Kommentar: Vom Absolutismus zum Tribalismus

Kleine, agile Netzwerke um Einzelpersonen füllen zunehmend jenes Vakuum, das die großen Integrationskräfte der zweiten Republik hinterlassen haben. Haben sie das Potenzial, auch die großen Zukunftsfragen zu lösen?

Von Harald Katzmair

Sind Sie eigentlich Daumen-Klingler? Nutzen Sie also ihren Daumen statt dem Zeigefinger, um an einer Tür Einlass zu finden? Sehr wahrscheinlich sind Sie dann unter 45 und mit Mobiltelefon oder zumindest mit dem Gameboy aufgewachsen. Sie haben verinnerlicht, dass ihr Daumen muskulöser, beweglicher und robuster ist als alle anderen Finger und benutzen diesen statistisch signifikant öfters als Ihre Vorfahren. Zu dieser originellen Einsicht kamen Mediziner, als sie die Metadaten zu Verletzungen an der Hand in britischen Spitälern untersuchten.

Die digitale Transformation verändert nicht nur nicht nur die Art wie wir Einlass finden, und damit auch wie wir kommunizieren und uns vernetzen. Mitgliedschaften in Managementclubs, in denen man sich statusäquivalent austauschen kann, wirken längst anachronistisch. Inspiration, das Lernen von der Peer Group findet längst nicht mehr bei den Rotariern sondern – analog zu den internationalen Wertschöpfungsketten – global und digital statt. Die großen, integrativ wirkenden Netzwerker dieses Landes scheinen von der Globalisierung längst hinweggeblasen. Deren Nachfolger mögen mit Ämterakkumulierung ein Mimikri der Funktionen von Konrad, Scharinger oder Raidl betreiben – die ausgleichende Kraft in breite Gesellschaftsschichten entfalten sie mangels Bedeutungsverlustes ihrer Ämter längst nicht mehr. Denn – und das ist der gravierendste Effekt der digitalen Zentrifugalkräfte: Die wichtigen Institutionen des Landes – Stichwort: Sozialpartnerschaft – bröckeln: Wen interessiert nationaler Interessensausgleich, wenn eigentlich nur noch sehr globale oder höchst lokale Probleme gelöst werden müssen?

Deinstitutionalisierung In dieses Vakuum stoßen kleine, sich schnell koordinierende Netzwerke rund um Einzelpersonen. Diese müssen nicht die schwierige Integration vieler Interessen schaffen um zu einem Entschluss und zu einer Umsetzung zu kommen. Die Beispiele für die Problemlösungskraft dieser agilen Zellen sind zahllos: Vom Zirkel rund um Sebastian Kurz, der den gordischen Knoten in der ÖVP (und damit der Innenpolitik in Österreich) durchschlagen zu haben scheint – bis hin zu der Initiative zweier Unternehmer, die geschafft haben, weite Teile der Vorarlberger Industrie darauf zu verpflichten, bis 2025 klimaneutral zu produzieren. Folgt auf den „aufgeklärten Absolutismus“ jetzt eine Phase des „Tribalismus“?

Fakt ist: Mit der unbestreitbaren Deinstitutionalisierung unserer Gesellschaft zerbröselt auch die Diversität unserer Netzwerke. Bedingung dafür, dass wir offen bleiben, lernen, und uns weiterentwickeln, ist es jedoch, dass wir uns mit Personen konfrontieren, deren Auffassung wir nicht unbedingt teilen. Wir sind im Begriff auch im realen Leben zu tun, was wir digital längst machen: Wir begeben uns in Blasen, die heimeliger sind und unterliegen der Versuchung die Komplexität der Welt durch das Ausblenden fremder Meinungen zu reduzieren. Unmerklich werden dadurch unsere Denkräume Kleiner. Unsere Gesellschaft ist im Begriff, sich in Mini-Netzwerken zu organisieren: Schnell und durchsetzungsstark – aber auch mit der gefährlichen Tendenz, sich nur selbst zu bestätigen. Haben diese Netzwerke das Potenzial, auch die großen Zukunftsfragen zu lösen?