Cyberkriminalität

Offenbar zehntausende Mailserver über Microsoft Exchange gehackt

Vor wenigen Tagen ist eine Sicherheitslücke in Microsofts weit verbreitetem Programm "Exchange Server" bekannt geworden. Inzwischen könnten laut Medienberichten weltweit bis zu 250.000 Server vor allem von Unternehmen angegriffen worden sein. Deutsche und amerikanische Behörden fordern IT-Spezialisten in den Firmen zum Handeln auf.

Wegen einer vor wenigen Tagen bekannt gewordenen Sicherheitslücke sind laut US-Medienberichten weltweit Zehntausende E-Mail-Server von Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen Opfer von Hacker-Attacken geworden. Für die Schwachstelle in Microsofts Software Exchange Server gibt es seit vergangenem Mittwoch zwar ein Sicherheitsupdate, es muss aber von den Kunden installiert werden. Die Angaben zur Zahl der Betroffenen gingen in den Berichten weit auseinander.

Alarmstufe rot in Washington und Berlin

Die US-Regierung forderte Netzwerkadministratoren zu weiteren Schutzmaßnahmen auf. Bei bereits infizierten Exchange-Servern reiche es nicht aus, nur den "Patch" von Microsoft aufzuspielen.

Auch das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stufte die Bedrohungslage vergangene Woche als extrem kritisch ein. Hacker hätten die Möglichkeit, Daten abzugreifen oder weitere Schadsoftware zu installieren. In Deutschland sind nach Ansicht des BSI Zehntausende Exchange-Server über das Internet angreifbar "und mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits mit Schadsoftware infiziert". Das Bundesamt hatte deshalb die Unternehmen direkt angeschrieben, deren Exchange-Server nach ihrer Kenntnis betroffen sind, und Empfehlungen für Gegenmaßnahmen gegeben. Es seien mehr als 9.000 Unternehmen kontaktiert worden. Die tatsächliche Anzahl verwundbarer Systeme in Deutschland dürfte noch deutlich höher liegen.

White Paper zum Thema

Netzwerkadministratoren sollen eingreifen

Das BSI empfiehlt dringend ein Update mit der von Microsoft bereitgestellten Software. Der US-Regierung zufolge reicht das allerdings nicht in jedem Fall. Sie forderte die Netzwerkadministratoren zu zusätzlichen Schutzmaßnahmen auf. Bei bereits infizierten Exchange-Servern genüge es nicht, nur die Microsoft-Reparatursoftware - den Patch - der vergangenen Woche aufzuspielen, sagte ein Vertreter des Präsidialamts am Sonntag. "Es handelt sich um eine aktive Bedrohung, die sich noch weiterentwickelt, und wir fordern die Netzwerkbetreiber dringend auf, sie sehr ernst zu nehmen." Die Administratoren sollten weitere Schritte unternehmen, um festzustellen, ob ein Angriff erfolgt sei.

Weltweit könne es mehr als 250.000 Opfer geben, schrieb das "Wall Street Journal" unter Berufung auf eine informierte Person. Dem Finanzdienst Bloomberg sagte ein mit den Ermittlungen vertrauter ehemaliger US-Beamter, man wisse von mindestens 60.000 betroffenen E-Mail-Servern. Der gut vernetzte IT-Sicherheitsspezialist Brian Krebs und das Computermagazin "Wired" berichteten von 30.000 gehackten E-Mail-Systemen allein in den USA.

Der Internetsicherheits-Dienst Kaspersky entdeckte seit Anfang März Angriffe bei über 1.200 Nutzern, wobei diese Zahl "kontinuierlich zunimmt". Die größte Anzahl (26,93 Prozent) der attackierten Nutzer stammt aus Deutschland. Des Weiteren sind Italien (9,00 Prozent), Österreich (5,72 Prozent), die Schweiz (4,81 Prozent) und die USA (4,73 Prozent) unter den am stärksten betroffenen Ländern.

Corona und Rüstung: Zielgerichtete Attacken auf Firmen in den USA

Microsoft hatte am vergangenen Mittwoch gewarnt, dass die vier zuvor nicht öffentlich bekannten Sicherheitslücken von mutmaßlich chinesischen Hackern ausgenutzt werden. Die Hacker-Gruppe, die Microsoft "Hafnium" nennt, habe mit Hilfe der Schwachstellen vor allem Informationen in den USA abgreifen wollen.

Microsoft hatte mitgeteilt, eine Cyberspionage-Gruppe mit Verbindungen zu China habe über bisher unbekannte Schwachstellen Emails von Kunden gehackt. Die Angriffe richteten sich demnach vor allem gegen amerikanische Forschungseinrichtungen, die sich mit Pandemien beschäftigten, sowie gegen Hochschulen, Anwaltsfirmen oder Organisationen aus dem Rüstungssektor. Die Regierung in Peking wies die Vorwürfe zurück.

Microsoft habe keine Hinweise darauf, dass auch Privatkunden angegriffen worden seien, so der Konzern. Den Berichten zufolge wurden aber seit Bekanntgabe der Schwachstellen nicht abgesicherte Systeme auf breiter Front angegriffen.

Aktuell zum Thema:
Cyberangriff auf EU-Behörde - wegen Daten von Biontech >>  

Exchange ist eine weltweit beliebte E-Mail-Plattform

Betroffen sind laut Microsoft die Exchange-Server-Versionen 2013, 2016 und 2019. Exchange wird von vielen Unternehmen, Behörden und Bildungseinrichtungen als E-Mail-Plattform genutzt. Bei einer erfolgreichen Attacke über die Schwachstellen ist es möglich, Daten aus dem E-Mail-System abzugreifen. Microsoft wurde auf die Sicherheitslücken von IT-Sicherheitsforschern aufmerksam gemacht.

Europäische Bankenaufsicht stärkt nach Hacker-Angriff Schutzmaßnahmen

Die Hacker-Angriffe auf E-Mail-Programme von Microsoft haben die Europäische Bankenaufsicht EBA alarmiert. Die Pariser Behörde kündigte am Montag an, wegen der Cyberattacke ihre Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen. Als Vorsichtsmaßnahme hatte sie ihr E-Mail-System vom Netz genommen. Bisher gebe es keine Hinweise auf einen Datenabfluss, teilte sie nun mit. Die Untersuchungen dauerten an. Der Hacker-Angriff war vergangene Woche bekannt geworden. (dpa/reuters/apa/red)

Aus Österreich:
Palfinger: "Wir gehen gestärkt aus der Cyberattacke hervor" >>     
Jeder zweite österreichische Händler im Internet von Betrug betroffen >>

Aktuell:
Brüssel will schärfere Sicherheitsregeln gegen Cyberattacken >>

USA klagen Nordkoreaner wegen milliardenschwerer Hackerangriffe an >>