OMV

Rainer Seele: Der Unterlegene

Analysten bezeichnen Rainer Seele als den besten CEO, den die OMV in den letzten Jahrzehnten hatte. Und dennoch ist er in wenigen Wochen demontiert worden. Beim Borealis-Deal hat er sich anscheinend mit den falschen Gegnern angelegt.

Von

Dieser Artikel erschien als Coverstory des INDUSTRIEMAGAZINS am 4. Mai. 

Kein Journalist liebt es, wenn zwischen Interview und Erscheinungstermin lange vier Wochen liegen. Aber der Gesprächstermin war früher zustande gekommen als erwartet – ein Alternativtermin erst nach dem Redaktionsschluss möglich gewesen. Der Anlass für die Interviewanfrage waren Themen wie Borealis, Russland, Umstrukturierung. Eigentlich gibt es für Wirtschaftsjournalisten immer einen Grund, mit dem Chef von Österreichs größtem Konzern zu reden.

Die Gesprächsatmosphäre mit dem OMV-­Chef kann man als locker beschreiben. Rainer Seele zeigte sich ambitioniert und hatte den einen oder anderen entspannten Spruch auf Lager. Lästige Fragen zu Russland, Strategiewechsel oder Klimawandel wurden routiniert wegverteidigt. Der Umgang mit Sekretariat und anwesenden Mitarbeitern – für Beobachter stets ein Indikator für die sozialen Fähigkeiten eines Chefs – blieb völlig unauffällig. Von jener Cholerik, die ihm jetzt manche nachsagen wollen, keine Spur. Vor allem: Rainer Seele schien nichtsahnend. Sonst hätte er das Interview – am 1. April – nicht gegeben.

Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Drei Wochen nach Beginn eines schier endlosen Stakkatos an neuen bekannt gewordenen Vorwürfen, einigte sich Rainer Seele mit seinem Aufsichtsratspräsidenten, dass er die im Sommer fällige Option auf eine einjährige Vertragsverlängerung nicht wahrnehmen werde. Die Entscheidung war alternativlos: Zwar wäre es für den 60­-jährigen Chemiker aufgrund der Formulierung seines Vertrages rechtlich durchaus nicht aussichtslos gewesen, die Vertragsverlängerung durchzuziehen – doch Seele hat den Rückhalt bei wichtigen Spielern im Aufsichtsrat verloren. Und dies nicht erst in den vergangenen Wochen.

White Paper zum Thema

Inland, Jahreszahl, 2015, maennlich Geschlecht Person, Wirtschaft, CEO, Produkt, Vorstandsvorsitzender, Personenbild, Vorstand, Vorsitzender, Vorsitz, lachen, lachend © Ilgner Lukas / Verlagsgruppe News / picturedesk.com

OMV-Aufsichtsratsvorsitzender Mark Garrett:
Der "Mr. Borealis" führte das Unternehmen zwischen 2007 und 2018 auf einen globalen Wachstumskurs, im Aufsichtsrat galt er als Gegenspieler Seeles. 

Der Borealis-Coup

Keine Geschichte zu Staatsbeteiligungen ohne den Namen von Tom Schmid. Der oftmalige Pressesprecher, Büroleiter, Kabinettschef und Generalsekretär – dies sind die Karrierestationen im offiziellen Curriculum Vitae auf der OMV-­Homepage – hatte sich 2019 zum stellvertretenden Vorsitzenden des OMV­-Aufsichtsrates gemacht (Mandatsende: HV 2024). In seiner Eigenschaft als Alleinvorstand der Österreichischen Beteiligungs AG drückte er Ende September 2019 den gebürtigen Australier Mark Garrett als Aufsichtsratsvorsitzenden durch.

Damit erwählte er einen in Österreich unbekannten, aber interessanten Mann: In den 80ern über Ciba­-Geigy nach Europa gekommen, war Garrett elf Jahre lang – von 2007 bis 2018 – „Mr. Borealis“: Er führte den Polyolefin-­Konzern auf einen weltweiten Wachstumskurs, wodurch sich sowohl die Produktionsmengen als auch der Nettogewinn verdreifachten. Schmid präsentierte Garrett als „Kenner der Chemiebranche“ und „idealen Kandidaten“.

Seele und Garrett kannten einander gut. Ihr Wege hatten sich bereits unter umgekehrten Vorzeichen gekreuzt. Die letzten drei Jahre seiner Vertragszeit bei Borealis hatte es Garrett mit Rainer Seele als Anteilseigner zu tun. Die OMV hielt damals 37 Prozent der Borealis-Aktien. 2018 – die OMV-­Übernahmepläne standen bereits am Horizont – verließ Garrett überraschend und „zum Bedauern des Aufsichtsrates“, wie es in einer Aussendung hieß, das Unternehmen. Er dockte in der Chefetage des Hamburger Energie-­ und Chemie-­Logistikers Marquard & Bahls an, den er bis heute führt.

Exklusiv - Alfred Stern, CEO, Gesch?ftsf?hrer, Industrie, Manager, Borealis, OMV, Portrait, Portr?t © Jeff Mangione / KURIER / picturedesk.com

Mit Alfred Stern rückte zuletzt der Borealis-CEO in den OMV-Konzernvorstand auf. er ist dort für die neue Division "Chemicals & Materials" verantwortlich.

