Postgraduale Weiterbildung

Executive MBA: So werden Sie zum Karriere-Überflieger!

Aufmacher EMBA Coverstory IM Mai 2013
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Sie sind im Allerheiligsten angekommen. Atlanta, Georgia. One, Coca-Cola Plaza, oberstes Stockwerk. Rund um den holzgetäfelten Besprechungstisch, an dem sich Thomas Wagner und seine Mitstudenten versammelt haben, stehen die Vice Presidents des amerikanischen Brausegiganten und erklären die Marketingstrategie des Weltkonzerns. Es ist ein Arbeitstermin, man trägt Business-Outfit – und gleichzeitig liegt ein Hauch von Schulexkursion in der Luft.Nächster Tag, ein paar Straßenzüge weiter: Im Glaspalast des „CNN Center“ steht der Finanzvorstand des globalen Nachrichtennetzwerkes Rede und Antwort. Wie finanziert sich ein Fernsehsender angesichts des zunehmenden Verdrängungswettbewerbes durch Web & Co.? Es ist nicht nur Wissen, das da vermittelt wird. „Das sind vor allem Chancen“, sagt Thomas Wagner, mittlerweile Alumni des Executive-MBA-Lehrganges an der Linzer LIMAK Austrian Business School, „die man normalerweise nicht bekommt.“ Incentives – Höhepunkte eines eineinhalb bis zwei Jahre dauernden intellektuellen Bootcamps.Zentrale FragenThomas Wagner, der seine Ausbildung neben der Tätigkeit als Firmenkundenmanager beim Chemiekonzern Borealis absolvierte, kennt auch die Härten der MBA-Ausbildung. Zwei Jahre ohne Wochenenden – und Zusatzarbeit nach Betriebsschluss. Das Hoffen auf verständnisvolle Vorgesetzte und Mitarbeiter, viel Erklärungsbedarf gegenüber der Familie. Ein vernachlässigter Freundeskreis und nicht zuletzt Kosten von bis zu 40.000 Euro. So genannte Executive MBAs richten sich gezielt an Menschen, die einen Teil ihrer Berufslaufbahn bereits absolviert haben. Die meisten von ihnen verfügen über einen akademischen Abschluss, gemeinsam ist ihnen jedenfalls die Lust auf mehr: Techniker, Juristen, Naturwissenschaftler, Fachleute aus den unterschiedlichsten Branchen erhalten über den Executive MBA in erster Linie eine intensive betriebswirtschaftliche Ausbildung.Doch warum tun sich erfolgreiche Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, so etwas an? Was bringt die Ausbildung wirklich für die weitere Karriere? Welche Karriereschmiede ist die richtige? Und: Lohnt sich das Ganze überhaupt? Sechs Antworten, die Sie finden müssen, um zum Karriere-Überflieger zu werden.Lesen Sie weiter: Sind Sie bereit für Veränderung?

