Autonomes Fahren

Anforderungen nicht erfüllt: SBB bestellen selbstfahrenden Bus wieder ab

Für die Schweizer SBB hätte "Olli" ein Paradebeispiel des autonomen Fahrens werden sollen: Ein teils mit 3D-Druck gebauter Roboterbus mit direkter Verbindung zu "Watson", der künstlichen Intelligenz von IBM. Doch auf der Straße war das Fahrzeug dann doch nicht so gut wie in Werbevideos.

Hier der Screenshot eines Werbevideos zu "Olli" vom amerikanischen Hersteller Local Motors.

Bei einem Pilotprojekt der Schweizer Staatsbahn (SBB) hat der selbstfahrende Bus "Olli" die Erwartungen nicht erfüllt. Jetzt wechselt der Bahnbetreiber den Hersteller aus. Auch die ersten Fahrten mit Menschen an Bord des Roboterbusses kommen nun nicht heuer im September, sondern laut Plan im Jahr 2018.

Vorgesehen war, dass in der Stadt Zug ab Sommer 2017 selbstfahrende Shuttles in das bestehende Verkehrs- und Mobilitätssystem integriert werden. Doch zu den Testfahren mit dem Fahrzeugtyp "Olli" auf öffentlichen Straßen kam und kommt es nicht.

Ein Paradeprojekt scheitert an der Realität

Dabei sollte die ganz in trendigen Farben gehaltene Kiste auf vier Rädern ein Paradeprojekt im Bereich des autonomen Fahrens werden: Denn hinter "Olli" steht der amerikanische Autobauer Local Motors. Einige Bauteile des Fahrzeugs sind im 3D-Drucker produziert.

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Und auf das Geschehen auf der Straße richtig reagieren sollte "Olli" dank des Systems für künstliche Intelligenz namens "Watson" vom amerikanischen IT-Riesen IBM. Dem Plan nach sollte der Autobus drahtlos mit Servern des Supercomputers vernetzt sein.

Doch der schöne Digitalisierungsplan ist an der Realität gescheitert. Der Hersteller habe "den Erwartungen in der Umsetzung" nicht entsprechen können, teilen jetzt die Projektpartner SBB, Mobility Carsharing, Stadt Zug, Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB) und Technologiecluster Zug mit.

Wegen technischer Probleme hätten die terminlichen Ziele nicht eingehalten werden können, heißt es bei der SBB auf Anfrage. Deshalb hätten sich die Projektpartner entschlossen, den Hersteller zu wechseln.

Jetzt sollen Franzosen ran

Sie haben sich für den Typ "EZ10" des Unternehmens "EasyMile" entschieden. Das Start-up aus Toulouse (F) war schon zum Zeitpunkt der ersten Auswahl eine Option gewesen, doch erschien damals gemäss SBB "Olli" noch am vielversprechendsten.

Ende August lieferte "EasyMile" bereits ein erstes Fahrzeug. Es steht derzeit in den ZVB-Werkstätten. Wann es zum ersten Mal auf die Zuger Straße kommt, ist noch unklar.

Der Fokus liege nun zunächst darauf, die erforderliche Genehmigung des Schweizer Bundesamts für Straßen (ASTRA) zu erhalten, teilte die SBB mit. "Erst danach können Termine für Testfahrten mit Testnutzern und geschlossenen Kundengruppen festgelegt werden."

Neuer Bus soll seine Strecke "kennenlernen"

Der elektrisch angetriebene Bus wird dann die vorgesehene Strecke abfahren und kennenlernen ("Mapping"). In den folgenden Monaten soll sich das Projekt auf "ausgedehnte Tests und die Stabilisierung des Betriebs" konzentrieren.

Im ersten Halbjahr 2018 seien mit der Lieferung des zweiten Shuttles dann die ersten Fahrten mit Passagieren geplant. Vorgesehen ist, dass die Fahrzeuge autonom zwischen dem Bahnhof Zug und dem Industriecluster Zug verkehren.

Jetzt loben die Schweizer die Lösung von "EasyMile"

Nachdem die SBB in den Vormonaten voll des Lobes über "Olli" waren, werden jetzt Vorschusslorbeeren an die Franzosen verteilt. Die Fahrzeuge dieses Start-ups seien bereits über ein Dutzend Mal erfolgreich auf der ganzen Welt eingesetzt und in verschiedenen Szenarien getestet worden, heißt es jetzt beim Bahnbetreiber.

So standen beispielsweise sechs "EZ10"-Fahrzeuge 2015 während eines halben Jahres an der ETH Lausanne (EPFL) im Einsatz, wie es auf der Internetseite des Herstellers heißt. Sie deckten eine 2,3 Kilometer lange Strecke zwischen der Metrostation und den Hauptgebäuden auf dem Campus ab.

Der "EZ10" verfügt über sechs Sitz- und sechs Stehplätze. Laut Herstellerangaben kann er bis 14 Stunden in Betrieb stehen. Er weist eine Spitzengeschwindigkeit von 40 km/h auf, ist in der Regel aber mit Tempo 20 unterwegs.

Zahlreiche Versuche auch in der Schweiz

In verschiedenen Schweizer Städten laufen Versuche mit fahrerlosen Fahrzeugen oder es sind solche geplant. So sind in der Stadt Sitten bereits seit Sommer 2016 versuchsweise selbstfahrende kleine Postautos im Einsatz.

Sie befördern auf einer rund eineinhalb Kilometer langen Rundstrecke Personen in der Fußgänger- und Begegnungszone der Altstadt. Ab Ende Oktober wird das Unternehmen PostAuto auch in Bern einen weiteren Test starten, er findet auf einem geschlossenen Areal statt.

In Neuhausen am Rheinfall testen die Schaffhauser Verkehrsbetriebe ebenfalls einen führerlosen Bus. Das Vorhaben in Zug gilt landesweit als erstes, auf den ein computergesteuerter Bus auf öffentlichen Straßen fahren soll.

(red/sda/apa)

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