Aufgeschobene Generalüberholung : Retrofit: Das gefährliche Spiel mit der Instandhaltung
Fehlzündungen gab es mehrere. Doch jetzt schnurrt der Motor in der Automobilindustrie wieder wie ein Kätzchen. Das hat auch Bernhard Ihring zu spüren bekommen. Er ist Serviceleiter beim Salacher Werkzeugmaschinenhersteller Emag. Als solcher hat er den Überblick über alle Leistungen seines Arbeitgebers im Bereich der Generalüberholung von Maschinen – auch bei den Deutschen unvermeidlich Retrofit genannt. Ein Segment des Servicegeschäfts des Maschinenbauers, das zuletzt besonders durch Kontinuität auffiel. Und damit planbar blieb. Dass eine umfangreiche Überholung einer Maschine zwei bis vier Wochen dauert, war „nie ein Problem für unsere Kunden“, erzählt Ihring. Doch seit dem Jahreswechsel ist alles anders. Retrofit-Deals platzten in Serie. Bis Mai machten nicht weniger als 20 Firmen, großteils Autozulieferer, einen Rückzieher – „und nahmen die 2010 gelegten Angebote nicht wahr“, so Ihring. Bei im Schnitt 40 Modernisierungen pro Jahr eine beachtliche Zahl. „Wir haben natürlich nachgefragt, wie es zu dem Sinneswandel kommt“, so Ihring. Eingefrorene Mittel waren offenbar nicht der Auslöser. Argumentiert wurde immer gleich: Dank massiv besserer Auftragslage benötige man nun „dringend alle verfügbaren Kapazitäten“, bekam Ihring nicht nur einmal zu hören. Reparatur statt Retrofit.Produzieren, was geht: Das ist legitim im Aufschwung, wo es ganz besonders wichtig ist, bei Auftraggebern, die aus der Versenkung zurück sind, mit Liefertreue und einem großen funktionstüchtigen Maschinenpark aufzuzeigen. Darum dränge die Kundschaft derzeit „auf schnelle Reparaturen oder schiebt sie lange auf“, beobachtet Konrad Auer, Serviceleiter beim Halleiner Werkzeugmaschinenbauer Emco. Für den Werkzeugmaschinenbauer Emag hält sich der Schaden wegen ausbleibender Retrofits jedenfalls in Grenzen: „Wir jammern nicht“, sagt Serviceleiter Bernhard Ihring. Den Geschäftsausfall könne man „mit Leichtigkeit“ durch das nun stärker anziehende Einzelreparaturgeschäft „kompensieren“, sagt er. Doch stellt sich schon die Frage, wie effizient und genau die Bauteilefertigung auf überholungsbedürftigen Maschinen eigentlich gelingt. Denn Aufgabe und Ziel der Generalüberholung (Emag-Retrofit: ab 150.000 Euro) ist nicht nur, Maschinen zu fix vereinbarten Terminen ein Steuerungsupdate aufzuspielen. In unzähligen Checks wird ihr im Normalfall auch die mechanische Erschöpfung aus den Baugruppen gejagt. „Die Qualität des Werkstücks kann darunter leiden, muss aber nicht“, sieht Bernhard Ihring einen Qualitätsabfall bei Retrofit-Verweigerern nicht als letzte Konsequenz. Eine drastisch schlechtere Teilequalität scheidet wohl deshalb aus, weil sie sich in der Branche angesichts knallharter Vertragswerke kaum einer leisten kann. Und so retten sich viele mit punktuellen Reparaturen über die Zeit. „Dann wird nur eine Spindel, ein Schlitten, oder ein Kugelgewindetrieb getauscht“, beobachtet Ihring. Geringere Vorschübe.Um die Qualität der Bauteile zu halten, werden die Maschinen nun häufig mit „deutlich geringeren Vorschüben und Drehzahlen bedient“, sagt er. Um bis auf „ein Fünftel“ könne so die Produktivität „abrutschen“, warnt er. Betriebe müssen zudem mit der Gefahr von Produktionsunterbrechungen infolge eines technischen Gebrechens leben. Speziell Mehrachs-, stärker automatisierte oder verkettete Maschinen hätten die Retrofit-Verweigerer jüngst nicht für eine Generalüberholung durch die deutsche Emag freigegeben. Pikant: Als in der Krise wenig ging, standen viele der nun reaktivierten, älteren Maschinen bereits zum Verkauf. Jetzt wurden sie wieder ausgemottet. Daniel Pohselt