Stahlindustrie

Martina Merz wird neue Konzernchefin von Thyssenkrupp

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© Peter Martens

Der angeschlagene Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp bekommt die dritte Führungsspitze innerhalb von nur 15 Monaten. Ab heute übernimmt Martina Merz das Ruder bei dem deutschen Traditionsunternehmen.

Die Ingenieurin, die lange für Bosch gearbeitet hat und seit ein paar Jahren hauptberufliche Aufsichtsrätin ist, löst den bisherigen Vorstandsvorsitzenden Guido Kerkhoff ab. Das habe der Aufsichtsrat einstimmig beschlossen, teilte Thyssenkrupp am Montag mit.

Kerkhoff muss endgültig gehen

Die Entscheidung war bereits am vergangenen Freitag gefallen, wurde aber erst jetzt mitgeteilt. Mit Kerkhoff habe sich der Aufsichtsrat auf eine einvernehmliche Auflösung seines Vertrags geeinigt. Der Manager war zunehmend ins Kreuzfeuer von Investoren und der IG Metall geraten. Sie warfen ihm fehlende Konsequenz und Erfolglosigkeit bei der Sanierung des Industrieriesen vor.

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Kein gewöhnlicher Wechsel

Der Wechsel von Kerkhoff zu Merz ist nicht alltäglich, denn die 56-Jährige war bisher Aufsichtsratsvorsitzende von Thyssenkrupp und damit die Chefkontrolleurin der Vorstandschefs. Sie soll auch nur eine Übergangslösung an der Spitze des Konzerns sein. Nach maximal zwölf Monaten soll Merz in das Aufsichtsratsgremium zurückkehren und Platz für die oder den nächsten CEO machen. Bis dahin wird der frühere Siemens-Manager Siegfried Russwurm den Aufsichtsrat leiten.

An dem von Kerkhoff zuletzt verfolgten Umbau des unübersichtlichen Konzerns mit seinem 160.000 Mitarbeitern in eine schlanke Holding mit eigenständigeren Sparten will Merz festhalten. "Im neuen Vorstandsteam werden wir mit der erforderlichen Konsequenz die strukturellen Entscheidungen treffen, die jetzt anstehen", kündigte sie an. Es gehe darum, "Thyssenkrupp so aufzustellen, dass wir im Ergebnis besser werden". Nur wenn das gelinge, "können wir das Vertrauen in Thyssenkrupp wieder stärken".

Krupp-Stiftung: Richtiger Schritt

Die Krupp-Stiftung, mit 21 Prozent größter Anteilseigner des Konzerns, begrüßte die Ablösung von Kerkhoff durch Merz. Der Schritt sei richtig, damit die "dringend notwendige Neuausrichtung jetzt zügig verfolgt und umgesetzt werden kann". Die Stiftung stehe fest an der Seite des Managements und der Mitarbeiter und sei "nach wie vor vom Potenzial des Unternehmens überzeugt".

Kerkhoff hatte erst im Juli vergangenen Jahres das Ruder bei Thyssenkrupp übernommen, nachdem der langjährige Vorstandschef Heinrich Hiesinger entnervt über Querschüsse von Investoren das Handtuch geworfen hatte. Der 51-Jährige, der zuvor schon sieben Jahre Finanzchef gewesen war, wurde zunächst zum Übergangschef berufen. Nach längerer Suche bekam Kerkhoff schließlich einen Vertrag bis 2023. Es sei für ihn selbstverständlich gewesen, "in einer besonders schwierigen Zeit Verantwortung für das Unternehmen zu übernehmen", sagte er zum Abschied.

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Schwere Zeiten für den Industrietanker

Seit Kerkhoffs Amtsantritt ging es bei Thyssenkrupp drunter und drüber. Die zunächst mit Vorschusslorbeeren bedachte Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen für Werkstoffe und Industriegüter erwies sich als nicht finanzierbar. Nach dem Nein der EU-Kommission zur Stahlfusion mit dem Konkurrenten Tata Steel sagte Kerkhoff die Aufspaltung ab. Stattdessen wollte er den Konzern radikal umbauen und dabei 6.000 Stellen streichen. Der Börsengang der profitablen Aufzugssparte sollte Geld in die leeren Konzernkassen spülen. Sichtbarstes Zeichen der Misere bei Thyssenkrupp war vor gut einer Woche der Abstieg des Konzerns aus dem deutschen Leitindex Dax.

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Finanzfirma als mächtiger Störenfried

Der Streit um die Zukunft der Aufzugssparte könnte schließlich die Trennung von Kerkhoff besiegelt haben. Der Manager favorisierte ein Teil-Börsengang oder Teil-Verkauf des Aufzugsgeschäfts. Kerkhoff musste immer wieder lesen, der an Thyssenkrupp mit 18 Prozent beteiligte schwedische Finanzinvestor Cevian verlange einen Komplettverkauf und eine milliardenschwere Sonderausschüttung aus den Erträgen. Von Merz war zu dem Thema bisher nichts zu hören. (dpa/apa/red)

Thyssenkrupp-Personalvorstand Oliver Burkhard hat sich angesichts der jüngsten Negativschlagzeilen über den einst stolzen deutschen Traditionskonzern gegen eine um sich greifende Untergangsstimmung verwahrt. Die Woche mit dem DAX-Abstieg und dem angekündigten Führungswechsel habe es in sich gehabt und sei nichts für schlechte Nerven gewesen, räumte der Manager in einer Mitteilung auf dem Netzwerk LinkedIn ein.

"Viele unserer Geschäfte laufen gut"

Der durch Schlagzeilen wie "Chaos", "Ende einer Ikone" erweckte Eindruck, dass Thyssenkrupp bald Geschichte sei, treffe aber nicht zu. "Nein! Bitte auch zur Kenntnis nehmen, dass bei Weitem nicht ganz Thyssenkrupp in Trümmern liegt", betonte Burkhard. "Viele unserer Geschäfte laufen gut." Der Turnaround in den Bereichen, die kein Geld verdienten, sei eingeleitet. "TK hat nicht fertig - TK ist immer noch da!"

Der frühere Chef der IG Metall NRW ist seit Februar 2013 Arbeitsdirektor des Mischkonzerns mit 160.000 Beschäftigten. Er spielt eine Schlüsselrolle bei Verhandlungen des Managements mit den Arbeitnehmervertretern, etwa wenn es um den geplanten Abbau von 6000 Stellen geht, um neue Arbeitszeitmodelle oder die Zukunft von Standorten. Das Management von Thyssenkrupp und die mächtige IG Metall sind traditionell auf Ausgleich gesinnt.

Tiefe Krise ist nicht zu übersehen

Der Konzern steckt derzeit in der größten Krise seiner Unternehmensgeschichte. Thyssenkrupp schreibt hohe Verluste, die Schulden steigen und die Aktie hat in den vergangenen Jahren drastisch an Wert verloren. Selbst die Gewerkschaft rechnet mit schmerzhaften Einschnitten.

Der bisherige Vorstandschef Guido Kerkhoff soll nach dem Zick-Zack-Kurs der vergangenen Monate gehen und vorerst durch Aufsichtsratschefin Martina Merz ersetzt werden. Burkhard versucht, die Mitarbeiter zu beruhigen. Der Konzern verfolge klar das Ziel, "ein Unternehmen zu bauen, das wieder Geld verdient, Dividende zahlt, Mitarbeitenden Perspektive gibt und auf mehreren ausschliesslich profitablen Säulen steht". (reuters/apa/red)

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