Innovationsstrategien

Lenzing-Forschungschef Gert Kroner: "Projekte mit kurzer Payback-Zeit im Fokus" 

Wie der Faserhersteller Lenzing in Coronazeiten seine Innovationsarbeit organisiert, erzählt Gert Kroner, Vice President R&D, im Interview.

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"Von den Kurzarbeitsmaßnahmen ist auch die Global R&D betroffen", sagt Lenzing-Forschungschef Gert Kroner. Bei der Ausrichtung langfristiger Projekte seien die erwarteten Verzögerungen von maximal zwei Monaten "jedoch vertretbar". 

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Kroner, die Coronapandemie zwingt viele Unternehmen, Innovationsprojekte zurückzustellen. Wie ist die Situation bei Lenzing? 

Gert Kroner: In der jetzigen Krise ist vor allem die Fokussierung auf wesentliche Themen und Projekte mit kurzer Payback-Zeit notwendig. Die Innovationstätigkeiten wurden gezielt auf wenige Bereiche fokussiert. Neben diesen Priorisierungsthemen ist aber auch der Erhalt der Mitarbeiter essentiell, um einen Know-How Verlust zu vermeiden. F&E ist wichtiger denn je. Nur durch neue Innovationen können wir uns von der heute deutlich stärkeren Konkurrenz in Asien und hier vor allem China abheben.

Seit Mai ist ein Teil der Lenzing-Belegschaft in Kurzarbeit. Wieweit sind davon die Innovationsabteilungen betroffen?

Kroner: Von den Kurzarbeitsmaßnahmen ist auch die Global R&D betroffen. Bei der langfristigen Ausrichtung mancher Projekte sind die erwarteten Verzögerungen von maximal zwei Monaten bei einer Projektlaufzeit von mehreren Jahren jedoch vertretbar. Durch die Kurzarbeit reduziert sich auch das Budget, wobei hiervon in erster Linie externe Ausgaben gekürzt werden. Gleichzeitig werden Projekte fokussiert, die einen schnellen Nutzen erzielen oder von strategischer Bedeutung sind. 

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Welche Projekte pushen Sie aktuell? 

Kroner: Etwa das Projekt 100% Cellulosic Wipes. Aufgrund gestiegenen Umweltbewusstseins, einem Trend zu mehr Nachhaltigkeit und nicht zuletzt der Verschmutzung unserer Meere durch Mikroplastik oder Treibgut stehen Einmalprodukte besonders im Fokus. Das ist auch eine wesentliche Motivation für die EU Single Use Plastic Directive. Deren Ziel ist es, die Belastung der Meere mit Plastik zu verringern. Vielen Konsumenten ist nicht bewusst, dass Wischtücher heute großteils aus erdölbasierten Fasern - also Plastik - bestehen.

Wie kommt Lenzing da ins Spiel?

Kroner: Um nachhaltige Lösungen für den Bereich Wischtücher anbieten zu können, arbeiten wir seit geraumer Zeit an alternativen Lösungen, basierend auf vollständig Holz-basierten Cellulosefasern. Gleichzeitig gab es bedingt durch die Covid-19 Pandemie einen Anstieg der Nachfrage nach Nonwovensprodukten bei Schutz- und Hygieneanwendungen, wo sich Lenzing nun als Anbieter nachhaltiger Lösungen positionieren kann. Die Luftfiltration ist zurzeit ein heißes Thema – hier finden auch viele Innovationen statt. 

In punkto Arbeitsorganisation: Wie lässt sich Innovation dieser Tage effizient vorantreiben?

Kroner: Insgesamt konnte durch die Flexibilität der Mitarbeiter und ihre hohe Selbstorganisation diese Herausforderung gut gemeistert werden. Der Schutz der Mitarbeiter hat für die Lenzing höchste Priorität, weshalb auch in der F&E - wo möglich - in den letzten Monaten vom Home-Office aus gearbeitet wurde. Auch Dienstreisen und persönliche Meetings wurden auf ein Minimum reduziert. Trotz Distanz funktioniert die Zusammenarbeit weiterhin sehr gut.

Wenn Sie in wichtige Zukunftsmärkte schauen: Wie beeinflusst Corona die zeitliche Schiene Ihrer längerfristigen Projekte? 

Kroner: Die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel sind entscheidend für die Zukunft. Daran richten wir auch unsere Strategie aus und positionieren während der Coronakrise das F&E-Portfolio entsprechend. Lenzing steht als Faserproduzent am Beginn der Wertschöpfungsketten. Wobei speziell die Textilbranche sehr konservativ ist und es mehrere Jahre dauern kann, bis sich neue Fasern durchsetzen. Mode und Designs sind zwar sehr schnelllebig, das gilt aber nicht für die Rohstoffe – auch wenn sich hier immer stärker der Trend zu nachhaltigen Materialien abzeichnet.

Neben den langfristigen Themen ist unsere F&E aber auch flexibel genug, um auf kurzfristige Anforderungen reagieren zu können. Ein Beispiel ist hier wiederum der erhöhte Bedarf an Nonwovens durch Covid-19, etwa für Schutzmasken. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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