Mineralölindustrie

Energiewende zwingt BP zu Radikalumbau

Von Big Oil zum Ökokonzern: Der britische Mineralölmulti will die Förderung von Erdöl und Erdgas im kommenden Jahrzehnt um 40 Prozent senken und stattdessen die Erzeugung aus Erneuerbaren auf 50 Gigawatt steigern.

Der britische BP-Konzern setzt für seinen Wandel vom Ölgiganten zu einem der weltweit größten Ökostromproduzenten alles auf eine Karte. Die radikale Abkehr vom Ölgeschäft ist ein gewaltiger Strategieschwenk, der nicht nur zig Milliarden Dollar an Investitionen verschlingt, sondern dem Unternehmen in Zukunft auch niedrigere Margen einbringen könnte, wie Analysten befürchten.

"Es ist schwer vorstellbar, dass diese Projekte eine zweistellige Rendite abwerfen", sagt etwa Biraj Borkhataria, Analyst bei der Royal Bank of Canada, über Erneuerbare Energien. Ölfirmen streben im Allgemeinen eine Rendite auf Investitionen von etwa 15 Prozent an.

BP will seine Öl- und Gasproduktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent drosseln und gleichzeitig das Geschäft mit Erneuerbaren Energien ausbauen - diese ehrgeizigen Pläne stellte der neue Konzernchef Bernard Looney vergangene Woche vor, als er einen Rekordverlust von 6,7 Milliarden Dollar (5,7 Mrd. Euro) im zweiten Quartal verkünden musste. Dafür sollen die Ausgaben bis 2030 auf 5 Mrd. Dollar pro Jahr steigen und die Erzeugung aus grüner Energie wie Wind, Sonne und Wasserkraft auf 50 Gigawatt von derzeit 2,5 erhöht werden. Das ist mehr als die derzeitige Gesamtkapazität an Erneuerbaren Energien in ganz Großbritannien. Zudem will der Konzern mit dem grünen Sonnenblumenlogo große Teile seines Öl- und Gasgeschäfts verkaufen. Bis 2025 sollen so 25 Mrd. Dollar in die Kassen gespült werden, um den Umbau zum Ökostrom zu finanzieren.

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Analysten rechnen mit keinem leichten Unterfangen. "Die Straße der Energiewende wird für Ölkonzerne holprig sein. Sie haben wenig Erfahrung mit Erneuerbaren Energien und nicht alle Investitionen werden sich wahrscheinlich als erfolgreich erweisen", sagte Dmitry Marinchenko, Öl- und Gasanalyst der Ratingagentur Fitch. Aber der Druck steigt: Das Investitionsklima in Europa wendet sich zunehmend von fossilen Brennstoffen ab und grüner Energie zu. Die Ölfirmen werden von Klima-Aktivisten, Banken, Investoren und auch einigen Regierung angehalten, weniger CO2 zu produzieren. Die Dramatik kann man auch am Aktienkurs ablesen: Der Wert der BP-Aktien hat sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert. Im selben Zeitraum legten die Aktien des dänischen Offshore-Windkraftbetreibers Orsted um 135 Prozent zu.

Manche Experten halten den radikalen Umbau des 111 Jahre alten Konzerns daher für unumgänglich. "Es wird natürlich Fragen zur Profitabilität der CO2-armen Investitionen geben", sagt Stuart Joyner, Aktienanalyst bei Redburn. "Aber BP ist nun mit seiner Transformation führend in der Branche." Tatsächlich nimmt sich BP mit seinen Klimazielen mehr vor als viele seiner Rivalen, etwa Royal Dutch Shell oder Total. Auch den bisherigen Vorreiter überholt BP: Der italienische Konzern Eni hatte im Februar angekündigt, bis 2050 durch weniger Öl- und mehr Gasförderung seine Treibhausgas-Emissionen um 80 Prozent zu senken. BP will dann schon klimaneutral sein.

Doch wie soll der Umbau gelingen? Analysten zufolge wäre der Zukauf von Offshore-Windparks der schnellste Weg in Richtung Ökostrom. Eine eigene Entwicklung solcher Anlagen vor der Küste dauert Jahre und die Startkosten sind hoch. Ein Schnäppchen sind solche Windparks aber nicht. "Diese Assets sind sehr attraktiv und werden zu sehr hohen Preisen verkauft", sagt Peter Atherton vom Strategieberater Stonehaven. Analyst Borkhataria schätzt, dass BP etwa 60 Mrd. Dollar ausgeben muss, um seine Klimaziele zu erreichen. Wenn 70 Prozent dieser Summe durch die Finanzierung von Projekten aufgebracht werden könnten, müsste BP in den nächsten zehn Jahren 18 Mrd. Dollar aus der eigenen Tasche investieren, rechnet er vor. Der Konzern hat aber schon 41 Mrd. Dollar Schulden angehäuft, zum Teil noch als Folge der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010.

Jason Gammel, Analyst bei der Investmentbank Jefferies, schätzt die Ausgaben für BP sogar auf rund 30 Mrd. Euro zuzüglich Projektfinanzierungen. Der Plan hänge vor allem davon ab, ob Erneuerbare Energien überhaupt verfügbar seien und diese auch akzeptable Renditen einbrächten. "Das sehen wir als Hauptrisiko der Strategie". BP rechnet mit einer Rendite von acht bis zehn Prozent aus seinen CO2-armen Strominvestitionen, während das traditionelle Öl- und Gasgeschäft die Gesamtrendite bis 2030 auf 12 bis 14 Prozent hieven soll. BP-Chef Looney versicherte in einer Telefonkonferenz, man werde nur nach erneuerbaren Kapazitäten streben, wenn diese auch mit den richtigen Renditen einhergingen. Analyst Borkhataria von der Royal Bank of Canada ist skeptisch. Er erwartet eine Rendite aus erneuerbaren Energien von etwa sieben Prozent.

Eine "Busines as usual"-Strategie wäre für BP aber noch riskanter, findet Fitch-Analyst Marinchenko. "Das Geschäft jetzt neu zu erfinden, wenn die Ölpreise noch relativ hoch sind, sollte einfacher sein als in zehn Jahren." (reuters/apa/red)