Retrospektive : "Mit dem Wildwuchs haben wir wenig zu tun"

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© Helene Waldner

INDUSTRIEMAGAZIN: IBM erwirtschaftete 2009 ein Rekordergebnis, auch Mitbewerber wie HP steigerten zuletzt ihren Gewinn deutlich. Wie ist es zu interpretieren, dass die Wirtschaftskrise Ihre Kunden so hart getroffen hat, aber an Ihrer Branche spurlos vorüberzugehen scheint?

Leo Steiner: Die kurzfristigen Investitionen sind natürlich in vielen Fällen zurückgeschraubt worden. Das sieht man auch anhand der österreichischen Marktzahlen. Anders ist es aber bei Software und Dienstleistungen. Viele Kunden arbeiten jetzt daran, ihre eigenen IT-Umgebungen zu konsolidieren. In den Wachstumsjahren hat sich jeder nur gefragt, welche Lösung man implementieren muss, um mit dem Wachstum mithalten zu können. Das führte zu einem Wildwuchs an Lösungen. Seit vorigem Jahr haben wir die umgekehrte Situation. Firmen nutzen die Atempause um einzusparen, aber auch um ihre Daten so zusammenzubekommen, dass wieder ein Unternehmensbild entsteht. Für Anbieter, die rein auf Hardware ausgerichtet sind, war das letzte Jahr indessen – vorsichtig gesagt – eine große Herausforderung.

Zyniker könnten nun sagen, zuerst verkaufen Sie den Unternehmen Unordnung und danach bitten Sie sie beim aufräumen nochmals zur Kasse.

Steiner: Dieser Wildwuchs hat weniger mit der IT-Branche zu tun als einfach mit Notwendigkeiten bei Unternehmen. Oft war einfach nicht die Zeit, lange zu überlegen. Die Kunden wollten schnelle Lösungen. Jetzt kann man durch Standardisierungen wieder jede Menge Vorteile für die Unternehmen schaffen.

Sie haben im Vorjahr ihre Management-Strukturen in Österreich massiv verändert und sich stärker regional ausgerichtet. Warum hat der Leiter eines Bundeslandes in einem globalen Konzern plötzlich wieder Bedeutung?

Steiner: Die Nähe zu den Kunden ist ein ganz anderer Faktor als das industriespezifische Wissen, das man ohnehin haben muss und das sich auch zunehmend internationalisiert. Wir reden jetzt nicht mehr über eine Industrie A oder B in den jeweiligen Bundesländern sondern wir reden über das Bundesland und seine Wirtschaftssituation. Deshalb ist es auch logisch, dass der Leiter einer Landesgeschäftsstelle nun auch mehr Entscheidungen als früher treffen kann.

Die meisten Unternehmen sind in den vergangenen Jahren den umgekehrten Weg gegangen – Regionalisierung galt eher als Übel denn als Vorteil. Warum diese Rückbesinnung?

Steiner: Es stimmt, was Sie sagen, speziell für unsere Branche. Unser Schritt entspricht aber einfach meiner persönlichen Einstellung zur Kundennähe. Wir haben damit IBM-intern ein Pilotprojekt gestartet und sind als erstes Land in diese Richtung gegangen. Sechs Monate später sind bereits weitere Länder unserem Beispiel gefolgt und haben wesentlich lokalere Strukturen in ihren Verkaufssystemen eingeführt.

Vor zwei Jahren wanderte die IBM-Osteuropa-Zentrale aus Wien ab. Hat Österreich im Gesamtkonzern an Bedeutung verloren?

Steiner: Nein, das war nur eine Reflexion der weltweiten Situation und hatte mit Österreich selbst nicht viel zu tun. IBM war schon seit Jahrzehnten in den Emerging Markets unterwegs. Wir haben es geschafft, mit dem Geschäft in diesen Ländern eine kritische Masse zu erreichen. Die Wachstumsmärkte brauchen ein ganz anderes Management als die arrivierten Länder. Die Headquarters liegen jetzt in den Ländern selbst. Aber nachwievor sind sie stark abhängig von dem Wissen, das wir exportieren. Wir haben immer noch eine intensive Beziehung zu diesen Ländern, Österreich bleibt ein Sprungbrett in den Osten.

Wenn man einen Blick ins Firmenbuch wirft, sieht man, dass in Österreich die Umsätze von IBM seit Jahren rückläufig sind. Wie kommt das?

Steiner: So steht es in den ausgewiesenen Bilanzen. Aber dort sind Faktoren Dinge wie Investitionen und Abschreibungen drin, die den Blick verändern können. Wichtig ist, dass wir 2008 den Marktanteil gehalten und zum Teil sogar gesteigert haben und auch 2009 auf diesem Weg waren, wie es aussieht.

Aber mit dem Umsatz haben die Investitionen und Abschreibungen wenig zu tun.

