Trumpf Maschinen : „Chinesen sagten Börsegang für uns ab“

INDUSTRIEMAGAZIN: Mit dem Kauf von 72 Prozent der Anteile des chinesischen Maschinenbauers Jiangsu Jinfangyuan (JFY) legen Sie die größte Übernahme der Unternehmensgeschichte hin. Ist Ihnen Ihr 2008 eröffnetes Produktionswerk in Taicang so schnell zu klein geworden?

Mathias Kammüller: Nein, die Übernahme von JFY hat mit unserem 2008 eröffneten und 2012 erweiterten eigenen Standort wenig zu tun. In Taicang produzieren wir lokalisierte Trumpf-Maschinen für den chinesischen Markt. Doch selbst mit unseren Low-End-Maschinen, den 1000er-Serien, sind wir in China im oberen Preissegment angesiedelt. Diese Maschinen verkaufen sich dort sehr gut, wo man sich schnell industrialisiert – im Ostgürtel Chinas. In Mittel- und Westchina gibt es aber kaum einen Markt für unser bisheriges Angebot.

Für die günstigste Trumpf-Maschine müssen chinesische Kunden rund 250.000 Euro hinblättern, die teuerste Maschine von JFY kostet nicht einmal die Hälfte dessen. Keine Bedenken bei Wiederholgenauigkeit und Präzision?

Kammüller: Bei Zerspanungsmaschinen kommt es auf jedes Zehntel an. Aber wenn eine Blechverkleidung einen minimalen Spalt aufweist, ist das bei vielen Anwendungen nicht entscheidend. Zudem hat JFY bei Qualität und Produktivität anderen chinesischen Anbietern einiges voraus.

Sie haben 2011 neben der im ostchinesischen Yangzhou City (ca. 350 Kilometer westlich von Shanghai, Anm.) beheimateten JFY zwei weitere Übernahmekandidaten in derselben Region geprüft ...

Kammüller: ... die beide ein vergleichbar breites Portfolio – Biege-, Laser-, Stanzmaschinen und Pressen – bei ähnlicher Unternehmensgröße haben. JFY war für uns von Beginn an der interessanteste Kandidat. Der Anspruch und die Kultur, immer besser zu werden, sind hier am stärksten ausgeprägt.

Trotzdem zogen sich die Verhandlungen mit dem 700-Mann-Betrieb monatelang hin ...

Kammüller: Verhandelt wurde ein Jahr lang. Davor liefen über ein Jahr die Vorbereitungen. Der Betrieb war im Begriff, an die Börse zu gehen – Mitte 2010 stoppte Zhongye Mi (damaliger Mehrheitseigentümer, Anm.) jedoch den Börsengang, um die Gespräche mit uns weiterzuführen. Er war von Anfang an sehr interessiert an der möglichen Technologie- und Prozessunterstützung.

Man hört, die Verhandlungen über die nachhaltige Aufteilung der Führung waren zunächst eher zäh ...

Kammüller: Richtig ist, dass die Verhandlungen mit den über 60 Anteilseignern, die der 1997 privatisierte Staatsbetrieb hatte, stellenweise kompliziert waren. Inzwischen hat das Unternehmen nur noch 20 Miteigentümer – die übrigens allesamt im Betrieb beschäftigt sind.

Dass sich ein europäischer Maschinenbauer in China einkauft, ist ungewöhnlich – der Markt gilt – zuletzt auch politisch – als extrem abgeschottet. Wie gelang Ihnen der Coup?

Kammüller: Die Chinesen taten sich schon schwer, ein Unternehmen aus einer Fokusindustrie zu verkaufen – der Maschinenbau gilt als Schlüsselbranche. Der Hauptgrund, warum es grünes Licht gab, war aber, dass der letzte Fünfjahresplan Chinas in Hinblick auf qualitatives Wachstum nicht erfüllt wurde. Es wurde im Land nicht die erwünschte Verbesserung des technologischen Niveaus erreicht.

Trotzdem ließ Sie die chinesische Regierung zappeln ....