„Ich brauche einfach einen Titel“, sagte der Architekt. Die unverblümte Antwort des Bewerbungskandidaten machte Hubert Biedermann, Professor an der Montanuni Leoben und ein durchaus schlagfertiger Mensch, damals sprachlos. Er erzählt die Geschichte bis heute gerne, denn sie war, so sagt er, Synonym für die vorherrschende Motivation. „Das war die Einstellung vieler Bewerber“, erinnert er sich.Die Motivation, Wissen zu erwerben, hat selbstverständlich Gewicht. „Rund um mich wurden fast nur noch Uni-Absolventen für Führungspositionen aufgenommen. Natürlich kam bei mir da auch der Gedanke auf, nicht in zehn oder 20 Jahren einen fachlichen Nachteil zu haben“, räumt Jürgen Lechfellner, kaufmännischer Geschäftsführer der Voestalpine in Krems, ein. Auch in Thomas Wagner keimte irgendwann der Gedanke, als studierter Techniker in einem Marketing-Umfeld nicht mehr sattelfest zu sein – er verspürte steigenden Druck, sich auch dafür eine akademische Basis zu erarbeiten.Und doch: Alle von INDUSTRIEMAGAZIN befragten EMBA-Absolventen betonen den darüber hinausgehenden persönlichen Aspekt, die Suche nach neuen Inputs, neuen Sichtweisen. Manchmal auch ex post: Bevor er mit der Ausbildung begann, war sein Ziel der Erwerb von Fachwissen, sagt Klaus Vomela, Verkaufsleiter Westeuropa bei der Doka GmbH. „In der Rückschau würde ich die Erweiterung der persönlichen Kompetenz wohl höher bewerten, auch wenn diese beiden Bereiche nicht klar voneinander abzugrenzen sind. Ich habe heute ein deutlich höheres Wissen zum Beispiel in den Bereichen Finance, Negotiation oder Bilanzierung, aber sicherlich auch ein anderes Führungsverständnis.“Dass es neben Fachwissen auch um generelle Management Skills, um die Ausbildung der Persönlichkeit geht, hören die Kursteilnehmer an der Montanuni Leoben gleich beim ersten Treffen. „Wir sagen den Teilnehmern zu Beginn des Kurses ganz klar, dass dies ein wesentlicher Aspekt der Ausbildung ist“, betont Hubert Biedermann, „dass es in den Gruppen auch immer wieder sehr harte Diskussionen geben wird. Wir arbeiten etwa mit wechselnden Teams, in denen die Teilnehmer auch wechselnde Rollen einnehmen müssen. Bei Prüfungen gibt es immer Teile, die gemeinsam in der Gruppe gelöst werden.“ Gezielt erzeugter Stress – etwa durch zeitlich sehr knappe Fristen – dient auch dazu, gruppendynamische und persönliche Entwicklungsprozesse in Gang zu bringen.Lesen Sie weiter: Sind Sie bereit, an Ihre Grenzen zu gehen?

„Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist.“ Es ist die lapidare Bemerkung seines Kindes, die Klaus Vomela ins Wanken bringt. Zwei Jahre Stress machen dünnhäutig, und Vomela geriet an seine Grenzen. „Manchmal wusste ich tatsächlich nicht mehr, wie ich das alles schaffen soll, und gerade in solchen Momenten ist der Rückhalt der Familie wirklich entscheidend. Dass das nicht immer reibungslos funktioniert, ist klar." Wer sich für einen Executive MBA entscheidet, muss wissen, dass ihn ein Job neben dem Job erwartet: Wochenenden sind größtenteils gestrichen, Urlaube ebenso, nach der Arbeit muss oft bis tief in die Nacht weitergearbeitet werden. Für Familie und Freundeskreis bleibt deutlich weniger Zeit als sonst. „Sie benötigen viel Disziplin, eine gute Eigenorganisation, und wenn Sie eine Familie haben, muss die Sie in dieser Zeit voll unterstützen“, fasst Jürgen Lechfellner zusammen, „man schafft es nur, wenn man es aus eigenem Antrieb will, und nicht, weil es sich der Arbeitgeber wünscht.“ Im Dreieck zwischen Ausbildung, Arbeit und Familie ist die Zeit der kritische Faktor. Und der Stress hat Folgen, derer man sich bewusst sein muss. Die Kehrseite ist, dass man auch wieder lernen muss, vom extrem hohen Tempo herunterzukommen, wieder Ruhe zu finden. Man gehe eine Schuld gegenüber seinem Umfeld und seinem Körper ein, die auch zurückzuzahlen ist, beschreibt es Thomas Wagner.Lesen Sie weiter: Bringen Sie Ihren Arbeitgeber dazu, die Ausbildung zu finanzieren?

