„Unbelastet von Pfründlern und Bündlern“

Die Politik tut sich schwer, ein Aufbruchsnarrativ aus der Krise zu finden. Jetzt geben Unternehmer aus der bürgerlichen Mitte wirtschaftspolitisch den stimmenstarken Souffleur. Kann das gelingen?

von Daniel Pohselt

An Inhalten mangelte es dem trauten Treffen am Wiener Schwarzenbergplatz nicht. Digitalisierung, Infrastruktur, Ausbildung - echte Kaliber standen auf der Shortlist der „Herbstklausur“, zu der IV-Präsident Georg Knill Ende September lud. Dazu das Steuerthema, „das unter den Nägeln brennt“, wie sich ein hochrangiges IV-Mitglied, das zugegen war, erinnert. Der mehrstündige Termin hatte Tiefgang und Emphase. Doch mehr noch hatte er Symbolkraft.

So exklusiv der Zirkel, so ungewöhnlich dessen Zusammensetzung. Hochrangige Kammervertreter der Sparte Industrie saßen mit am Tisch. Derart auf einer Linie, erzählt ein IV-Mitglied, habe er die beiden Institutionen lange nicht mehr erlebt.

Paradigmenwechsel.

Damit tritt ein, was der neue starke Mann an der IV-Spitze forsch angekündigt hat: Auf breiter Basis - über Grenzen politischer Lager hinweg - werden Akteure der Wirtschaft im ganzen Land zur Zusammenarbeit aufgerufen. Aus Sicht der Netzwerkforschung macht Knill mit seinem partizipatorischen Ansatz, der auch für die große Interessensvertretung am Schwarzenbergplatz einen Paradigmenwechsel darstellt, alles richtig: Nach dem reihenweisen Abdanken ehemaliger Netzwerkmagnete aus dem Bankensektor - etwa Ludwig Scharinger (+2019) oder zuletzt Erste-Bank-Chef Andreas Treichl - erodieren die ehemaligen Machtpole in der Industrie. Knill interpretiert die neuen Herausforderungen von Globalisierung, Digitalisierung und neuerdings auch einer ziemlich hartnäckigen Viruspandemie fast lehrbuchhaft: Sein Netzwerk sei „gespickt von Akteuren aus der Breite der Gesellschaft und damit hochvariabel“, sagt FASresearch-Netzwerkanalytiker Christian Katzmair. Ideale Voraussetzungen, um dem Standort mit einer geschliffenen Industriestrategie zu einem „gemeinsamen Aufbruchsnarrativ“ (O-Ton Katzmair) zu verhelfen?

„Ziemlich altmodisch“.

Ein solches auf den Weg zu bringen hat die Politik jedenfalls verabsäumt. Aus einem recht banalen Grund: Haben selbst patriarchalisch geprägte Unternehmen, für die ein „Top-Down-Management“ bestenfalls ein Hilfsausdruck war, gelernt, dass nur eine agile, hierarchieentwöhnte Organisation im Zeitalter unendlicher Schnittstellen (O-Ton eines Unternehmeers) Erfolg bringt, haben die Parteisysteme - tribalistisch auf Mehrheitenpolitik ausgerichtet - wenig Wandel erfahren. Einer, der in dem Punkt verlässlich Zweifel am Souverän anmeldet, ist Ex-Banker Andreas Treichl. Die Themen der Politik werden, so jugendlich ihre Akteure auch rüberkommen, „ziemlich altmodisch“, konstatiert er in einem Interview. Die Politik bewege sich „zurück in die Vergangenheit, statt eine Zukunft vorzubereiten, die den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärkt“, so der Ex-Banker. Vertretern des weltoffenen, liberalen Flügels der Konservativen stößt das Revival der Austeritätspolitik sauer auf. Sich beim EU-Haushalt auf die Seite der „Sparsamen Vier“ zu schlagen, sendete - zumal als Exportnation - „ein fatales Signal der Verzwergung“ (O-Ton eines Managers). Das auch aus Sicht der Netzwerkforschung - ganz ohne Funktionärskamarilla - Probleme bringt: Je homogener ein politisches Umfeld, umso mehr schrumpft die strategische Reserve, “adäquat auf Herausforderungen zu reagieren“, beobachtet Katzmair. Treichls Fazit: Es sei nun an den Wirtschaftstreibenden, das Heft in die Hand zu nehmen. Gefragt seien Lösungen, die die Bindekraft unter den Akteuren - vom KMU bis zum Konzern, von der Kunst bis zur Kapitalseite - stärken. Und nicht ein paar wenige Player retten und den großen Rest „der Erstarrung preisgeben“, meint Katzmair.

