Luftfahrt

Der "Greta-Effekt" und Dumpingpreise setzen Luftfahrt unter Druck

Eine abflauende Konjunktur, der steigende Ölpreis und die Dumpingpreise der Konkurrenz setzen den Airlines in Europa zu. Neu ist auch das wachsende Bewußtsein der Verbraucher, welch massive Umweltschäden die Fliegerei bringt - der sogenannte "Greta-Effekt".

Eine besondere Aufnahme: Fünf Flugzeuge befinden sich zeitgleich im Landeanflug auf die Nordwest-Landebahn in Frankfurt. Für die Gesamtansicht ins Bild klicken.

Streiks, schlechtes Wetter, Flugzeugpannen: Das sind die üblichen Probleme, mit denen sich Chefs von Airlines herumschlagen. Doch nun kommen weitere hinzu: "Die europäischen Fluggesellschaften kämpfen gerade mit einer aufziehenden wirtschaftlichen Schlechtwetterlage", sagt der Experte für die Luftfahrtbranche bei der Unternehmensberatung EY, Marc Förstemann.

Der "Greta-Effekt"

Die neuen Probleme heißen Greta-Effekt, Ölpreis und langsameres Wirtschaftswachstum. "Wegen der Eintrübung der Konjunktur fangen viele Unternehmen gerade an, bei den Reisekosten zu sparen", sagt Förstemann. "Dadurch werden die Fluggesellschaften weniger teure Business-Class-Tickets verkaufen". Die Einnahmen sinken. Der steigende Ölpreis treibt wiederum die Ausgaben der Airlines für Treibstoff nach oben, wie der Analyst der Deutschen Bank, Eric Heymann, ergänzt.

Ein neues, starkes Bewusstsein um die massiven Umweltschäden der Fliegerei

Ein erhebliches Risiko für die Branche liege zudem in einer stärkeren klima- und umweltpolitischen Regulierung. "Es ist kein politischer Selbstmord mehr zu sagen, dass Fliegen zu billig ist", sagt Heymann. "Auch Begriffe wie Flugscham sind ziemlich neu", sagt er in Bezug auf das von der schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg mitausgelöste wachsende Umweltbewusstsein von Unternehmen genauso wie von Privatpersonen. "Noch spüren die Fluggesellschaften das wenig, aber es wird eine Herausforderung für die nächsten Jahre", glaubt Förstemann.

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All diese neuen Sorgen kommen zu einer Zeit, da die Branche ohnehin schon stark unter Druck steht. "In der Luftfahrtbranche herrscht ein starker Wettbewerb", sagt Heymann. Deshalb gebe es deutlich mehr Angebot als Nachfrage. "Die Überkapazitäten machen sich vor allem im Winter oder zu bestimmten Tageszeiten bemerkbar. Dann kämpfen die Airlines darum, ihre Flieger voll zu bekommen".

Immerhin habe die Branche insgesamt in den letzten Jahren Gewinne erwirtschaftet. Das ändere sich nun. Zuletzt musste der irische Billigflieger Ryanair einen Gewinneinbruch vermelden. Der britische Reisekonzern Thomas Cook stellte seine Fluglinie Condor zum Verkauf. Es geht eine Pleitewelle durch die Branche, in Deutschland mit Air Berlin und zuletzt Germania.

Dabei ist Europa vergleichsweise spät dran, wie der Insolvenzverwalter und Luftfahrt-Experte Tobias Hartwig von Schultze & Braun sagt. "Das Phänomen der Konsolidierung gab es in Amerika schon vor 15 Jahren. Das kommt jetzt bei uns an."

Billigflieger mit dem "Aldi-Prinzip"

Neben den alteingesessenen Fluglinien mit traditionell hohen Kosten bekommen nun auch die aktuellen Wachstumstreiber der Branche Probleme - die Billig-Airlines, die laut Hartwig nach dem "Aldi-Prinzip" funktionieren: "Viel Absatz, aber zu geringer Marge."

Deren Geschäftsmodell ist in Gefahr. "Der Wilde Westen ist für die Billig-Flieger vorbei", sagt Förstemann. Diese hätten teilweise regulatorische Lücken ausgenutzt, um etwa die Lohnkosten zu drücken. "Diese Lücken werden nun aber zu Recht sukzessive geschlossen."

Wie Hartwig beobachtet, gleichen sich die traditionellen Fluggesellschaften wie Lufthansa und die Newcomer wie Ryanair immer stärker an. Ryanair zieht weg von den Regionalflughäfen hin zu den großen Drehkreuzen. Lufthansa weitet das Angebot seiner Billig-Tochter Eurowings aus.

Große setzen auf Masse, Kleine haben Pech

Die Großen setzen auf Masse, die Kleinen haben das Nachsehen. Doch die Marktbereinigung wird durch einen wichtigen Faktor behindert. "Wir haben in Europa einen Markt, bei dem staatlich organisierte Airlines noch eine bedeutende Rolle spielen", sagt Hartwig. Die insolvente italienische Gesellschaft Alitalia werde beispielsweise nur durch Staatskredite am Laufen gehalten.

Dieser staatliche Einfluss behindert Heymann zufolge grenzüberschreitende Fusionen und sorgt dafür, dass es in Europa immer noch viele relativ kleine defizitäre Anbieter gibt. Förstemann glaubt, dass die kleinen Fluggesellschaften künftig den operativen Flugbetrieb immer öfter an große Gesellschaften auslagern werden. "Der Kunde wird dies nicht unmittelbar bemerken, denn sie werden ihren eigenen Auftritt beibehalten", sagt er.

Die kleinen Airlines werden sich demnach auf ihre Marke und den Vertrieb der Tickets konzentrieren. Da größere Gesellschaften den Betrieb reibungsfreier gestalten könnten als kleinere Airlines mit vergleichsweise wenig Maschinen, profitierten davon auch die Kunden. (afp/apa/red)