Doppelinterview

proALPHA-Österreich-Chef Sander: "ERP ist die Basis"

Warum ERP-Software bei der digitalen Transformation von Unternehmen eine Schlüsselrolle zufällt, erklären Michael T. Sander, CEO von proALPHA Software Austria und Alexander Szameitat, Bereichsleiter Softwareentwicklung, Cloud und Systemtechnik.

Michael T. Sander,
ist seit 2014 CEO der proALPHA Software Austria und verantwortet die Bearbeitung des österreichischen und ungarischen Marktes innerhalb der Gruppe. Vor seiner Bestellung zum proALPHA Geschäftsführer war der technische Physiker 14 Jahre lang in der weltweit agierenden Kapsch Gruppe - zuletzt als Vice President ICT Sales Austria - tätig.

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Sander, bei der Fabrikkonferenz 2019 (ein Rückblick hier) gaben produzierende Unternehmen wie Melecs, Trumpf Maschinen Austria oder Flex Althofen Einblicke in ihre Vorzeigefertigungen. Produktionsexzellenz zusammen mit stringenten digitalen Strategien und mutigen neuen Geschäftsmodellen - bekommen Sie diesen Mix in der heimischen Industrie oft zu sehen? 

Michael T. Sander: Die genannten Unternehmen sind extrem weit. Viele andere müssen noch ihre Hausaufgaben machen. In den Managementboards wird noch viel zu wenig über horizontale Integrationsszenarien, digitale Geschäftsmodelle oder disruptive Entwicklungen am Markt und deren Gefahrenpotenziale nachgedacht. Doch gerade heute braucht es den 360-Grad-Blick im Unternehmen. Dinge wie die Produktivitätssteigerung in der Fertigung und neue Geschäftsmodelle darf und muss man gleichzeitig denken. Nur so stellt man sicher, künftig so stark aufgestellt zu sein, dass man nicht dasselbe Schicksal erleidet wie weniger glückliche Unternehmen wie Kodak.

Herr Szameitat, Sie starteten vor 23 Jahren als Softwareentwickler bei proALPHA, heute leiten Sie die Softwareentwicklung und die Systemtechnik. Auch ERP war einem Wandel unterworfen....

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Alexander Szameitat: Die wachsende Konnektivität verändert auch die Anforderungen an ein ERP. Man tauscht sich auf vielfältigere Weise aus, sucht die Automatisierung von Prozessen. Die Übergabe von Daten und Informationen an Kunden erfolgt automatisiert. Lösungen mit Schnittstellen zum elektronischen Datenaustausch (EDI) und für die mobile elektronische Erfassung erfreuen sich extrem starker Nachfrage. Und die Bereitstellung der Produkte über Webshops ist heute Teil der Internationalisierungsstrategie vieler unserer Kunden. 

Sander: Es gibt an uns den klaren Auftrag, ERP-Software noch leistungsfähiger zu machen. Auch die Kopplung mit Fremdsystemen ist ein zentrales Thema. Bei Unternehmen in der Fertigungsindustrie ist ERP die Basis aller Digitalisierungsvorhaben. In der Systemlandschaft eines Fertigungsunternehmens bzw. auch im RAMI 4.0 Modell ist ERP-Software nach wie vor die einzige Daten- und Informationsquelle welche korrekte betriebswirtschaftliche Entscheidungen ermöglicht.

Immer häufiger treffen sich Unternehmen in gemeinsamen Digitalisierungsworkshops...

Sander: Das Zeitalter ist stark geprägt von Kooperationen. Mit Institutionen und anderen Marktteilnehmern. Ein Beispiel ist unsere Mitarbeit in der Smart Electronic Factory. Dort werden im Echtbetrieb Industrie-4-0-Bausteine entwickelt, die als Pakete wiederverwertbar gemacht werden. Eine gewaltige Starthilfe für Unternehmen.

Stichwort offene Systeme. Was kommt da auf ERP-Anbieter zu? Braucht es Druck des Gesetzgebers?

Sander:  Um Geschäftsprozesse digital verwalten, bearbeiten und darstellen zu können, muss man als ERP-Anbieter Offenheit beherrschen. In unserem System ist ein vollwertiger Enterprise Service Bus vorverbaut. Schnittstellen müssen also nicht wie früher proprietär ausprogrammiert werden. Das erleichtert die Integration und senkt die Kosten über den Lebenszyklus betrachtet. Vor allem ist bei uns die Übertragung der Daten in Echtzeit abgesichert.

Szameitat: Und zum angesprochenen politischen Druck: Da vertreten namhafte Fachexperten aus der Disziplin der Kommunikations- und Automatisierungstechnik den Standpunkt, dass sich Standards nicht politisch erzwingen lassen sondern sich fast evolutionär am Markt durchsetzen – oder eben nicht. Die Normungsinstitute wie ISO oder DIN versuchen dann oft mehrere Standards in eine übergeordnete Norm zu gießen.

Sie haben den Mittelstand im Fokus. Keine Sehnsucht nach den Großkonzernen?

Sander: Unsere ERP-Lösung war und ist nicht als „Breitbandantibiotikum“ für den ganzen Markt positioniert - als Mittelständler sprechen wir klar Unternehmen des Mittelstands von einigen Dutzend bis zu einigen tausend Mitarbeitern an. Unsere Kundenbeziehungen sind langfristig – heutzutage halten die meisten Ehen kürzer als eine proALPHA Kundenbeziehung. Wir haben ein sehr gutes Verständnis für die Anforderungen unserer Kunden und bieten ihnen – wo nötig –  die volle Wahlfreiheit, etwa beim Thema Cloud. Die Rechnerwolke ist bei uns eine sehr gut verfügbare Option - wir drängen aber niemanden dazu.

Ihr aktueller Lieblings-Use-Case?

Sander: Das gibt es einige. Nennen möchte ich einen in Niederösterreich. Gabriel Chemie, ein Hersteller von Masterbatch, erarbeitet für seine Produkte gerade digitalen Added Value. Es geht um kommunizierenden, also um zusätzliche Funktionalitäten erweiterten Masterbatch. Intelligenter, sprechender Masterbatch wenn man so will. Das ist hochinnovativ.

Herr Szameitat, welche neuen Funktionalitäten bei ERP-Software bereiten Sie gerade vor, von denen man wissen darf?

Szameitat: Ein spannendes Thema ist der Ansatz einer Ressourcenkostenrechnung, bei der neben der klassischen Kostenrechnung zusätzlich auch die Kosten pro verbrauchter Ressource mitgetrackt werden. Diesen Ansatz verfolgen wir auch in einem aktuellen Projekt an der Smart Factory - es könnte schönen Mehrwert für Anwender bringen.

Vielen Dank fürs Gespräch!

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