Digitalisierung

Einkauf 4.0: So krempeln digitale Tools die Beschaffung um

Digitale Einkaufstools bahnen sich ihren Weg in die Beschaffungsabteilungen. Ein lange erwarteter Effizienzschub.

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"Wir betreiben intensives Lieferantenmanagement und hopsen technologisch nicht herum".
Volkmar Schmidt, Einkaufleiter Trumpf Maschinen Austria

Am Ende konnte Fraunhofer-Forscher Axel Schulte von einem sehr deutlichen Befund sprechen. Einen gravierenden Einfluss auf ihre Arbeit und Abteilungen orten Einkaufsleiter durch den unternehmensweiten Vormarsch der Digitalisierung – "Unternehmen sind wach gerüttelt, die Notwendigkeit der Veränderungen ist allen bewusst", sagt Schulte. Das hat die Studie „Digitalisierung des Einkaufs – Einkauf 4.0“ des Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik IML und des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik unter anderem ergeben. Sie nähert sich nun durch die Benennung von Handlungsfeldern ersten Umsetzungsmaßnahmen. Und da ist Tempo durchaus geboten: Befragte der Studie sehen den Einkaufsmanager künftig als "Netzwerkmanager" oder gar "Technologie-Horchposten", fanden Axel T. Schulte, Abteilungsleiter der Fraunhofer-Abteilung Einkauf und Finanzen im SCM und seine Mitarbeiterin Karolin Pellengahr als Studienverantwortliche heraus. Selbst in konservativeren Beurteilungen wird vom Einkäufer als "aktiven Gestalter", als "Schnittstelle zu allen internen und externen Partnern der Supply Chain", gesprochen. Und positiv: Dass ein bestimmter Level an Daten-Know how und Umsetzungsgrad in den Unternehmen vorhanden ist, sei "Tatsache".

Vom Beobachter zum Akteur

Allerdings, und das ist der für die Fraunhofer-Wissenschaftler zweite wesentliche Befund: Viele Unternehmen verharren derzeit noch in einer "Beobachterrolle". In der Studie ist in diesem Zusammenhang gar von einem "Lähmungszustand" die Sprache. „Und genau aus dieser zurückhaltenden Position wollen wir den Einkauf in eine aktive und gestalterische Rolle befördern“, fasste die Autorin Karolin Pellengahr zusammen. Das Fraunhofer IML hat in diesem Sinne, zusammen mit dem BME, den „Think Tank Einkauf 4.0“ ins Leben gerufen, der die Vorergebnisse der Studie im Detail nochmals untersucht. "Zurückhaltung bezüglich Supply Chain Integration im Einkauf" ortet derzeit auch noch FH-Professor Franz Staberhofer, Leiter des Logistikums Steyr. Mit viel zu geringer Intensität etwa würden Beschaffungsmanager ihr Netzwerk entwickeln, um Innovation bei erfolgskritischen Produkten ins Unternehmen zu bekommen, meint er: "Dass sich Einkäufer mit Lieferanten zusammensetzen und gemeinsam an einer Strategie feilen, hat in der heimischen Industrie immer noch Seltenheitswert", sagt Staberhofer. Dass ein erfolgreicher Einkauf künftig stärker versuchen müsse, trivial dispositive Tätigkeiten durch Technologie zu ersetzen, davon ist er überzeugt: Als Beispiel nennt er so simple Dinge wie die automatisierte Nachbestellung per Web- EDI.

Allerdings ist auch klar: Dass Widerstände in den Abteilungen nicht immer grundlos auftauchen. Neue Technologien sind nicht nur Jobmotor, sie bringen auch Einschnitte: Die Mitarbeiterzahl im Einkauf werde sich "sowohl operativ als auch strategisch künftig reduzieren", ist in der Studie zu lesen. Besonders betroffen: der operative Einkauf. "Der könnte nahezu zur Gänze verschwinden", schätzt das Forscherduo. Sogar die Auslagerung von Kernkompetenzen an einen Service-Provider könnte nach Meinung einiger Teilnehmer der Erhebung ein realistisches Szenario sein. 
 

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"Historische Chance"

Allerdings ist auch klar: Dass Widerstände in den Abteilungen nicht immer grundlos auftauchen. Neue Technologien sind nicht nur Jobmotor, sie bringen auch Einschnitte: Die Mitarbeiterzahl im Einkauf werde sich "sowohl operativ als auch strategisch künftig reduzieren", ist in der Studie zu lesen. Besonders betroffen: der operative Einkauf. "Der könnte nahezu zur Gänze verschwinden", schätzt das Forscherduo. Sogar die Auslagerung von Kernkompetenzen an einen Service-Provider könnte nach Meinung einiger Teilnehmer der Erhebung ein realistisches Szenario sein. Zugleich hebt der Einkauf längst nicht alle Potentiale, die digitale Werkzeuge eröffnen. "Derzeit verpasst der Einkauf eine historische Chance, strategische Bedeutung zu belegen", formuliert es ein Studienteilnehmer. Es fehle häufig die Prozesssichtweise, schlussfolgert man bei Fraunhofer. Der Schlüssel sei die vertikale und horizontale Vernetzung - "und zwar durch Technologien und Systeme, aber auch von Mensch zu Mensch", schildert Axel T. Schulte. Dazu müssten auch erst einmal mit aller Konsequenz die erforderlichen Kennzahlen in den Unternehmen installiert werden. Weder über die Transaktionskosten, noch über die Wiederbeschaffungszeiten ihrer Lieferanten haben die Unternehmen nur sehr wenig Transparenz", beobachtet Franz Staberhofer.

Methodenmix

Auf einen Mix bewährter und neuer Methoden im Einkauf setzt der Paschinger Biegemaschinenbauer Trumpf. Eingekauft wird mit Hilfe von SAP, genutzt wird weiters eine Plattform für den elektronischen Datenaustausch (EDI, Electronic Data Interface). Mit Schlüssellieferanten unterhalten die Oberösterreicher zudem höchst lohnende Entwicklungspartnerschaften. Den Takt der Fließfertigung haben Lieferanten längst verinnerlicht: "Sie wissen, dass Feuer am Dach ist, wenn sie Teile zeitlich zu knapp liefern", berichtet Einkaufsleiter Volkmar Schmidt. Was digitale Tools zur Einkaufsunterstützung oder gar digitale Geschäftsplattformen wie Axoom betrifft, gibt die deutsche Mutter den Takt vor. "Wir betreiben intensives Lieferantenmanagement und hopsen technologisch nicht umher", sagt Schmidt.

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