Für einen Executive MBA muss man bis zu 40.000 Euro aufbringen – wie die INDUSTRIEMAGAZIN-Umfrage zeigt, werden knapp zwei Drittel der Absolventen darin zumindest teilweise von ihren Arbeitgebern unterstützt. Darüber gesprochen wird allerdings kaum. Jürgen Lechfellner ist eine Ausnahme. Nicht, weil ihm die Voestalpine die Ausbildung finanzierte, sondern weil er es auch offen sagt. Die Übernahme der Kosten ist ein heikler Punkt, kann sie doch im Kollegenkreis leicht als Bevorzugung Einzelner interpretiert werden – mitunter wohl zu Recht. Hinzu kommt, dass Unternehmen die Kosten nicht aus Philanthropie tragen. Ein Vergleich der Umfrageergebnisse der vergangenen Jahre zeigt, dass der Anteil der Absolventen, die vom Arbeitgeber zu hundert Prozent unterstützt werden, kontinuierlich sinkt. Die Ausbildung ist ja nicht selten dem Wunsch geschuldet, sich beruflich zu verändern. Immer mehr Unternehmen setzen daher auf „Mitnahmeeffekte“ und erarbeiten mit ihren Angestellten mittel- bis langfristige Karrierepfade – verbunden mit vertraglichen Sonderregelungen, die bei vorzeitigem Ausscheiden aus der Firma ein gestaffeltes Zurückzahlen des Ausbildungsgeldes vereinbaren. Jene Absolventen, die die Kosten selbst tragen, schlagen zwar ein beachtliches Loch in ihr Budget, erleben aber auch eine Art Psychotherapieeffekt: Wer bezahlt, schätzt vielleicht auch den Wert anders ein. Maria-Theresia Röhsler, Geschäftsführerin der Schienen Control: „Wenn man die Kosten selbst trägt, so hat man dies natürlich auch immer im Hinterkopf. Man bezahlt für die Ausbildung viel Geld und möchte diese Investition auch möglichst effizient genutzt wissen.“Lesen Sie weiter: Sind Sie bereit, wieder das Lernen zu lernen?

„Spätestens im Sommer werdet ihr in ein tiefes Loch fallen.“ Das hörten die Absolventen an der LIMAK gleich im ersten Modul. „Wir fanden das zunächst etwas seltsam“, erzählt Thomas Wagner, „aber es ist genau so eingetreten.“ Der Gedanke kann schon verunsichern: Das Studium ist einige Jahre her, man steht mitten im Berufsleben – und soll plötzlich wieder lernen? Es sei durchaus anstrengend, wieder ins Lernen zu finden, bestätigt Waltraud Müllegger vom Konzerncontrolling der Energie AG Oberösterreich. „Es ist aber eine völlig andere Art zu lernen als etwa an einer FH oder Universität“, betont sie. Alleine durch die ständigen Diskussionen in der Gruppe und mit den Vortragenden lerne man schon viel. Als „Auswendiglernen“ erlebte Müllegger das Studium nie, „es ist ein gemeinsames Erarbeiten von Problemlösungstechniken“. Auch Maria Theresia Röhsler kann künftige Absolventen beruhigen: Mit einem Universitätsstudium sei das Lernen für einen Executive MBA nur sehr begrenzt vergleichbar. Röhsler spricht von einer „reiferen“ Art des Lernens. Für sonnige Gemüter wie Jasmine Böhm, Leiterin Employees’ Sustainability Engagement bei der OMV, hatte das Lernen ohnehin eine besondere Note: „Es gab durchaus Themen, bei denen mir sprichwörtlich der Kopf rauchte – aber auch, wenn es seltsam klingen mag: Das Lernen für den MBA war für mich auch so etwas wie eine Auszeit vom beruflichen Alltag.“Lesen Sie weiter: Was sind Ihnen neue Netzwerke wert?

