Retrofit : Boxenstopp

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© rangizzz - Fotolia

Der Gag war gelungen. Während es auf den anderen Ständen der Maschinenbaumesse EMO im September nur so blitzte, gab es am Stand des Retrofitanbieters CMS zumindest ein Störsignal aus der guten alten Zeit: Um die Leistungssteigerung einer Fräsmaschine durch ein Steuerungsupdate zu demonstrieren, beließen die Deutschen die angejahrte Steuerung – neben der neuen – einfach in der Maschine. Überzeugender, wie schnell sich eine Modernisierung veralteter Komponenten rechnen kann, geht es kaum: Je nach Teilekomplexität fräste das EMO-Exponat mit der neuen Steuerung „um bis zu zehn Prozent schneller als mit der alten“, erzählt ein Messebesucher, der den Vorher-nachher-Vergleich kaum glauben wollte.

Customizing-Offensive

Schnellere Teilebearbeitungen, weniger Energieverbrauch, geringere Produktionskosten: Geld für Retrofit-Maßnahmen, also die Modernisierung erlahmender Maschinen und Komponenten, wird gern dann locker gemacht, „wenn es in der Produktion extrem drängt und juckt“, beobachtet Thomas Weiß, Retrofit-Experte beim Wiener Automatisierer Pilz. Dann werde auch mal gern in komplette Maschinenüberholungen investiert, so der Experte.

Und dann wird es auch für Bediener interessant: Retrofits sind immer seltener bloß Modernisierungsprojekte – immer öfter werden die Maschinen dabei auf die Wünsche der Kunden hingetrimmt. „Unsere Standard-Sinumerik läuft dann etwa im Hintergrund, im Vordergrund die kundenspezifische Oberfläche mit ihren individuellen Eingabemasken“, erläutert Thomas Waltschek, Retrofit-Experte bei Siemens. Nicht nur die Meinung des Produktionsleiters sei da entscheidend. Auch muss man mit den Bedienern vor Ort einen Konsens finden: „Man kommt rasch auf einen grünen Zweig“, so Waltschek.

Werkerfreundliche Bedienung

Beim Automatisierer Pilz bestätigt man, dass mit Customizing-Projekten auch die Produktionsmitarbeiter neue Freiheiten gewinnen. So erhöhten die Wiener Experten, die sich bei den Themen Risikobeurteilung und CE-Kennzeichnung stark aufgestellt sehen, die Effizienz bei einer handbeschickten Presse. Weil der Maschinenbau der 70er noch immer standhält, wurde das Augenmerk auf die Automatisierung gelegt, ohne dass das Rüstpersonal draufzahlt – im Gegenteil. Bisher wurden die Takte der Maschine über Tastendruck angesteuert. „Nach jedem Rüstvorgang musste der Mitarbeiter den Knopf am Maschinenbediengerät betätigen“, weiß Pilz-Mann Thomas Weiß von widrigen Produktionsbedingungen zu berichten. Im Zuge des Retrofits entschied sich der Fertigungsbetrieb für eine Taktbedienung über Licht: „Lichtgitter registrieren nun, wann der Mitarbeiter mit dem Teileeinlegen oder -entnehmen fertig ist“, so Weiß. Die Werker entlastet das.

Alternative zum Neukauf

Umbauten wie diese rechnen sich nicht immer, aber oft: „Im Schnitt belaufen sich die Kosten für ein umfassendes Retrofit auf rund ein Drittel der Neuanschaffungskosten“, rechnet ein Anbieter vor. Der Gleitlagerhersteller SKF modernisierte etwa sein Hochregallager im belgischen Tongeren – und investierte dafür 800.000 Euro. Kosten, die zunächst wohl eher abschrecken – aber immer noch deutlich unter den Investitionskosten für das Lager liegen. Instandgesetzt wurden sieben Regalbediengeräte und ein Palettenfördersystem mit fünf Verschiebewagen. Zusätzlich spendierte sich der Zulieferer neue Steuerungstechnologie für die Regalbediengeräte. Der Anbieter „stellte auf die Siemens-Version S7 um“, heißt es bei SKF.

Mitunter nimmt die Arbeit der Retrofit-Anbieter sogar detektivische Züge an. Ist auf der Anlage eine Fremdsteuerung drauf, können Steuerungsmodernisierer nicht so ohne weiteres einen SPS-Ausdruck machen. „Die Steuerung ist für uns dann eine Blackbox“, schildert Siemens-Mann Waltschek. Die Techniker müsssten sich ins Maschinenkonzept reindenken und vornehmlich eine Frage beantworten: Was haben sich die Hersteller damals bei der Entwicklung der Maschine gedacht? Nicht erstaunlich also, dass bei Siemens hauptsächlich „alteingesessene SINUMERIK-Spezialisten“ im Retrofit-Bereich werken. Die eine steigende Nachfrage nach der Dienstleistung orten: „Bei den Antrieben tragen unsere Angebote zur vorbeugenden Wartung und Retrofit schon rund 40 Prozent zum Umsatz im Service bei“, sagt Hans-Dieter Wiesner, Country Service Manager bei ABB. „Die Projektanfragen nehmen zu“, meint auch Thomas Weiß, Retrofit-Experte beim Wiener Automatisierer Pilz.

Synergien

Er ist überzeugt, dass die Dienstleistung auch Synergien schafft. „Wenn wir unsere Sache gut machen, festigt das natürlich auch die Zusammenarbeit in anderen Bereichen“, sagt der Experte. Gemeint ist der Kauf von Komponenten wie Schaltern oder Steuerungen, der im Zuge von Retrofit-Projekten angeregt werden könnte. Aber nicht immer finden Retrofit-Firmen beim Kunden sofort die richtigen Argumente. Viele verzögern aus Kostengründen selbst kleine Reparaturen – „und größere noch in viel größerem Ausmaß“, meint ein Experte. Da wird lieber auf schwächer ausgelastete Maschinen verlagert. Oder eine Passiert-schon-nix-Mentalität an den Tag gelegt, „die jeder Beschreibung spottet“. Auch das Argument, es sei kein Produktionsstopp aufgrund voller Auftragsbücher für das Retrofit möglich, kennen die Experten. Was Anbieter durchaus gelten lassen. Antriebe sind etwa schnell umgerüstet. „In einer Schicht rüsten wir zwei Umrichter komplett um“, meint Hans-Dieter Wiesner von ABB. Dabei verbliebe das alterungsbeständige Leistungsteil im Umrichter, „nur die Regelungstechnik und die Elektrolytkondensatoren werden getauscht“, sagt Wiesner. Auch kleine Programmänderungen bei der Steuerung sind im Nu erledigt.

Ein-Monats-Projekte

Komplette Retrofits können aber gut und gern mehrere Wochen dauern – etwa bei großen Bohrwerken. Manchmal liegen ganze Leitungen nicht frei oder sie sind in den Schaltplänen nur mangelhaft eingezeichnet. Dafür bekommen die Betriebe bei einem kompletten Retrofit das volle Paket. „Wir verdrahten unter Umständen neu, tauschen die ganze Peripherie bis hin zum Endschalter aus“, sagt Thomas Waltschek, Retrofit-Experte bei Siemens.

Daniel Pohselt