Softwareschmiede

Microsoft-Industriebereichsleiter Nikolai Rizzo: „Ich wollte immer in diesem Feld spielen“

Wie eine milliardenschwere Investition in die heimische Cloud-Infrastruktur im Aufschwung echtzeitfähige Produktionslösungen bringt, erklärt der neue Leiter des Microsoft-Österreich-Industriebereichs, Nikolai Rizzo.

Von

„Der Ausbau der Rechenzentren wird produzierenden Unternehmen ein Arbeiten in Echtzeit bringen.“
Nikolai Rizzo, Leiter Industriebereich, Microsoft Österreich

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Rizzo, Sie übernahmen vor wenigen Wochen die Leitung des Industriebereichs bei Microsoft Österreich. Und da fällt gleich eine strategische Weichenstellung in Ihr Einflussgebiet: Der millionenschwere Aufbau einer neuen Cloud-Infrastruktur im Osten Österreichs, der auch produzierenden Unternehmen zugute kommen soll. Wie sind Sie eingebunden?

Nikolai Rizzo: Das Vorhaben, die heimische Cloud-Infrastruktur zu stärken, begleitet mich schon länger. In meiner CFO-Rolle habe ich noch sehr intensiv an dem Geschäftsmodell gearbeitet. So sind die Investitionen in die Infrastruktur auch an die Schulung von Mitarbeitern gekoppelt. Aus meiner neuen Rolle heraus freut es mich natürlich sehr, auf dieser Grundlagen mit Kunden arbeiten zu können. Wir wollen gemeinsame Werte schaffen. Basierend auf einer Technologie, die riesiges Potenzial bietet.

Betreiber von Rechenzentren gibt es in der Region ja schon einige. Welchen Nutzen bringt da weitere Infrastruktur?

White Paper zum Thema

Rizzo: Wir sind in Österreich der erste Cloudanbieter, der ein skaliertes Rechenzentrum lokal anbietet. Wichtig ist die Modularität. Sie bietet den Vorteil, die Applikationsumgebung und Datenlandschaft Schritt für Schritt modernisieren zu können. Und weil wir unsere Services lokal bereitstellen, liegen die Daten auch lokal und die Zugriffszeiten verkürzen sich drastisch. Hochgradig international tätige Unternehmen können dabei weiterhin unser Rechennetz international in den Ländergesellschaften nutzen.

An welche Echtzeitszenarien denken Sie da zuallererst?

Rizzo: Als hybrider Anbieter können wir eine ganze Reihe von Szenarien abdecken. Da spielen Echzeitanwendungen an der Produktionslinie eine Rolle, die lokal betrieben werden und an die Cloud angebunden sind. Fertigungen werden in Hinkunft mit deutlich verkürzter Latenz aus dem Rechenzentrum Rückmeldungen erhalten. Aus den Sensordaten extrahierte Handlungsempfehlungen für weniger geschulte oder kürzlich angelernte Mitarbeiter an der Linie werden die Stillstandszeit von Maschinen weiter reduzieren.

Microsoft lässt sich den Schritt einiges kosten, nämlich eine Milliarde Euro. Wofür wird der größte Anteil der Investition aufgebracht?

Rizzo: In Infrastruktur in Form von Servern, aber auch den sicheren Betrieb dieser Serverlandschaft. Microsoft ist einer der weltgrößten Netzwerkbetreiber, folglich investieren wir aus Netzwerksicht auch in die Anbindung.

Initiativen, den Cloud-Raum national und europäisch zu stärken, gibt es ja mit der Ö-Cloud und Gaia-X. Liefert Microsoft da jetzt einen fehlenden Mosaikstein?

Rizzo: Wir sind in enger Zusammenarbeit. Und sehen uns als Begleiter dieser Initiativen.

Teil der Vision ist ja auch, dem Standort Österreich bei der Digitalisierung einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Das heißt, man denkt auch schon ein Stück weit an das Post-Corono-Szenario?

Rizzo: Absolut. Viele stehen schon heute mit volleren Auftragsbüchern als Ende 2019 da. Kunden bereiten sich intensiv auf die Monate nach der Viruspandemie vor. Das ist sehr ermutigend. Auch, dass man aus der Pandemie lernt. Die Sorge, dass Mitarbeiter die Zeit im Home Office nicht zielführend genug einsetzen, hat sich bei vielen zertreut. Viele Unternehmen haben als Folge dessen die Heimarbeitsregeln flexibilisiert. Es lässt sich in manchen Bereichen sehr viel zielgerichteter arbeiten. Auch die Einbindung standortfremder Mitarbeiter gelingt um einiges effizienter.

