Robert Weber ist INDUSTRIEMAGAZIN-Autor für Digitalisierung in der Industrie, Arbeit 4.0 & Bildung 4.0

Meinung

Streitet endlich über Digitalisierung!

Braucht Österreich den Erfinder der nächsten Tinder-App? Und muss das nächste soziale Netzwerk aus den Alpen kommen? Warum es gute Gründe dagegen gibt.

Österreich diskutiert über Facebook. Datenschutz, künstliche Intelligenz, Steuerlast für Internetkonzerne oder Geschäftsmodelle könnten im Mittelpunkt stehen, aber es ist eine leider nur eine plumpe Schmutzkampagne, die über das soziale Netzwerk den Wahlkampf in den letzten Tagen bestimmen wird. Zukunftsthema? Fehlanzeige.

Dabei muss Österreich, müssen die Spitzenkandidaten, müssen die Gewerkschaften, die Vereine und Verbände, müssen vor allem die Bürgerinnen und Bürger über Digitalisierung diskutieren und mitbestimmen, denn der Politik darf die Diskussion nicht alleine überlassen werden.

Österreich ist nicht Spitzenreiter bei der Digitalisierung der Gesellschaft und Wirtschaft. Das haben noch nicht alle verstanden. Die Digitalisierung der Gesellschaft schreitet schneller voran als wir uns das vorstellen können, wollen und es fehlen die gesellschaftlichen, politischen Antworten auf neue Frage. Den Takt geben im Moment andere Nationen an. Deutschland? Sicher nicht! Aber ein Blick zu den Nachbarn offenbart die Probleme in beiden Staaten:

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Digitalisierung ist doch eine neue App!?

Politiker in Deutschland und Österreich fordern landauf landab eine neue Start-Up-Kultur und übersehen, dass diese Kultur noch keine europäische Kultur ist und das vielleicht auch gar nicht so schlimm ist. Risikokapital wird in Europa oft mühsam zusammengekratzt, aber ein Wettbewerber zu den USA wird in Europa kaum entstehen. Die Summen bleiben im Vergleich mickrig. Dazu kommt: Scheitern gilt bei vielen immer noch als Makel. Viele Existenzgründerzentren bieten schon seit Jahren leerstehende Büros an. Jedes Mittelzentrum will mittlerweile Gründermetropole werden. Die Glitzerwelt der Start-Ups des Silicon Valleys soll bitte ein bisschen auf die kommunale Wirtschaftsförderung abfärben – Fotos in der Lokalpresse inklusive: Grauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte und Gründer mit Kapuzenpulli.  

„Verrückt diese Gründer!“

Doch braucht Österreich den Erfinder der nächsten Tinder-App? Braucht Österreich den Erfinder der nächsten Pizza-Super-Schnell-Liefer-Dienste? Kommt das nächste soziale Netzwerk aus den Alpen? Sicher nicht! Die Chance der europäischen Staaten im Gründerrausch der Digitalisierung ist der B2B-Markt – heimisches Beispiel: Kreisel Electric. In diesen Märkten sind wir stark, zählt Österreich mit seinen Unternehmen zu den Weltmarktführern. Die Chance: Idee und neue Technologien für den Maschinenbau, die Automatisierung adaptieren.

In der Vergangenheit setzten viele Unternehmen zu oft auf Produktverbesserungen, auf vermeintliche Innovationen, aber selten auf neue Produkte, neue Geschäftsmodelle – das ist die Chance der Digitalisierung, auf die die heimischen Unternehmen gewartet haben oder sich ausgeruht haben. Das müssen auch die politisch Verantwortlichen erkennen. Aber das ist schwer.

Ich war vor einigen Wochen zu Gast in einem deutschen Ministerium und der Dialog der sich mit den Entscheidungsträgern in der Ministerialbürokratie entwickelte, warf bei mir neue Fragen auf. Die Teilnehmer verbanden mit der Digitalisierung vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter und leiteten daraus auch die Qualifikation eines möglichen Digitalministers ab. „Twittern sollte er schon können.“ Ich warf die Begriffe CNC oder SPS in den Raum und erntete unwissende Blicke. Die Digitalisierung stoppt am Fabriktor, sollte man meinen.

Es fehlt an Wissen, an Definitionen bei den Entscheidern, dabei muss die Politik eine wichtige Diskussion anstoßen: Die Start-Up-Kultur in den USA führt auch dazu, dass manche denken, alles sei machbar, sie seien unangreifbar, weil Investoren Millionen in sie pumpen. Was sind schon Gesetze, möchte man zynisch fragen. Manche Unternehmen testen autonom fahrende Autos ohne Lizenz. Eine Kultur- und Werteorientierung vermisse ich bei vielen Firmen. Gemacht wird, was geht – was für die technische Entwicklung von Vorteil sein mag und stimmen dürfte, ist menschlich und moralisch sehr fragwürdig.

Autor Dan Lyons fasst die Herausforderung der nächsten Jahre treffend zusammen: „Früher wären diese Leute mit ihrem Wunsch, reich zu werden, Börsenmakler an der Wall Street geworden. Jetzt ziehen sie nach San Francisco, wo ihnen Risikokapitalgeber Millionenbeträge anvertrauen und sie ermutigen, ihr Schlechtestes zu geben.“ Willkommen zurück im Casino. So ein Valley kann kein Vorbild für deutsche Unternehmer oder Gründer sein. 

Regeln und Chancen

Das Spiel ist schwierig. Aber wir müssen es mitspielen, denn sonst verlieren wir den Anschluss an Technologien. Aber wir brauchen neue, angepasste Regeln, auch wenn viele Gründer das ungern hören wollen. Unsere Industrien sind erfolgreich, weil sie gute Mitarbeiter haben, die gute Produkte entwickeln. Die soziale Marktwirtschaft ist ein Erfolg und sollte nicht schnell gegen eine neue Unternehmerkultur eingetauscht werden.  Wir brauchen Regeln für Roboter, Regeln für Datenschutz, Regeln für KI, Chancen für Menschen, die nicht mit „Twitter“ aufgewachsen sind, Chancen für Menschen, die nicht coden können, Chancen für Menschen, die nicht für ihren Job brennen, sondern ihn zum Geldverdienen brauchen. 

Microsoft spricht immer gerne vom digitalem Wirtschaftswunder. Ein solches wird es nur geben, wenn auch die soziale Marktwirtschaft mit ihren Regeln und Freiheiten wichtiger Bestandteil dieses Wirtschaftswunders bleibt oder wieder wird. Das ist die Hauptaufgabe der Politik, der Unternehmen, der Gewerkschaften, der Verbände, der Gesellschaft. Streitet endlich darüber!   Robert Weber ist deutscher Fachjournalist und Autor für das INDUSTRIEMAGAZIN.

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