Meinung : Klaus Woltron: Das Wunder Österreich

Ein Hort der Korruption sei unser Heimatland. Ein Gangstersyndikat, scheint´s, wäre die Partei der Aufrechten und Anständigen gewesen, stimmte die Schnittmenge aus Gerüchten, Halb – und Ganz- Wahrheiten, vom - Hörensagen – Schilderungen und poetischen Tagebucheintragungen Beteiligter nur zu einem Bruchteil (es gilt die Unschuldsvermutung; fragen Sie sicherheitshalber auch Ihren Arzt oder Apotheker). Die Justiz wäre säumig, und das aus nicht ganz astreinen Gründen. Das Staatsdefizit schwillt bedrohlich an. In regelmäßiger Folge erreicht uns die Nachricht vom Dahingang großer Betriebe, deren Besitzer wir einst waren, oder von deren, meist von geheimnisvollen Provisionsflüssen und sonstigem Unterschleif begleiteten, Notverkauf. Der Flughafen wird nicht und nicht fertig, man hebt nur kostenmäßig ab. Unsere (unbekannten) grimmigen Feinde reiben sich feixend die Hände angesichts des Dahinsiechens unserer immer schon etwas maroden Wehrkraft (den letzten Sieg errangen wir anno 1866 vermittels der genialen Rammtaktik unseres unvergänglichen Seehelden, Admiral Wilhelm v. Tegetthoff, bei Lissa. Heutzutage hätte der zuständige Minister in diesem Falle einen Untersuchungsausschuss eingesetzt: Wegen unzulässiger Beschädigung der eigenen Schiffe). Eine tagaktuelle Mangelliste können Sie in der, jegliche vaterländische Hochstimmung und freudige Aufbruchsgesinnung vermissen lassenden, hiesigen Tagespresse verfolgen (auch in diesem Falle gilt die Unschuldsvermutung). Woher kommt, angesichts all dieses Gejammers, der Umstand, dass Österreich eines der reichsten Länder der Welt ist? Dass Wien jüngst zur lebenswertesten Hauptstadt weltweit erkoren wurde? Dass wir weniger unter dem Schock der Finanzkrise gelitten haben als die allermeisten anderen – zumindest bis dato? Dass wir eine der geringsten Arbeitslosenraten im Euroland aufweisen können? Straßen und Autobahnen sind passabel, wir haben eines der am besten funktionierenden (allerdings sündteuren) Gesundheitssysteme der Welt, wir sind so anstrengungsverweigernd, dass wir nur selten streiken, unsere Handelsbilanz ist herzeigbar, unsere KMU´s florieren, alle Geplagten und auch weniger Geplagten aus allen möglichen Ländern wollen zu uns kommen und dann auch dableiben, die Unis sind total überlaufen (derzeit allerdings hauptsächlich aus dem Ausland), Wein, Bier, Fruchtsäfte, sogar pures Wasser, sind hervorragend, wir wissen nicht, wohin mit Milch und Butter, die Luft ist rein (allerdings nur im Wortsinn) und unser aller VÖEST floriert wieder, sogar am Erzberg hebt ein neues Graben an. Wie kann das sein, angesichts all der bejammerten Missstände? Lesen Sie auf Seite 2: Erklärungsversuche

Für all das gibt es drei unterschiedliche Erklärungen: Eine überempfindliche, sensationsgeile und teils tendenziös-hysterische Berichterstattung samt Aufblähung der Fakten sorgt dafür, dass weiterer Auswuchs und Schaden rechtzeitig, durch periodische Auslösung der Furcht des Herrn bei den Sündern und denen, die es gerade werden wollen, eine Zeit lang unterbleibt. Es handelt sich bei den geschilderten positiven Merkmalen um die verspätet eintretenden Benefizien einer bald zu Ende gehenden Ära des Fleißes, der Zusammenarbeit in Sitte und Anstand: Der Alten Tugenden. Die geschilderten Übelstände und die Durchdringung der gesamten Gesellschaft mit Laokoon – artig verschlungenen Seilschaften sind Bestandteil des Systems und tragen nicht unwesentlich zu dessen Erfolg und Stabilisierung bei, sind das Öl im – schlecht konstruierten - Getriebe. Als jahrzehntelanger Mitbewohner des beschriebenen Systems neige ich der Ansicht zu, dass es sich um eine Mischung aus Erklärung 2 (zu etwa 60%) und 3 handelt. Natura non facit saltus (Die Natur macht keine Sprünge) wusste schon Aristoteles. Dies mag auch für die Vorgänge in sozialen Systemen gelten: Sie laufen sehr langsam ab. Das Vaterland des Zitierten, einst ein Leuchtturm der Staatskunst, ist heutzutage ein nur mehr recht wenig leuchtendes Beispiel für einen kontinuierlichen Niedergang. So könnte es einst auch um unser Land bestellt sein, wenn man sich nicht wieder auf jene Eigenschaften besinnt, die uns (bzw. unsere Altvorderen) dorthin geführt haben, wo wir gerade sind: Beim Jammern auf höchstem Niveau.