Atlanta, Shanghai, Peking: Jürgen Lechfellner musste eine Menge sarkastischer Kommentare über sich ergehen lassen – von wegen Urlaubsreise und Sightseeing. Doch so arbeitsintensiv die Auslandsaufenthalte auch waren: Es gab tatsächlich eine starke private Komponente. „Ich habe extrem interessante Charaktere kennengelernt, und wir hatten nicht zuletzt auch sehr viel Spaß.“ Das während des Studiums entstandene Netzwerk, vor allem auf persönlicher Ebene, ist auch das am häufigsten beschriebene Plus des Studiums. „Im privaten Bereich hat sich definitiv ein haltbares Netzwerk entwickelt – ich habe sehr liebe Freunde gewonnen“, sagt Maria Theresia Röhsler. Eineinhalb Jahre intensiver gemeinsamer Arbeit schweißen eine Gruppe fast zwangsläufig zusammen. Die neuen Kontakte können beruflich wertvoll sein – doch unisono betonen die Absolventen die Bedeutung des Persönlichen. Auch Röhsler will das Netzwerk aus beruflicher Sicht nicht überbewerten, sie spricht von einem „indirekten“ Gewinn: „Ich habe Menschen kennengelernt, die ihre Karriere ernst nehmen. Ich sehe also, wie Gleichgesinnte mit diesem Thema umgehen, und davon profitiere ich sehr.“ Es ist kein klassischer Freundeskreis, der hier entsteht. Die Schnittmenge zwischen Privat- und Berufsleben führt etwa dazu, dass man Themen besprechen kann, die im beruflichen Umfeld problematisch sind – und die private Freunde nur zum Teil nachvollziehen können. Jasmine Böhm berichtet davon, dass sie in ihrem EMBA-Netzwerk offen besprechen kann, aus welchem Grund sie sich in welchem Bereich des Jobs die Zähne ausbeiße: „In dieser Runde hole ich mir Feedback, Erfahrungsaustausch und die Außenperspektive von ,neutralen Dritten‘.“Lesen Sie weiter: Soll’s eine Super-Karriere sein oder eine, die glücklich macht?

„Definitiv: Ein Executive MBA hebt die beruflichen Aussichten“, meint Thomas Wagner. „Man kommt für Positionen ins Gespräch, die sonst außer Reichweite wären.“ Doch die Rechnung Titel = Karrieresprung will er so nicht aufmachen, denn analog zur Motivlage, sich der Ausbildung zu unterziehen, ist auch der Output vielschichtig. Was der EMBA für die Karriere bringt, hänge – abgesehen von der Frage, was man unter „Karriere“ versteht – auch davon ab, in welcher Position, in welcher Branche und in welcher Lebenssituation man sich gerade befindet, sagt Jasmine Böhm: „Auch wie lange man schon in einem Unternehmen tätig ist, kann entscheidend sein. Wenn man neu in eine Firma kommt oder wechseln möchte, geht es nicht um Aufstieg, sondern primär um Einstiegschancen. Ist man schon länger in einem Unternehmen, so ist der Titel per se oft nicht so entscheidend, sondern eher die Kompetenz, die man schon bewiesen hat. Natürlich hat der EMBA auch potenziell positive Effekte auf die Karriere. Der entscheidende Punkt ist in meinen Augen aber ein erweitertes Verständnis für Unternehmensprozesse.“ Bodo Schlegelmilch, der Dekan der WU Executive Academy, will die Gehaltsfrage nicht im Vordergrund sehen. Bei den internationalen Rankings, die diesen Wert hoch gewichten, müsse man nolens volens mitspielen, doch in Wahrheit gehe es immer häufiger um anderes. In China und in Indien, erzählt er, besuchen die Absolventen Unternehmen mit Campi, „deren Gras wie vom Friseur geschnitten wirkt. Doch wir besuchen auch gezielt ländliche Gegenden mit einem Durchschnittseinkommen von ein paar Dollar pro Tag. Manche mögen das zu Beginn für ,CSR-Kram‘ halten, doch es macht die meisten schon nachdenklich.“ Begriffe wie „Werte“ oder „Ethik“, sagt Schlegelmilch, würden spürbar wichtiger, und damit verändere sich auch die Frage, was eigentlich „Karriere“ sei. Auf genau diesen Zusatznutzen fokussieren die EMBA-Ausbildungen in seinen Augen immer mehr: „Die Absolventen lernen sich selbst, ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten besser kennen. Sie hinterfragen: Will ich eine Super-Karriere oder will ich eine Karriere, die mich glücklich macht? Manche gehen ins Ausland, machen sich selbstständig oder wechseln in völlig neue Branchen. Schön, wenn sie auch mehr verdienen – aber noch schöner, wenn sie plötzlich neue Perspektiven sehen.“ Hier finden Sie alle Ergebnisse des Executive-MBA-Rankings 2013.