Energieversorger

Wolfgang Anzengruber: Für Stromwende ist massiver Ausbau nötig

Für die Energiewende und die Vollversorgung mit Erneuerbaren sei noch sehr viel zu tun, so der Chef des Verbund: Neben neuen Kraftwerken seien auch neue Speicher und Netze nötig. Anzengruber plädiert auch für eine Bepreisung der Emissionen.

Für die Wende in Richtung Strom-Vollversorgung aus erneuerbaren Energien ist laut Verbund-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber noch viel zu tun. Neben dem Ausbau der CO2-freien Stromerzeugung gilt es auch die Speicher und die Netze auszubauen und sich neuen Technologien zuzuwenden, Stichwort Wasserstoff. Alle Investments müssten sich aber wirtschaftlich rechnen, betonte Anzengruber.

Die E-Wirtschaft benötige möglichst rasch das angekündigte Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG), das dafür das Marktsystem definieren solle. Für den weiteren Ausbau von Wasserkraft, Windkraft, Solarenergie und Biomasse seien - innerhalb dieser vier Technologien - flexible Marktprämien nötig, die sich an den Vollkosten orientierten, aber abhängig vom Strompreis sein sollten. Steige der Strompreis, würde der Unterstützungsbedarf entsprechend sinken.

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Der Markt selbst gebe nicht alles her, deshalb werde - selbst für neue Wasserkraftwerke - eine Förderung nötig sein, verwies der Verbund-Chef im Klub der Wirtschaftspublizisten auf die mit 80 Euro pro Megawattstunde (MWh) recht hohen Vollkosten bei Wasserkraft. Bei Wind- und PV-Strom seien es nur rund 60 Euro/MWh - dieser Strom sei aber nicht gleich viel wert, weil die Verfügbarkeit zeitlich eingeschränkt sei (Stichwort Dunkelflaute) und die Lebensdauer dieser Anlagen kürzer sei. Das Jahr habe 8.760 Stunden, aber selbst Wasserkraftstrom stehe im Schnitt nur 5.500 Stunden pro Jahr zur Verfügung, je nach Anlage. Bei Photovoltaik seien es sogar nur 1.500 Stunden jährlich. Die Differenz auf 8.760 Stunden sollten Anbieter zusätzlich zur eigenen Menge künftig selbst zukaufen müssen.

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Besonders hohen Bedarf werde es künftig an Stromspeichern geben - vor allem an Pumpspeicherkraftwerken, aber auch anderen Speichermöglichkeiten, bis hin zu Batteriespeichern. Die Pumpspeicher sollten von der doppelten Netzgebühr befreit werden, die derzeit einmal beim Wasser Hinaufpumpen bei niedrigen Strompreisen und noch einmal bei der Stromerzeugung bei höherem Preisniveau anfallen. Für 2030, wenn Österreichs Stromversorgung bilanziell übers Jahr gerechnet zu 100 Prozent erneuerbar erfolgen soll, schätzt Anzengruber den Speicherbedarf auf 10 Terawattstunden (TWh) jährlich - vor allem zum saisonalen Ausgleich -, was immerhin 15 Prozent des Strombedarfs eines ganzen Jahres entspricht. Derzeit verfüge Österreich trotz seiner guten Ausgangsposition erst über 4 TWh Speicher. Die Pumpspeicher allein könnten diese Lücke nicht füllen. Den Speicherbereich sieht Anzengruber als ein großes Wachstumsfeld für verschiedene Firmen, auch der Verbund werde sich hier engagieren.

Auch der Netzausbau werde weitergehen müssen, auf allen Ebenen - auch weil es heute nicht mehr möglich sei, die Kraftwerke dort hinzustellen, wo sie benötigt werden. Zur Salzburger 380-kV-Leitung hat der Verbund bzw. seine Hochspannungstochter APG noch immer den Herbst für den Start der Bauvorbereitungen auf dem Kalender stehen, allerdings nur wenn den Rechtsmitteln gegen die zweitinstanzliche Freigabe des 800-Millionen-Euro-Projekts keine aufschiebende Wirkung zuerkannt wird. Das sollte hoffentlich noch vor dem Sommer klar sein, hofft Anzengruber.

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Zugunsten des Klimaschutzes wünscht sich Anzengruber eine CO2-Bepreisung, wenngleich er eine CO2-Steuer nicht haben will. Am besten wäre ein CO2-Mindestpreis, egal ob der bei 50, 60, 70 oder 80 Euro pro Tonne liege. Er sollte einmal definiert werden und dann schrittweise steigen. Erübrigt habe sich der CO2-Mindestpreis, sobald er über dem CO2-Marktpreis liege. Nehme man das 1,5-Grad-Temperaturerhöhungsziel bis Ende dieses Jahrhunderts ernst, müssten in Österreich die Emissionen pro Kopf von derzeit zehn auf eine Tonne sinken; rechne man mittelbare Effekte (Güterimporte) hinzu, seien es pro Kopf 15 Tonnen im Jahr. Die energieintensive Industrie sollte freilich nicht aus Europa vertrieben werden "ganz im Gegenteil - wir sollten schauen, dass die Industriequote in Österreich steigt".

Die Auftrennung der gemeinsamen deutsch-österreichischen Stromhandelszone Anfang Oktober 2018 habe das Preisniveau in unserem Land gegenüber dem Nachbarn um 6 bis 7 Prozent verteuert. Bei Forward-Notierungen gebe es sogar 10 Prozent Aufschlag: "Für 2020/21 sehen wir eine Differenz von 4 bis 5 Euro pro Megawattstunde, das sind circa 10 Prozent." Im Intraday-Handel und "day ahead" sehe man noch deutlich höhere Unterschiede - und das Netz könne an der künstlich geschaffenen Preiszonengrenze auch "auseinanderbrechen", weil es sich um "eine neue Sollbruchstelle" handle. Wegen marktverzerrender Effekte durch die Trennung hatte der Verbund 2018 mit dem Stahlkonzern voestalpine und der Wiener Strombörse EXAA den deutschen Übertragungsnetzbetreiber TenneT auf Wiederherstellung des früheren Zustands geklagt. Das Verfahren laufe, so Anzengruber. (apa/red)

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