Per Mail vom INDUSTRIEMAGAZIN nochmals zu seinem Verhältnis zu Garrett befragt, charakterisiert Seele seine Beziehung zum nunmehrigen Aufsichts­ratsvorsitzenden mit den dürren Worten: „respektvoll und professionell“. Mehr will Seele dazu nicht sagen. Dabei sind in den vergangenen Monaten die Spannungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand deutlich gestiegen. Der Aufsichtsratsvorsitzende ist mit der Art und Weise der Borealis-­Integration nicht einverstanden. Kenner des Kontrollgremiums erzählen, dass auch der Verkauf von Unternehmensbereichen wie der Gas Connect, des süddeutschen Tankstellennetzes oder des Stickstoffbereichs der Borealis auf wenig Applaus stoße. Seele machte in diesem Punkt Druck, da die Erlöse aus den Unternehmensverkäufen Voraussetzung für die Finanzierung des vier Milliarden schweren Borealis­-Deals sind. Diese Punkte führten nach Ohrenzeugenberichten zu jenen lautstarken Wortwechseln, die Seele in der Öffentlichkeit das Image des wutschnaubenden Berserkers einbrachten.

Verlorener Rückhalt

Tamás Pletser stellt die Entwicklung der OMV regelmäßig auf den Prüfstand. Er ist Aktienanalyst in der Erste Bank Investment: „Es gibt einen Konflikt über die zukünftige Kontrolle des Unternehmens. Und es scheint, dass die Gruppe hinter Herrn Seele geschwächt ist.“ Die jüngsten Postenbesetzungen haben auf Vorstandsebene die Machtbalance verändert. Aus Team Seele wurde Team Borealis.

Ausschlaggebend dafür war der Schachzug, den bisherigen Bereich der Refining & Petrochemical Operations in Refining und Chemicals & Materials aufzuteilen. Mark Garrett begründete dies damit, mit den neuen Strukturen und neuen Vorstandsposten „die Integration der Borealis in den OMV-­Konzern und den Ausbau des Chemiegeschäfts deutlich voranzubringen“.

Thomas Gangl, bisher OMV-Vorstand für "Refining & Petrochemical Operations" wechselte zuletzt in die hierarchisch nachgeordnete operative Tochter der Borealis.

Mit Alfred Stern rückte der Borealis­-CEO in den OMV­-Vorstand auf. Dort ist er für die neue Division „Chemicals & Materials“ verantwortlich. Punkt für Team Borealis.

Gleichzeitig wechselt der bisherige, von Seele ausgewählte Thomas Gangl, im OMV-­Vorstand für den Bereich „Refining & Petrochemical Operations“ verantwortlich, in die hierarchisch nachgeordnete operative Tochter Borealis. Team Seele verliert einen Spieler. 2:0 für Team Borealis.

Spätestens im Sommer wird Martijn van Koten die zweite Hälfte des geteilten Vorstandsbereiches „Refining“ übernehmen. Der gebürtige Holländer ist derzeit Vorstandsmitglied für Base Chemicals und Operations in der Borealis AG. 3:0 für Team Borealis.

Ein schönes Ergebnis für den Teilkonzern Borealis, der sieben Milliarden Euro zum Gesamtumsatz der OMV­-Gruppe (fast 17 Milliarden Euro) beiträgt.

Und was macht die ÖBAG?

Die ÖBAG als Kapitalvertreterin hat sich in der Diskussion um Rainer Seele nicht zu Wort gemeldet. Thomas Schmid, selbst ein Vorstand mit Ablaufdatum, und Finanzminister Gernot Blümel blieben stumm. Glaubt man Gerüchten und Medienberichten, die sich auf ebendiese beziehen, hätten die beiden ein Problem mit Seeles Avancen gegenüber dem Mitaktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Mubadala. Angeblich wolle dieser weitere Unternehmensanteile in Spanien und am arabischen Golf abkaufen. Andere Gerüchte besagen, Seele habe einfach zu wenig Gehör für spezielle Wünsche der Hauptaktionärsvertreter gezeigt.

© Borealis

Spätestens im Sommer wird Martijn van Koten, derzeit Vorstand für Base Chemicals bei Borealis, die zweite Hälfte des geteilten Vorstandsbereiches "Refining" im OMV-Konzern übernehmen.

Die OMV äußert sich dazu nicht. Fest steht: Nur ein verteidigendes Machtwort des Hauptaktionärs hätte den gegenwärtigen OMV­-Chef in seiner Position halten können.

Bleibt die Frage, ob Rainer Seele seinen Job bis zum angekündigten Ende Mitte 2022 erledigen kann. Um es in der Sprache des zuletzt bekannt gewordenen Kurznachrichtenverkehrs rund um ÖBAG­-Vorstand Thomas Schmid auszudrücken: Seele ist definitiv nicht Familie. Dabei kann das Lame-Duck-­Syndrom für die OMV in der aktuellen Wendephase zu einer echten Bedrohung werden. Ungesichert ist auch, ob der CEO bei Borealis noch durchgreifen kann. Ein vorzeitiger Abgang des Deutschen noch in diesem Jahr wird allerdings nicht ohne Auszahlung des Vertrages ablaufen. Ex-­Borealis­-Chef Alfred Stern wird am häufigsten als Nachfolgekandidat gehandelt. Die Schlagzeilen können schon heute formuliert werden.