Raumfahrt

Tiroler Josef Aschbacher wird Chef der Weltraumorganisation ESA

Anfang März übernimmt der Tiroler Josef Aschbacher als erster Österreicher die Leitung der europäischen Weltraumagentur ESA in Paris. Er folgt dem Deutschen Jan Wörner nach. Auf Aschbacher warten in einer nicht einfachen Zeit für die europäische Raumfahrt schwierige Aufgaben.

Er fällt ihm schwer, dieser Abschied. Jan Wörner stand seit 2015 an der Spitze der Weltraumorganisation ESA in Paris. Nun räumt der 66-jährige Deutsche seinen Posten als Generaldirektor am 28. Februar. "Es fühlt sich nicht gut an", sagt Wörner und so klingt er auch. Ruhestand ersehne er sich noch lange nicht. In Paris folgt ihm der erste Österreicher an der Spitze der ESA, der 58-jährige Tiroler Josef Aschbacher. Auf ihn warten viele Herausforderungen.

So ist die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 noch immer nicht gestartet. Auch die Konkurrenz aus den USA und China setzt den Europäern zu, die Beziehung zwischen ESA und EU-Kommission ist schwierig und der Ruf nach mehr Privatisierung wird immer lauter.

Josef Aschbacher im Dezember in die Führungsposition gewählt

Aschbacher ist bisher für das sehr erfolgreiche Erdbeobachtungsprogramm Corpernicus verantwortlich gewesen - seine Arbeit wird sehr geschätzt. Für ihn ist die neue Stelle ein "Kindheitstraum". Dessen Erfüllung bedeutet nun auch, dass auf ihn ein rammelvoller Schreibtisch wartet.

White Paper zum Thema

Wörners wohl wichtigstes Vermächtnis ist das sogenannte "Moon Village". Er hat mit der Vision einer Art gemeinsamen Basis auf dem Mond international geworben. Und dieser dauerhafte Außenposten ist mit dem amerikanischen Artemis-Mondprogramm, an dem die Europäer maßgeblich beteiligt sind, keine bloße Vision mehr. "Ich bin zur ESA gekommen, mit dem Gefühl, jetzt kann ich mal was für Europa tun", resümiert der Bauingenieur Wörner, der acht Jahre lang das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Köln geleitet hat. Ausgerechnet Europa bereitet ihm aber bei seinem Abschied die größten Bauchschmerzen.

Und gerade dieser Abschied wirkt nun auch etwas unfreiwillig. Wörner ist zwar nicht noch einmal für den Posten als Direktor angetreten. Doch als die Wahl im Dezember auf Aschbacher fiel, erklärte Wörner bestimmt, seine erst im Sommer endende Amtszeit voll ausfüllen zu wollen. Dann machte der immer locker und nahbar wirkende Wörner einen Rückzieher, Abgang doch schon Ende Februar. Aschbacher, der aktuell noch ESA-Direktor für Erdbeobachtung ist, sei bei allen internen Sitzungen dabei, so Wörner. "Das ist sowohl für ihn, als auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der ESA, und ein Stückchen auch für mich, keine ganz einfache Situation." Das habe er abkürzen wollen.

Aschbacher: EU investiert viel weniger als USA

Mit Sorge betrachtet Wörner nationale Tendenzen in Europa. Es gebe ein "Kräftemessen" - die ESA dürfe auf keinen Fall den europäischen Zusammenhalt verlieren, mahnt er. Europa ist auch ein Thema, dass sich Aschbacher direkt vornehmen möchte. Wie kann sich Europa besser mit anderen Ländern oder Kontinenten in den Wettbewerb stellen? Diese Diskussion müsse geführt werden, sagt er. Es sei Fakt, dass Europa im Verhältnis zu seiner politischen und wirtschaftlichen Position sehr viel weniger in die Raumfahrt investiere als etwa die USA.

Die Konkurrenz des Milliardärs Elon Musk

Vor allem private US-Unternehmen wie SpaceX des Milliardärs Elon Musk machen der europäischen Raumfahrt massive Konkurrenz. Europa sei gerade im Raketenbereich ins "Hintertreffen" geraten. "Man darf aber auch nicht vergessen, dass diese Firmen natürlich deshalb florieren können, weil es in Amerika von öffentlichen Stellen in etwa 40 Raketenstarts pro Jahr gibt", sagt er. In Europa liege diese Zahl bei fünf oder sechs. Doch das Problem ist auch, dass die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA private Unternehmen sehr gefördert hat. Anders in Europa - zumindest im Ausmaß. Auch Aschbacher gesteht ein, dass man hierzulande schneller sein könnte.

Und der Druck, im Bereich des sogenannten New Space schneller zu sein, ist groß - und kommt auch aus Deutschland. "Ich glaube, dass die europäische Raumfahrt jetzt an einem Scheidepunkt ist, weil die Raumfahrt insgesamt dabei ist, sich komplett neu zu erfinden", sagt der Koordinator der deutschen Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek (CDU). Früher sei die Raumfahrt eher Manufakturarbeit gewesen. "Da wurden einzelne Stücke mit viel künstlerischem Geschick von großen Wissenschaftsorganisationen entwickelt. Jetzt ist die Raumfahrt dabei, eine echte Industrie zu werden." Das sehe man daran, was Elon Musk mache.

Jarzombek fordert eine "hemdsärmeligere Mentalität". Entscheidend sei etwa, dass Privatunternehmen auch staatliche Aufträge bekämen und es faire Bedingungen gebe. "Die ESA muss diese neuen Dinge befördern, sie darf nicht zu einer Art Verhinderer von Disruptionen werden, indem man versucht, die Dinos der Branche einseitig zu schützen." Er wirft den Blick dabei auch auf das Sorgenkind Ariane 6, deren Start bereits mehrfach verschoben wurde. Nicht alle seien davon überzeugt, dass es ausschließlich an Corona liege, dass es nun solange dauere.

Aschbacher: "Ariane 6 ist aus technologischer Sicht einwandfrei"

Die Ariane 6 sei zwar um einiges günstiger als ihr Vorgängermodell, die Ariane 5, sagt Aschbacher. Sie könne aber trotzdem nicht die gleichen Preise anbieten wie etwa eine Falcon 9 von SpaceX. Aus technologischer Sicht sei sie aber einwandfrei. Die Rakete wird ihn in seiner Amtszeit sehr beschäftigen. Zum einen muss sie endlich abheben - der Start ist nun für 2022 geplant. Doch was passiert nach Ariane 6? "Was muss jetzt gemacht werden, um die Technologie weiterzuentwickeln und eventuell in mittlerer bis ferner Zukunft eine neue, sehr wettbewerbsfähige Rakete entwickeln zu können?", fragt er.

Für den Leiter des Instituts für Raumfahrtsysteme in Stuttgart, Stefanos Fasoulas, ist die Ariane 6 weiter wichtig. "Das Hauptargument der Ariane-Raketen ist Europas autonomer Zugang zum Weltraum", sagt er. Er hat den Eindruck, dass Europa im Weltraum etwas ins Hintertreffen geraten ist. "Ich habe das Gefühl, Europa ist ein bisschen aufgewacht, es gibt aber in Zukunft noch viel aufzuholen", sagt er. Aufholbedarf sieht er vor allem bei der wirtschaftlichen Nutzung, Forschungsmissionen oder Satellitentechnologien. (apa/red)

Ruag, Space, Austria, Weltraum, raumfahrt, rakete © Ruag Space Austria