Automatisierung : Die Digitalstrategie von B&R
Ein Ausflug mit Automatisierern kann ganz schön unterhaltsam sein. Ist das der richtige Bus? „Das ist der PROFIBUS.“ Schallendes Gelächter. Mitte Juni 2012 lud der Industrieautomatisierer B&R Partner zum User-Meeting in Salzburg. Versprochen – und geboten – wurde „werbefreie Produktinformation“ direkt aus den Entwicklungsabteilungen der Oberösterreicher.
Ein Schwerpunkt: Die Effizienzsteigerung bis hin zu flexiblen Maschinenbaureihen ab Losgröße eins. Flexibilität – ein Thema, bei dem keiner weghörte. Und eins, das auch im B&R-Werk in Eggelsberg hoch im Kurs steht. Dorthin nämlich führte die Busreise zu später Stund’. 2009 erweiterte der Industrieelektronikhersteller seine Produktionsflächen „um den Faktor fünf“ auf 65.000 Quadratmeter. Fürs Rennerprodukt – das scheibenbasierende I/O-System X20 – wurde in drei Montageautomaten inklusive Stäubli-Roboter investiert. Die Zellen arbeiten vollautomatisiert – sogar „die Beschriftung wird aufgelasert“, erzählt B&R-Ausbildungsprofi Hubert Brunner. Noch eindrucksvoller der Output: Eine Million dezentraler IO-Module wurde im Vorjahr in den Automaten produziert. Da ist aber immer noch Luft nach oben. Die Anlagen sind – großzügig – für künftige Wachstumsschritte ausgelegt. „Wenn wir wollen, fahren wir unsere Produktionsmenge aufs Dreifache hoch“, verrät Brunner.
Straffes Automationskonzept
Die Innviertler begannen früh mit der Automation ihres Werks. Schon 2006 ersetzte eine Selektiv-Lötanlage im Bereich der Bestückung herkömmliche Handlötstationen. Heute sind die Oberösterreicher ein 2500-Mitarbeiter-Betrieb. In Österreich hat man 1600 Beschäftigte, 900 davon werken am Stammsitz in Eggelsberg.
Mit einem Umsatz von 450 Millionen Euro rechnen die Innviertler heuer – die Konjunktur für Industrieautomatisierer zieht an. Das sieht man in Eggelsberg. Werks-„Guide“ Hubert Brunner lenkt den Blick hinaus aufs Außenareal. Dort steht eine großzügig dimensionierte Halle. „Das ist nicht die Werksfeuerwehr“, lacht Brunner. Sondern das Technikum. Hier finden mit Kunden „Produktevaluierungen statt“, so Brunner.
Auch im Produktionswerk zeigen die Innviertler Muskeln. 2010 fertigten sie 150.000 Steuerungen, 120.000 Industrie- und Panel-PCs und 145.000 Antriebsverstärker. Dazu verließen 700 Millionen SMT (Surface-Mounted-Technology, deutsch: oberflächenmontierte Technologie)-Teile sowie 17 Millionen THT (Through-Hole-Technology, Durchsteckmontage)-Teile das Werk. Und 5,2 Millionen Leiterplatten. Ohne Automation wäre das nicht geglückt. Und wer sollte besser automatisieren können als ein Industrieautomatisierer? „Wir wissen, welcher Schalter was tut“, heißt es beim Betrieb, der seit 1979 mit Automatisierungstechnik im Geschäft ist.
Fremdanbieter im Hintertreffen
Praktisch im ganzen Produktionsprozess suchen die Eggelsberger deshalb nach Möglichkeiten, ihre eigenen Produkte in die Anlagentechnik zu schleusen. Etwa im – vollautomatisierten – SMT-Prozess im Obergeschoss. Die Anschlusspins der Teile werden hier auf 5000 Quadratmeter Fläche direkt an der Oberfläche einer Leiterplatte verlötet. Der Hersteller könne die Teile so „enger auf der Leiterplatte platzieren“, erklärt Brunner. Komplexe Signalführungen seien realisierbar.
Auch bei der Endmontage der IO-Module kommt B&R-Technik zum Einsatz. Und im 2008 neu gebauten, 17 Meter hohen und 72 Meter langen Hochregallager der Oberösterreicher. Fünf gassengeführte Regalbediengeräte in – doppelseitigen – Regalgassen sorgen für ein vollautomatisches Handling. 150 Doppelspiele pro Stunde, nicht weniger als 300 Europaletten, „lagern wir pro Stunde ein und aus“, erzählt Brunner. Gekoppelt sind die Regalbediengeräte mit acht Kommissionierplätzen auf zwei Ebenen mit automatischem Palettentransport.
Auf Fremdprodukte griffen die Innviertler nur in Ausnahmefällen zurück. „Die komplette Antriebstechnologie der Regalbediengeräte und die Förderstrecken sind mit unserer Servotechnik ausgestattet“, erklärt Brunner. Lagerbewegungen werden mit SAP-Dialogen an stationären Kommissionierplätzen mittels B&R-Automation-PCs bearbeitet. Und auch die Servoumrichter stammen aus der eigenen Fertigung.
„Dank ihrer Netzrückspeisung sparen wir ein Drittel der Energiekosten ein“, heißt es beim Automatisierer. Die Sicherheitstechnik? Ist – natürlich – dezentral auf Basis der B&R-Sicherheits-CPU (X20 SafeLOGIC) realisiert. Wesentliche Steuerungsparameter geben Mitarbeiter über „unsere eigenen Bedienpanels ein“, sagt B&R-Mann Hubert Brunner. Ob IO-Systeme mit integrierter Sicherheitstechnik, Rechner oder Steuerungen: „Unsere Tools fristen im Werk kein Nischendasein“, schildert B&R-Mann Hubert Brunner.
Neue Montageform
Auch die Montagearbeitsplätze sind mit B&R-produzierten und tausendfach verkauften Displays ausgestattet. Sie sorgen für Übersicht. Denn Standard-HMI-Produkte und auch kundenspezifische Produkte „gehen bei uns über dieselben Linien“, erklärt Brunner. Das funktioniert auch dank der Selbstdisziplin der Innviertler. KVP (Kontinuierlicher Verbesserungsprozess) und Produktionsoptimierung werden in Eggelsberg gelebt. Seit dem Ausbau stärker denn je. Die Bodenmarkierungen, die fein säuberlich alle Arbeitsbereiche abgrenzen, „fanden mit dem Ausbau flächendeckend ins Werk“, so Brunner.
Bei den Servoverstärkern („ACOPOS“) stellten die Innviertler zuletzt auch die Montageform um. „Wir sattelten auf eine Standplatzmontage um“, erzählt Brunner. Der Grund: Geringere Ermüdungserscheinungen. Dass der Betrieb noch weitere Stationen auf seine Automatisierungs-Roadmap setzt, kann gut sein. Die automatisierte Montage der IO-Systeme überzeugte die Automatisierungsspezialisten. Bevor es den Roboter gab, wurden sie manuell positioniert, verschraubt und verschweißt. 6000 Produkte umfasst das Portfolio der Oberösterreicher. Auch die CPUs oder diverse HMI-Produkte könnten, schätzt Brunner, einmal „vollautomatisiert in Montagezellen bearbeitet“ werden. Dann wäre – zur Freude der eigenen Produktionsmitarbeiter – wieder verstärkt B&R-Technik im Einsatz. Daniel Pohselt