtangeboten nämlich eine dreimonatige Nachfrist vor, in der das Angebot zu den gleichen Bedingungen immer noch angenommen werden kann. Die Nachfrist endet Mitte Oktober.

Harte Kritik von der Konkurrenz

Weit weniger angetan zeigt sich Mitbewerber T-Mobile Austria. "Nachdem America Movil die Mehrheit bei Telekom Austria übernommen hat, bleibt am österreichischen Markt mit T-Mobile und unserer zweiten Marke Tele.Ring nur mehr ein Anbieter, der zu 100 Prozent in der EU beheimatet und in europäischem Besitz ist. Das stellt der österreichischen, aber auch der europäischen Regulierungs- und Industriepolitik kein gutes Zeugnis aus", so T-Mobile-Chef Andreas Bierwirth zur APA.

T-Mobile: Europas Telekommarkt sturmreif geschossen

Europas Telekommarkt sei durch hohe Belastungen und Auflagen so geschwächt, dass er reif für die Übernahme durch amerikanische und asiatische Unternehmen sei.

"In Hinblick auf die Sicherheit der europäischen Infrastruktur, sowie die Wachstumschancen der Wirtschaft als ganzes, ist dies sehr bedenklich. Der französische Wirtschaftsminister sprach erst vor kurzem davon, dass die Telekom-Industrie in Trümmern liegt", so Bierwirth. (apa/pm)

Dass America Movil nun knapp 51 Prozent an der teilstaatlichen Telekom Austria hält, ist für die Grünen "erneut" ein Versagen der Staatsholding ÖIAG.

"So erfolgt eine stille Übernahme, denn vormals österreichischer Staatsbesitz ist nun mexikanisch", sagte die Telekomsprecherin der Grünen, Gabriela Moser, am Dienstag in einer Aussendung. Die ÖIAG weist die Kritik "entschieden" zurück.

"Slim reibt sich die Hände rotweißrot", meint Moser. Strategisch wichtige Kommunikationsinfrastruktur werde zum Spielball eines mexikanischen Monopolunternehmens.

"Russophile Führung" des ÖIAG-Aufsichtsrats

Sie fordert einmal mehr eine strategische Neuausrichtung der ÖIAG. Ein Dorn im Auge ist ihr auch die "russophile Führung" des ÖIAG-Aufsichtsrats durch den früheren Magna-Manager Siegfried Wolf, der 2010 ins Firmenimperium des russischen Oligarchen Oleg wechselte. Lesen Sie zu diesem Thema hier einen Kommentar des Industriemagazin.

ÖIAG-Sprecher Bernhard Nagiller weist den Vorwurf des Versagens zurück: "Die Telekom Austria wird durch die Partnerschaft nachhaltig gestärkt". Am Staatsanteil von 28,4 Prozent ändere sich durch das Ende der Übernahmefrist faktisch nichts und die Anliegen des Standortes seien vertraglich abgesichert, so der Sprecher. (apa/pm)