Steiner: Das hat mit der strategischen Verschiebung zu tun. Wenn sie ein Massengeschäft wie den PC-Bereich abgeben, verlieren Sie Umsätze. Das heißt aber nicht, dass deshalb der Deckungsbetrag runter geht. IBM hat sich immer mehr hin zu einem Lösungsanbieter und weg vom Commodity-Bereich entwickelt, das Portfolio verschiebt sich. Die Strategie zielt nicht vorrangig auf Umsatzwachstum. Die Bereiche Software und Dienstleistung wachsen, Hardware unterliegt schon eher den allgemeinen Investitionszyklen. Aber solange ich Marktanteile gewinne, kann ich mich nicht beschweren.

Profitieren Sie derzeit von der Krise, etwa durch zunehmendes Outsourcing bei den Kunden?

Steiner: Grundsätzlich hat sich im vergangen Jahr beim Thema Dienstleistung im Markt eine große Verschiebung ergeben. Auf der einen Seite natürlich durch die Wirtschaftskrise, auf der anderen Seite aufgrund einer neuen Hausforderung, der sich unsere Kunden stellen müssen: Es gibt immer mehr Daten. Wenn wir vor zehn Jahren von einer Datenflut gesprochen haben, dann kämpfen Unternehmen inzwischen mit einer regelrechten Datenexplosion. Überall steckt Elektronik, und diese Elektronik liefert Daten. Unternehmen müssen sich die Frage stellen, wie sie diese Datenflut nutzen können, um sich besser zu positionieren. Für die Firmenstrategie heißt das, IT noch wesentlich mehr einzusetzen – nicht nur für Aministration und Geschäftsabwicklung sondern vor allem eben auch um Daten und Informationen darüber zu gewinnen, wie man sich positionieren soll.

Im Outsourcing-Bereich ist IBM hierzulande die Nummer Drei hinter Siemens und Raiffeisen Informatik. Kann sich das in den nächsten Jahren ändern?

Steiner: Wir sehen uns nicht immer in jedem einzelnen Teilmarkt. Es geht um die Rolle, die wir insgesamt spielen. Wir würden uns einen guten Teil unserer Dynamik wegnehmen, wenn wir uns solche Ziele stecken würden.

Ein großes Thema in der IT-Branche ist derzeit Cloud-Computung. Panasonic lagert einen großen Teil seiner IT im Rahmen eines Cloud-Vertrages an IBM aus. Was bedeutet die Wolke konkret für Sie?

Steiner: Grundsätzlich sehen wir das als seinen wesentlichen Entwicklungsmarkt für die nächsten Jahre. Wichtig für uns sind natürlich vor allem die Company Clouds für einzelne Unternehmen. Solche Clouds werden sehr viel schneller umgesetzt werden, weil Datensicherheit in solchen Umgebungen besser gewährleistet werden kann. Es laufen gerade eine ganze Reihe von Diskussionen mit Kunden, aber im Moment gibt es noch keine Referenz. Wenn man breite offene Clouds betrachtet, wird viel von der öffentlichen Meinungsbildung abhängen.

Ein anderes Schlagwort in der Branche ist Green IT. Wird Grün auch konkret von den Unternehmen nachgefragt?

Steiner: Natürlich, sogar ganz massiv. Energieeinsparungen sind bei technischen Neuentwickelungen sehr wichtig. Aber das Thema ist vielfältig und geht weit darüber hinaus, etwa hin zur Frage: Wie ist ein Rechenzentrum physisch gebaut? Wir bauen mit einzelnen Kunden sogar neue Rechenzentren, damit sie eine effizientere Infrastruktur haben. Wir sprechen auch direkt mit den Energieversorgern über ein besseres Management für ihre Netze. Auf der dänischen Insel Bornholm gibt es gerade ein Experiment, in dem getestet wird, wie sich Windenergie mit Elektrombilität kombinieren lässt und sich Elektrofahrzeuge als Energiespeicher nutzen lässt. Abseits von solchen Zukunftsprojekten ist Energieeffizienz mittlerweile zum Standardbestandteil in den Ausschreibungen der Unternehmen geworden.

Ist der Kunde kritischer geworden, ein schwierigeres Gegenüber für Sie als Anbieter?

Steiner: Das würde ich nicht sagen. Es gibt einfach andere Anforderungen. Den Leistungsdruck hatten wir in der IT auch schon über die vergangenen Jahre hinweg. Es ist nun einmal ein Wettlauf um immer schnellere Produkte und immer kürzere Zyklen. Das hat sich nicht verändert.

Dürfen sich die Unternehmen auf absehbare Zeit günstigere IT-Leistungen erwarten?

Steiner: Das kommt darauf an, von welchen Leistungen wir reden. Es gibt einen Unterschied zwischen Commodity-Lösungen, und Fällen, in denen es darum geht, Spitzenwissen einzubringen und Innovationen umzusetzen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, auch wenn man beide Bereiche als Dienstleistung bezeichnen kann. Spitzenwissen bleibt eine Ressource, die nicht im Überfluss vorhanden ist. Darum sehe ich keinen Preisverfall.

In den vergangenen Wochen sind mehrere Studien erschienen, wonach die Gehälter in der IT-Branche rückläufig sind. Kommt diese Tendenz auch eines Tages bei den Kunden an?

Steiner: (lacht) Ich glaube, darüber sollten Sie einmal mit unserem HR-Manager sprechen – der weiss von den sinkenden Gehältern leider noch nichts.

Interview: Jürgen Leidinger