Bauindustrie

Megaprojekt Stuttgart21: Die Demonstranten hatten recht

Für Österreichs Baukonzerne ist es das größte jemals im Ausland umgesetzte Projekt: Stuttgart21. Bis heute ist die Monsterbaustelle extrem umstritten. Nun gibt der Konzernchef der Deutschen Bahn zu: "Heute würden wir das Projekt nicht mehr bauen".

Die Deutsche Bahn würde das Projekt "Stuttgart 21" aus heutiger Sicht nicht noch einmal angehen. "Mit dem Wissen von heute würde man das Projekt nicht mehr bauen", sagte Vorstandschef Richard Lutz im Verkehrsausschuss des Bundestags, wie die "Rhein-Neckar-Zeitung" berichtete. Teilnehmer der Sitzung bestätigten gegenüber der Deutschen Presse-Agentur die Aussage.

Lutz habe demnach zugleich deutlich gemacht, dass es wirtschaftlicher sei, das Projekt fortzuführen als abzubrechen - wie schon andere vor ihm: Probleme mit Stuttgart21 - Verkehrsminister lehnt Ausstieg kategorisch ab >>

Österreichische Baufirmen maßgeblich beteiligt

Das unter dem Schlagwort Stuttgart21 bekannte Projekt besteht eigentlich aus zwei Teilen: Dem Umbau des Bahnknotens Stuttgart (S21) und dem Neubau der Strecke Wendlingen-Ulm (NBS).

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Das Bauprojekt ist das derzeit größte laufende Bauvorhaben Europas. Vier Baukonzerne aus Österreich sind federführend beteiligt und übernehmen vor allem die komplexen Tunnelbauvorhaben. Daher ist es auch das größte Bauprojekt, das heimische Baufirmen jemals im Ausland umgesetzt haben.

Milliardenkosten haben sich fast verdoppelt

Der Bau des unterirdischen Durchgangsbahnhofs in Stuttgart war seit dem Beginn 2010 immer teurer geworden - unter anderem wegen gestiegener Baukosten, langwieriger Planungsverfahren und Kosten für den Artenschutz. Der Rahmen lag 2009 bei 4,526 Mrd. Euro, 2013 waren es dann schon 6,526 Mrd. Euro. Im Jänner dieses Jahres erhöhte der Bahn-Aufsichtsrat das Volumen auf 8,2 Mrd. Euro und verschob die Eröffnung auf 2025.

Die Deutsche Bahn rechnet nach Informationen der "Stuttgarter Zeitung" damit, dass sie mit dem Projekt 2,228 Mrd. Euro Verlust macht. Dieser ergebe sich aus dem Eigenanteil des Konzerns an den Projektkosten von 4,034 Mrd. Euro, positiven Projekteffekten von 656 Mio. Euro und Einnahmen aus dem Verkauf frei werdender Bahnflächen von 1,15 Mrd. Euro.

"Das sind alles bekannte Zahlen", sagte ein Bahnsprecher dazu. Der Aufsichtsrat habe darüber 2017 beraten und auf dieser Grundlage im Jänner den Kostenrahmen erhöht. Er verwies darauf, dass ein Ausstieg aus dem Projekt rund 7 Mrd. Euro kosten könnte.

Die Demonstranten hatten recht

Kritiker des Megaprojekts hatten von Anfang an behauptet, dass die Milliardenkosten aus dem Ruder laufen würden. Verkehrsexperten hatten darauf hingewiesen, dass der Ausbau auf dieser Strecke, die keineswegs überlastet sei, weit weniger notwendig sei als auf anderen.

Bewohner von Stuttgart wollten ihren Hauptbahnhof und das angrenzende Areal erhalten. Geologen wiesen darauf hin, dass sich im Grund unter der Stadt riesige Mineralwasserquellen befinden, gegen die jede Baumaßnahme aufwendig abgesichert werden muss - während die Quellen beim Bau zerstört werden. Ganz gewöhnliche Bürger gingen zu Tausenden gegen das Projekt auf die Straße. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein.

Milliardenkosten und immense Bewegung von Material - alles für 23 Minuten

Hinterfragt wird bis heute auch der Sinn des Projekts. Falls die Fertigstellung eines Tages tatsächlich erfolgt, verkürzt sich die Fahrt zwischen Stuttgart und Ulm von 54 auf 31 Minuten. Das sind also rund 20 Minuten, denen Milliardenkosten und die Bewegung immenser Mengen an Material gegenüber stehen.

Schließlich war der Streit um Stuttgart21 ein zentraler Grund dafür, dass im traditionell konservativen deutschen Südwesten bei Landtagswahlen zum ersten Mal die Grünen an die Regierung gelangt sind. 

Der Bau kam trotzdem. Um das Jahr 2010 starteten die ersten großen Arbeiten. Jetzt, acht Jahre später, sieht es so aus, als hätten die Demonstranten recht. 

(pm mit apa)

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