Betriebsrat 4.0

Warum Digitalisierungsprojekte immer öfter beim Betriebsrat landen

Augmented Reality, digitale Dashboards, künstliche Intelligenz: Wird in digitale Technologien investiert, sind betriebliche Vereinbarungen nicht weit.

Qualitätsversessen sind die Wiener Neudorfer seit jeher. Und Innovationsscheu kann man ihnen auch nicht nachsagen. Was die Qualität bei der Fertigung elektromechanischer Antriebe im Werk der Traktionssysteme Austria steigert, hat somit gute Chancen, von Günter Eichhübl an die oberste Stelle seiner Shortlist gesetzt zu werden. Er ist seit fast 20 Jahren hier der Geschäftsführer, nebenbei auch Miteigentümer, ein für die Digitalisierung zu begeisternder Mensch. Dashboards für die Werker, um schon bei der Montage Qualitätsaufzeichnungen am Werkstück durchzuführen, fanden folgerichtig das Interesse des 60-jährigen.

Doch alsbald lagen interessante Fragen am Tisch: Würde der Persönlichkeitsschutz verletzt, wenn nunmehr der Arbeitsraum der Mitarbeiter gefilmt werde? Wären auf Basis von Gesten Rückschlüsse möglich, wer hier gerade seiner Arbeit nachgeht - und dabei zu ausgelassen plaudert oder Zeit verbummelt? "Das Thema war bald beim Betriebsrat und damit an der richtigen Stelle", schildert Eichhübl. Dass die Maßnahme für Dokumentationszwecke - Stichwort Rückverfolgbarkeit gemäß ISO-Norm - sinnvoll ist, daran hatten die Beteiligten keinen Zweifel. Dass der Betriebsrat auf eine Betriebsvereinbarung pochte, die stark seine Handschrift trägt - Stichwort Anonymisierung der Daten - war für Eichhübl letztlich kein Problem. "Am Ende bekamen beide Seiten, was sie wollten", sagt Eichhübl. 

Von der Stoppuhr zur Einkaufssteuerung 

Dass der Einigung mehrere Wochen zähen Verhandelns vorangegangen sind, kann Eichhübl verschmerzen. Zielwert der Planrechnung ist eben die Qualitätssteigerung - und die darf nicht zulasten der Mitarbeiterinteressen gehen. Auch bei der Einführung einer Software zur effektiven Verfolgung der Materialtermine - eine Produktionssteuerung ist bereits vorhanden - hat Eichhübl bereits erhöhten Redebedarf mit den Belegschaftsvertretern ausgemacht. 

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Dass digitale - und häufig bildgestützte - Tools ein neues Kapitel der Fabriksgeschichte aufschlagen, beobachten auch andere. "Natürlich sorgte auch früher "der Einsatz von Stoppuhren oder Zeitaufnahmen für Diskussionsbedarf", sagt Rudolf Vogl, CEO beim Wertpapierdruckmaschinenbauer Koenig & Bauer. Doch mit der voranschreitenden Vernetzung der Produktion ist für neue Anlassfälle gesorgt. "Augmented Reality ist sicher so ein Thema, bei dem man den Betriebsrat abholen muss", sagt Vogl. 

Datenbrillen bei KBA 

Zwar seien in der Banknotenwelt die Möglichkeiten für visuelle Dokumentation endenwollend - in Bereichen der Fertigung aber könnten etwa Datenbrillen Anwendung finden. Die Idee: Mitarbeiter der Endmontage nehmen virtuell Hilfe in der Konstruktion in Anspruch - etwa dann, "wenn es Probleme bei der Bauteilmontage gibt", heißt es in Maria Enzersdorf. In einem Projekt mit dem oberösterreichischen Mechatronik Cluster wird noch bis Jahresende an den Parametern Tragekomfort und Übertragungsqualität geschraubt.

Eine Betriebsvereinbarung, die die Einsatzmodalitäten definiert, erwartet Vogl für 2021 oder 22. Auch hier sei das Aufzeichnen und Speichern von Daten der Mitarbeiter ein Thema. Für Diskussionsstoff in Mödling wird zudem die künftige Auslegung der Vertrauensarbeitszeit sorgen - "in Zeiten von Home Office und flexibler Arbeit braucht es einen zeitgemäßen Rahmen", sagt Vogl. 

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