Atomkraft

Frankreich hat mit der Abschaltung des AKW Fessenheim begonnen

Im deutsch-französisch-schweizerischen Dreiländereck in der Nähe der Großstädte Freiburg, Basel, Colmar und Straßburg ist der erste Reaktor des AKW Fessenheim heruntergefahren worden. Die Demontage des Werks könnte allerdings bis zum Jahr 2040 dauern.

Mit der Abschaltung des ersten von zwei Reaktoren im elsässischen Fessenheim hat die Stilllegung des ältesten Atomkraftwerks Frankreichs begonnen. Die Abschaltung in dem nahe der deutschen Grenze gelegenen AKW wurde planmäßig in der Nacht auf Samstag abgeschlossen, wie der Betreiber Electricite de France (EDF) mitteilte.

Während der Schritt in Deutschland und bei Umweltorganisationen Anlass zur Freude war, übten die Belegschaft sowie Vertreter der örtlichen Behörden scharfe Kritik. Das Atomkraftwerk Fessenheim hatte vor 43 Jahren den Betrieb aufgenommen. Die Abschaltung des ersten Meilers, eines 900-Megawatt-Druckwasserreaktors, begann am späten Freitagabend und wurde gegen 02.00 Uhr in der Nacht abgeschlossen. Im Kontrollraum sei es dabei "emotional" zugegangen, teilte EDF mit. Zuvor hatten Mitarbeiter noch damit gedroht, die geplanten Arbeitsschritte nicht zu befolgen.

Proteste im Elsass

Fessenheims Bürgermeister Claude Brender kritisierte die Stilllegung, für die nach seinen Worten viele Menschen in der Region kein Verständnis haben, als "Sterbehilfe". "Wir töten eine Maschine, die noch 20 Jahre hätte laufen können", sagte er.

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Am Wochenende demonstrierten Regionalpolitiker gegen die Stilllegung. Auf einem Transparent warfen sie der Regierung von Staatschef Emmanuel Macron Wortbruch vor. Gemeindeverbandspräsident Gerard Hug kritisierte: "Man hat dieses Kraftwerk auf dem Altar der Politik geopfert." Es demonstrierten außerdem rund 150 frühere Mitarbeiter des Atomkraftwerks sowie Pro-Atomkraft-Wissenschafter und -Aktivisten.

Die französische Energieministerin Elisabeth Borne nannte die Abschaltung dagegen einen "historischen Schritt" und versprach, es werde keinen Arbeitsplatzverlust geben.

Erleichterung in Deutschland und der Schweiz

Aus Sicht des Umweltverbands BUND hätte das Atomkraftwerk Fessenheim "nie in Betrieb gehen dürfen", wie ein Sprecher sagte. "So gesehen kommt die Abschaltung 43 Jahre zu spät."

Deutschland und die Schweiz hatten schon seit Jahren auf die Abschaltung gedrungen, nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 nahm der Druck noch zu. Ursprünglich hatte die französische Regierung des damaligen Präsidenten Francois Hollande das Aus für das AKW Fessenheim bereits für Ende 2016 versprochen. Macrons Regierung gab aber erst 2018 endgültig Grünes Licht.

Abbruch wird Jahrzehnte dauern

Am 30. Juni soll Block zwei des AKW Fessenheim endgültig abgeschaltet werden. Es wird danach voraussichtlich mehrere Monate dauern, bis beide Reaktoren ausreichend abgekühlt sind und mit dem Rückbau des Atomkraftwerks begonnen werden kann. Die Brennelemente sollen bis 2023 entfernt werden. Die Demontage des Werks beginnt 2025 und könnte bis 2040 dauern.

Deutschland und Frankreich haben vereinbart, in der Region Fessenheim einen Technologiepark zu errichten. Dafür sind Startgelder in einer Höhe von rund einer Million Euro vorgesehen. Der Gewerkschafter und langjährige AKW-Mitarbeiter Jean-Luc Cardoso kritisierte, dass es "ein Luftloch von zehn Jahren" gebe, bis der Technologiepark neue Arbeitsplätze biete. Laut französischer Regierung sollen die 750 Mitarbeiter des AKW Fessenheim in anderen EDF-Anlagen angestellt werden oder Unterstützung bei der Jobsuche erhalten.

Frankreich bleibt Atomkraft-"Weltmeister"

Bis 2035 sollen in Frankreich 14 Reaktoren abgeschaltet werden. Nach dem Aus für Fessenheim zählt das Land dann noch 56 Reaktoren in 18 Atomkraftwerken, die rund 70 Prozent des Stroms liefern. Das ist mit Abstand der höchste Anteil weltweit, bis 2035 soll er auf 50 Prozent sinken.

Fessenheim liegt in einem Erdbebengebiet, das Atomkraftwerk ist zudem nur unzureichend gegen einen möglichen Flugzeugabsturz, Anschlag oder Überflutungen geschützt. In der Vergangenheit gab es in dem AKW immer wieder Störfälle, die teilweise erst Monate später bekannt wurden.

Kritiker werfen der deutsche Regierung vor, in Deutschland Atomkraftwerke abzuschalten und zugleich Atomstrom aus Frankreich zu importieren. In Deutschland sind noch sechs Atomkraftwerke am Netz: Grohnde und Emsland in Niedersachsen, Brokdorf in Schleswig-Holstein, Isar 2 und Gundremmingen in Bayern sowie Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Gemäß Atomgesetz werden die drei letzten Reaktoren spätestens Ende 2022 abgeschaltet. (afp/apa/red)

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