Kammüller: Seitens der Regierung hieß es im April 2012, in drei Monaten hätten wir die Genehmigung. Als sechs Monate vorbei waren, wurden wir ein wenig unruhig. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach mit Chinas Premier Wen Jiabao über die Angelegenheit. Wir hatten aber auch einen guten Mediator. Ohne ihn wäre es nichts geworden ...

JFY macht rund 70 Millionen Euro Umsatz bei einer knapp zweistelligen Gewinnmarge. Wie aggressiv soll das Unternehmen in den nächsten Jahren wachsen?

Kammüller: Die chinesische Industrie steckt zurzeit in einer Beruhigungsphase. JFY baut im Jahr derzeit etwa 600 Stanzmaschinen und 800 Biegemaschinen. Wir planen für 2014 mit rund zehn Prozent Wachstum. Das ist in China nicht viel ...

Sind Themen wie Lean oder KVP im JFY-Werk zumindest in Spurenelementen vorhanden?

Kammüller: Man findet im Werk eine sehr große Änderungsbereitschaft vor. Schon vor den Verhandlungen sahen sich die Chinesen unser Werk an und führten sofort das kontinuierliche Verbesserungssystem und TPM ein. Das ließen wir auch zu ....

Und jetzt findet man dort ein kleines Abbild Ihres Produktionssystems Synchro?

Kammüller: Noch nicht. Aber in einem Jahr werden Sie hier viel davon finden.

Derzeit trägt Ihr Chinageschäft rund zehn Prozent zum Gesamtumsatz bei. Ist JFY ein künftiger Umsatzbringer?

Kammüller: China soll in den nächsten drei Jahren rund 15 Prozent zum Gesamtumsatz beitragen.

Sie planen, Maschinen der Marke JFY auch weiterhin unter diesem Namen zu vertreiben. Welche Märkte sind neben China attraktiv?

Kammüller: Rund zehn Prozent des Umsatzes erwirtschaftet JFY im nahen asiatischen Umland. Besonders tatkräftig ist der Vertrieb in Indien, aber auch in Thailand, Malaysia und Brasilien ist JFY ak

tiv.

Dass es JFY-Maschinen irgendwann auf europäischen Maschinenbaumessen zu sehen gibt, schließen Sie nicht aus, oder?

Kammüller: Dass dieser Fall niemals eintrifft, würde ich nicht sagen. Derzeit ist das mögliche Marktsegment für Billigmaschinen aber zu klein.

Wer muss jetzt eigentlich von wem lernen: Sie von der chinesischen Tochter, wie man in Chinas Low-End-Segment in die Stückzahlen kommt, oder JFY von Trumpf, wie man effizienter fertigt?

Kammüller: JFY ist jedenfalls sehr interessiert daran, technologisch einiges von uns aufzunehmen. Schwerpunkt wird die Lasertechnik sein, denn das Unternehmen kann nun von unserer gesamten Laserpalette profitieren.

Wie sind die Führungspositionen bei JFY besetzt – es blieb ja nicht alles beim Alten?

Kammüller: Neben einem Kernteam mit der deutschen Trumpf-Spitze und mehreren Koordinationsteams gibt es eine Zweiergeschäftsführung. Der bisherige Technik- und Vertriebschef bleibt im Amt, daneben haben wir einen Deutschchinesen mit Trumpf-Erfahrung für Finanzen und Personal eingesetzt. Er versteht das Land nicht nur vom Wort her, sondern ist auch in der chinesischen Kultur zuhause.

Inwiefern ist JFY ein Türöffner auch für Ihre hochpreisigeren Maschinen?

Kammüller: Wer einmal eine JFY-Maschine gekauft hat, bleibt dieser Marke treu. Und wer dann irgendwann eine höherwertige Maschine sucht, wird sich – so unsere Überlegungen – in der gleichen Unternehmensgruppe umsehen und in eine Trumpf-Maschine investieren.

Welches Exit-Szenario haben Sie? Andersrum: Reichen Ihnen die 72 Prozent auf lange Sicht?

Kammüller: Trumpf hat eine Pull-Option in fünf Jahren für die restlichen 28 Prozent. Unser Ziel ist aber, dass die Anteile dauerhaft bei den 20 am Unternehmen beteiligten Managern bleiben, solange sie im Betrieb tätig sind.

Interview: Daniel Pohselt