Gabe zum systemischen Denken.

Dem neu gewählten Präsidium der IV, Georg Knill, Sabine Herlitschka, Philipp von Lattorff und Franz Peter Mitterbauer, wird deshalb die Aufgabe zufallen, eine Industriestrategie in die Politik zu tragen, die keine weiteren Gräben aufreißt. „Selbstredend ist das die Aufgabe der IV“, sagt ein Vorstand. Nur sie habe die Praktiker, die unmittelbare Betroffenheit, Engagement und - wichtig - „systemisches Denken" leben, sagt er. Wie Gerorg Knill, der, „von Pfründlern und Bündlern“ unbelastet, „keine politischen Spielchen treiben muss“ (O-Ton eines Unternehmers), um Themen zu setzen. Oder Sabine Herlitschka, deren Netzwerk dorthin reicht, wo sich ein boomender Forschungstrieb geformt hat. Man drückt jedenfalls aufs Tempo. Bis Dezember sollen die Pfeiler der Industriestrategie stehen, österreichweit wurden die Mitglieder schon per Umfrage involviert. Dann ist die Politik am Zug.

Kommentar: "Eine historische Chance"

Für eine Aufbrucherzählung braucht es statt intransparenten Entscheidungen einen offenen Diskurs, meint Netzwerkanalytiker Harald Katzmair.

von Christian Katzmair, Geschäftsführer FASresearch

"Es wird auch an der neu formierten IV-Spitze liegen, die Kräfte für ein gemeinsames Aufbruchsnarrativ zu mobilisieren." Harald Katzmair, Geschäftsführer FASresearch

Lange Jahre drückten sie Österreichs Industrienetzwerken ihren Stempel auf: Integrative Persönlichkeiten aus der Bankerszene wie Ludwig Scharinger, Christian Konrad oder Andreas Treichl. Auf die Erosion dieser Machtpole folgt die Neuausrichtung der Netzwerke, die Managern in Zeiten von Digitalisierung, Ökologisierung und Viruspandemie mehr Adaptionsfähigkeit denn je zuvor abverlangt. In einem gemeinsamen Kraftakt muss der Standort wieder auf die Beine gebracht werden. Was eine historische Chance birgt: Wie bei den Aufräumarbeiten nach einem Erdbebenunglück kann - nach der Devise "build back better" - eine Weichenstellung zugunsten von mehr Resilienz erfolgen.

Dazu braucht es starke Persönlichkeiten, die Politik als mehr als nur bloße Parteipolitik mit der dazugehörigen Nullsummenspielmentalität verstehen. Die ihre Konventionentreue ablegen und ressentimentfrei über alle politischen Lager und gesellschaftlichen Schichten den Diskurs suchen.. Die gesellschaftspolitisch den Schulterschluss suchen und mit den wichtigsten Handelspartnern Österreichs, Deutschland, Italien und dem Rest der EU gemeinsame Strategien für ein resilientes, lern- und entwicklungsfähiges Europa erarbeiten. Denn schon die Spieltheorie zeigt: Im nationalen Alleingang im Sinne einer "local defection against the whole" geht die Gesamtheit niemals als Sieger hervor.

Und so wird es nicht nur an der Politik, sondern vor allem an der neu formierten IV-Spitze liegen, die Kräfte für ein gemeinsames Wiederaufbau- und Aufbruchsnarrativ zu mobilisieren. Die Ausgangssituation für eine das Verbindende betonende Industriestrategie stimmt durchaus zuversichtlich: Eine hohe Beziehungskultur und der Mut, sich tagtäglich ins Unbekannte vorzuwagen, zählen zu den Grundfesten von Österreichs Mittelstand. Tugenden, die den Erfolg unserer Hidden Champions der Industrie ausmachen, aber auch von der Politik wiederentdeckt werden sollten.


Einstreuer: „Im nationalen Alleingang im Sinne einer "local defection against the whole" geht die Gesamtheit niemals als Sieger hervor.