Öl : OPEC-Treffen in Wien wird eines der spannendsten seit Jahren

Das OPEC-Ölminister-Treffen am Donnerstag in Wien wird eines der spannendsten seit Jahren. Das globale Ölangebot ist höher als der Bedarf, die Ölpreise sind fast ein Drittel tiefer als im Juni. Eigentlich würde das eine Förderdrosselung nahelegen - die will aber im Öl-Kartell kaum jemand, am wenigsten die Saudis als führender Produzent. Andere OPEC-Länder bräuchten aber dringend höhere Ölpreise.

Beobachter der Ölmärkte sehen zwei mögliche Szenarien für das Wiener Treffen. Entweder kommt es zu keiner Drosselung und man baut darauf, dass der Preissturz nicht von Dauer ist. Oder es ringen sich die Mitglieder doch zu einer Kürzung der Produktion durch, womit die OPEC Marktanteile der Hoffnung opfern würde, einen höheren Ölpreis und letztlich wieder höhere Einnahmen zu erzielen.

Förderkürzungs-Strategie

Mit der Förderkürzungs-Strategie hat die OPEC, vor allem Saudi-Arabien, in den 1980er Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, erinnern "Handelsblatt" und "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) in ihren Montag-Ausgaben. Damals kam Öl aus der Nordsee massiv auf den Markt und ließ den Ölpreis von rund 40 auf 10 Dollar pro Fass einbrechen. Die Saudis kürzten ihre Produktion auf ein Viertel und ruinierten damit ihren Staatshaushalt - eine Erfahrung, die Riad nicht wiederholen möchte.

Heute ist die Situation freilich anders, wird dem entgegengehalten, da die freien Kapazitäten geringer seien. Jedoch müsste dann konkret entschieden werden, wie stark die Reduktion ausfallen und wer sie tragen soll. In den eigenen Reihen müsste die OPEC die Disziplin sichern; Kartelle seien häufig instabil, und selbst wenn man sich auf eine Lastenaufteilung einigt, könne noch immer geschummelt werden, wie die Geschichte zeige, erinnert die NZZ.

"Die Saudis wollen nicht drosseln"

Wirtschaftliche wie strategische Erwägungen ließen den Schluss zu, dass der Ölpreis wohl längere Zeit, eventuell für Jahre, nicht wieder den heurigen Sommer-Höchststand von knapp 115 Dollar je Barrel erreicht. "Die Saudis wollen nicht drosseln, andere OPEC-Länder wie Iran und auch Nicht-OPEC-Länder wie Russland können es sich nicht leisten", so Dirk Heilmann, Managing Partner des Handelsblatt Research Institute.

Moskau plane Kürzung der Ölproduktion

Moskau plane keine Kürzung der Ölproduktion, um die Preise zu stützen, hatte der russische Energieminister Alexander Nowak am Samstag laut TV-Sender "Rossiya 24" erklärt. Und Außenminister Sergej Lawrow sagte Reuters zufolge am Freitag, Russland und Saudi-Arabien seien damit einverstanden, dass die Ölpreise auf Ausgewogenheit zwischen Angebot und Nachfrage basierten.

Länder wie Iran, Irak, Libyen, Nigeria und Venezuela seien aber dringend auf Petro-Dollars angewiesen und würden auf hohe Preise pochen, erinnert die NZZ. Der Iran hat schon angekündigt, bei einer Aufhebung der Sanktionen nach einer Einigung im aktuellen Atomstreit seine Ölexporte stark steigern zu wollen.

OPEC stellt fast ein Drittel des weltweiten Öls bereit

Einige Experten gehen vom Wiener Treffen von einer Senkung des - derzeit bei 30 Mio. Fass pro Tag liegenden - Förder-Plafonds um 1 Mio. Fass täglich aus. Das reiche, um den Ölpreis nächstes Jahr auf einen Wert von bis zu 100 Dollar zu erhöhen. Die Schätzungen der Fachleute für eine effektive Maßnahme schwanken meist zwischen 0,5 Mio. und 2 Mio. Fass weniger Erdöl pro Tag. Aktuell fördern die OPEC-Mitglieder um die 30,6 Mio. Fass pro Tag, für 2015 geht die Organisation von einer Nachfrage von über 29,2 Mio. Fass täglich aus. Die OPEC stellt fast ein Drittel des weltweiten Öls bereit, und von der Gesamtmenge des "Kartells" stammt etwa ein Drittel aus Saudi-Arabien.

Wird die Produktion unverändert gehalten oder nur leicht gedrosselt - und auf eine Belebung der Weltwirtschaft durch billiges Öl gesetzt -, könnte ein Hauptprofiteur Europa sein. "Mittelfristig niedrige Rohölpreise könnten Europas Wirtschaft wieder auf die Beine helfen", meint Heilmann im Leitartikel mit dem Titel "Konjunkturprogramm aus Riad". Zwar warte ganz Europa gespannt auf das 300-Mrd.-Euro-Konjunkturprogramm von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, doch könnte der eigentliche Impuls für eine rasche Belebung der Konjunktur statt aus Brüssel oder Frankfurt aus Riad kommen.

Schieferölproduktion: Nochmaliger Preissturz würde den OPEC-Ländern stark zusetzen

Um die US-Schieferölproduktion "abzuwürgen müsste die OPEC den Preis auf unter 60 Dollar fallen lassen", zitierte die NZZ schon am Wochenende den UBS-Analysten Dominic Schnider, der die Erdölszene von Hongkong aus beobachtet. Er schätzt, dass selbst bei einem Fasspreis von 65 Dollar erst rund 10 Prozent der US-Produktion unrentabel werden. Jedoch würde ein nochmaliger Preissturz auf dieses Niveau den OPEC-Ländern selbst sehr stark zusetzen.

Darum hält Schnider die Verschwörungstheorie, dass die Saudis mit dem Schleifenlassen des Ölpreises die US-Ölindustrie schädigen wollen für wenig plausibel. Die OPEC-Länder hätten ein Interesse an einer Preisstabilisierung und würden am Donnerstag reagieren: "Es braucht keine starke Reduktion. Eine Million Fass pro Tag weniger reicht aus, um den Preis zu stabilisieren." Freilich seien die Saudis, die heute 9,7 Mio. Fass pro Tag verkauften, nicht bereit, die Last allein zu schultern, sagt auch er.

Ob die OPEC als "Kartell" einzustufen ist, daran scheiden sich schon lange die Geister. Empirische Studien kamen zum Schluss, dass sie schon in diese Richtung tendiert, aber nicht zur Gänze eines ist. Zumindest wird Saudi-Arabien aber meist zugebilligt, eine "dominante Firma" zu sein. Laut dem amerikanischen Politologen Jeff Colgan liegt der große Vorteil einer Mitgliedschaft bei der OPEC im Renommee. Dass die Organisation dennoch als bestimmendes Kartell wahrgenommen wird, sei ein "rationaler Mythos", an dem vor allem die OPEC-Regierungen interessiert seien. (APA)