Energiehandel

Zuhauf offene Fragen

Ein neues EU-Gesetz will Insiderhandel und Manipulation im Strom- und Gashandel eindämmen. Verbraucher hoffen auf ein Ende schmerzhafter Preisaufschläge - Großabnehmer und Energiebörsen sind misstrauisch: Sie fürchten ein Revival regulierter Märkte. Von Peter Martens

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Insiderinformationen im Energiehandel sollen künftig kein Vorteil für einzelne eingeweihte Händler mehr sein.

Trotzdem sind nicht wenige Marktteilnehmer von REMIT alles andere als begeistert. Da wären zum einen die Kosten. Die verpflichtenden Aussagen selbst sind nur wenige Zeilen lang – doch der Aufwand dahinter sei hoch, erklärt Jürgen Wahl, Vorstand der heimischen Energiebörse EXAA: „Eine enorme Fülle an verschiedensten Handelsdaten muss so aufbereitet werden, dass Sie auf Knopfdruck Aussagen treffen können. Das ist schon eine enorme Aufgabe.“ Der Verband der europäischen Energiehändler EFET geht von Investitionen in Millionenhöhe in Personal und neue IT aus – neue laufende Kosten nicht mitgerechnet. Ein anderer Grund sind die vielen, immer noch offenen Fragen. Sie betreffen das Format und die Beschaffenheit der Daten, aber auch grundsätzliche Grenzen des Erlaubten. Ein leitender Manager eines großen heimischen Players, der nicht genannt werden will, widerspricht den ausführlichen Bestimmungen im REMIT-Gesetzesblatt: „Es gibt einen großen Graubereich im Energiehandel, der bis heute nicht eindeutig ist: Was genau ist akzeptiert und was nicht?“

Angst vor starrem Markt

Vor allem aber befürchten Marktteilnehmer, dass der so mühsam, mit viel Geld und Aufwand aufgebaute liberale Markt sich wieder in eine starr regulierte Form verwandelt – dann wäre es freilich auch mit den Vorteilen für die Großabnehmer nicht weit her. So treibt Jürgen Wahl von der EXAA die Sorge um, dass die gesamte Dynamik des Marktes zerstört werde. Er zieht einen Vergleich: „Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einem großen Flohmarkt. Es wird frei gehandelt, Angebot und Nachfrage sind in einem freien Spiel. Und plötzlich bekommt eine Institution den Auftrag, jeder Person permanent über die Schulter zu schauen und alles genau mitzunotieren.“ Mehr zu wissen als der Mitbewerber sei überlebenswichtig, meint auch ein anderer Händler: „Ein Wissensvorsprung, das ist genau der Bereich, in dem Geld verdient wird. Dazu nach außen eine Meldung zu machen, das ist wie eine wichtige Information an den direkten Konkurrenten weiterzugeben.“ Ein weiterer Händler, der ebenfalls nicht genannt werden will, wählt schließlich recht drastische Worte zum Thema REMIT. „Wenn jetzt mit der Regulierung versucht wird, alles zu kontrollieren, hätten wir uns die gesamte Liberalisierung sparen können.“

Wettbewerb verlagert sich zu Börsen

Allerdings bestreiten auch die Händler nicht, dass REMIT neben höherer Transparenz einen weiteren Vorteil nach sich ziehen wird: Der Handel, der in Europa traditionell vor allem bilateral abläuft, wird sich stärker zu den Börsen verlagern. Im Vergleich zu den Over-the-counter-Kontrakten, die im Vergleich zu Börsen ein wenig an den Wilden Westen erinnern, garantieren die offiziellen Handelsplätze ein Mindestmaß an Schutz. Sie übernehmen das Clearing, also die finanzielle Abrechnung, und tragen auch das Risiko, falls der Handelspartner seine Vereinbarungen nicht einhält. Und in einem weiteren Punkt sind sich alle Marktteilnehmer einig: Erwartet wird mittelfristig ein weiteres Absinken der Energiepreise im Großhandel. Allerdings weniger wegen REMIT – sondern vor allem wegen des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien.  ///

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