Mit welchen Zielen treten Sie an? Ist jetzt die Zeit für den Sprung auf IoT-Plattformen, für neue datengetriebene Geschäftsmodelle in der Cloud?

Rizzo: Wir wollen die Wertschöpfung unserer Kunden erhöhen. IoT hebt den Wert in der Produktion. Doch wir denken ganzheitlicher: So wie das Unternehmen der Raum für Produktionsmaschinen ist, muss er auch der zentrale Ort für Daten sein. Damit lässt sich großes realisieren.

Welche Branchen sind denn besonders weit voran in ihren digitalen Strategien?

Rizzo: Leuchttürme gibt es in jeder Branche. Es kommt auf den unternehmerischen Geist an. Die Bereitschaft, sich mit neuen digialen Geschäftsmodellen zu befassen, ist unbezahlbar.

Microsoft hat eine lange Historie am Shopfloor, jetzt ist man mit Cloud-Diensten neuerlich häufig in Industrieprojekten gesetzt. Hat sich die Konsolidierung des Plattformmarkts bereits vollzogen?

Rizzo: Ich denke, noch nicht. Der Markt ist immer noch hochdynamisch.

Sie waren bis 2017 CFO bei Procter & Gamble Österreich und wechselten dann zu Microsoft. Seinerzeit kommentierten Sie den Schritt mit den Worten, der Wechsel erfolge zum exakt richtigen Moment. Was lässt sich über den jetzigen Zeitpunkt Ihres internen Wechsels sagen?

Rizzo: Ich bin in meiner bisherigen Laufbahn immer Themen gefolgt, die mich begeistert haben. Ich wollte im Technologiefeld spielen. Das Potenzial, mit Kunden in visionäre Projekte zu gehen, ist riesig. Insofern würde ich den Zeitpunkt meines Wechsels als genau richtig bezeichnen.

Wie ist die Chemie zwischen Ihnen und Robert Rosellen, dem Leiter des Großkundengeschäfts?

Rizzo: Ausgezeichnet.

Wird das Pandemiejahr für den Microsoft-Österreich-Industriebereich trotz allem ein Wachstumsjahr?

Rizzo: Ja. In der Gesamtsumme gibt es viele Unternehmen, die sich in der Krise sehr gut entwickeln. Und die letzten Monate mit der strategischen Zielsetzung auseinandersetzten und diesen Schritt zum Anlass nahmen, sich weiter mit der Digitalisierung zu befassen.

Wenn Sie so in Ihren Alltag blicken, welche Führungstugenden sind denn jetzt im Management aktuell gefragt?

Rizzo: Die aktuelle Situation ist fordernd. Die Tugenden aber haben sich nicht verändert. Bei Microsoft sprechen wir von Integrität, Respekt und Verantwortung. Das wollen wir leben. Und es braucht Klarheit in der Führung, wo der Weg des Unternehmens hinführt. Das gibt Zuversicht.

Ihrem Lebenslauf ist zu entnehmen, dass Kite-Surfing und Skifahren zu ihren Hobbys zählen, aber auch das Schlagzeugspielen. Lässt sich eines davon in Pandemiezeiten zufriedenstellend praktizieren?

Rizzo: Ein klares Jein. Das Skifahren begleitet mich, seit ich anderthalb bin. Das Kitesurfen ist deutlich später dazugekommen. Da wäre bestimmt noch mehr Raum, es intensiver auszuleben. Aber ich bin schon glücklich, Momente zu finden, mal frühmorgens um sechs oder sieben im Auto Richtung Neusiedlersee zu sitzen und um neun zurück im ersten Meeting zu sein.

ZUR PERSON

Nikolai Rizzo, 38,

leitet seit Oktober den Industriebereich bei Microsoft Österreich. Rizzo, seit 2017 im Unternehmen tätig, war zuletzt Multi-Country CFO für Österreich, Portugal und Irland. Davor arbeitete er im Bereich Finance & Accounting bei Procter & Gamble. Rizzo, der in Paris, London und Berlin Management studiert hat, ist verheiratet und dreifacher Vater.