Coronakrise

Corona: Über Optimismus, Loyalität und Leadership

Die globale Virus-Pandemie stellt all unsere ökonomischen Grundannahmen in Frage. Warum in einigen Wochen manches anders – aber nicht alles schlechter sein wird.

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Zugegeben: Wir haben uns die Augen gerieben angesichts der Geschwindigkeit, mit der in den letzten Tagen alles, was wir in Stein gemeißelt wähnten, in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Grundannahmen unseres wirtschaftlichen Handelns haben anscheinend ihre Gültigkeit verloren: Die Grenzen zu unseren Schengen­-Nachbarn sind geschlossen. Der globale Flugverkehr ist zum Erliegen gekommen. Millionen Tonnen globaler Schiffskapazitäten sind aus dem Verkehr gezo­gen. Ein Drittel der Weltbevölkerung ist in Selbst­isolation. Wer hätte dies vor wenigen Wochen auch nur ansatzweise für denkmöglich gehalten?

Dann haben wir begonnen zu telefonieren. Wie erleben Führungskräfte aus der Industrie die Situation? Was passiert in den Unternehmen – bei den Kunden und den Lieferanten? In buchstäblich hunderten Gesprächen hörten wir Geschichten von Unternehmern, die ihr Business neu denken. Die mit schlauen Tricks Produktionslinien am Laufen halten, mit Improvisationsgeschick Transportwege wiedererschließen – und manchmal sogar neue Kundengruppen hinzugewinnen. Geschichten von Optimismus, Loyalität und Großzügigkeit. Von wahrem Leadership. Wir alle wurden zuletzt Zeugen eines Schubs von Vernetzung und Nähe aus der Distanz, der effektiver ist als jedes milliardenschwere Digitalpaket, das eine Bundesregierung jemals hätte schnüren können. Und wir sehen Behörden und Ämter, die in der Umsetzung von Entscheidungen eine Geschwindigkeit an den Tag legen, die bislang für völlig unmöglich gehalten wurde.

Noch wissen wir nicht, was passiert, wenn die Industrie in wenigen Wochen aus dem künstlichen Koma erwacht. Wahrscheinlich werden die globalen Lieferketten, die Infrastruktur der globalen Arbeitsteilung erst langsam wieder geknüpft. In vielen Bereichen werden verlässliche lokale und regionale Lieferanten als Partner bereitstehen – und die Chance nutzen, sich einen Teil des Wertschöpfungskuchens, der in den letzten Jahrzehnten verloren ging, zurückzuholen. Das Meta-­Thema Klimawandel bleibt ungelöst. Die Milliardensummen, die über die nächsten Monate in die Wirtschaft gepumpt werden, könnten – clever kanalisiert – dazu führen, aus dem unfreiwilligen Stillstand im April nachhaltige Dynamik herauszuholen. Wenn wir die richtigen Lehren aus dieser Krise ziehen, bietet sich eine disruptive Chance.

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Und jetzt?

Einen feinen Plan zur Rettung des Weltklimas und der heimischen Industrie hatte sich Europa da zurechtgelegt: Auf Automatisierung und Digitalisierung sollte die Dekarbonisierung folgen. Und damit eine Chance, der Welt zu zeigen, was die europäischen Industriebetriebe wirklich draufhaben. Mit großem Pomp präsentierte Kommissionschefin Ursula von der Leyen den „Green New Deal“ und eine neue Industriestrategie, die Dekarbonisierung nicht als Todbringer, sondern als disruptive Chance für die heimische Industrie wirken lassen sollte.

Dann kam das Virus, und es bestätigte sich die Richtigkeit eines Satzes von Box­Legende Mike Tyson: „Everybody has a plan until they get punched in the mouth.“ Tatsächlich sieht es auf den ersten Blick so aus, als würde die Viruserkrankung die Pläne für den European Green Deal und die Neuausrichtung der europäischen Industrie über den Haufen werfen. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Das Gegenteil ist der Fall. Unterstreicht das Virus doch bloß die Wichtigkeit einer resilienten Wirtschaft und einer nachhaltig aufgestellten Industrie, die globalen Krisen die Stirn bieten kann.

„Klimakrise und Corona müssen als Chance gesehen werden, die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und Europa krisensicherer zu machen“, sagt Umweltökonom Stefan Schleicher. „Ich würde mir wünschen, dass die Rettungspakete zielorientiert ausgestaltet werden. Nur jetzt die Unternehmen die Rechnungen schicken zu lassen, um weiterzumachen wie bisher, halte ich für eine vertane Chance.“ >> Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Stefan Schleicher.

Schleicher kennt die Welt der Forschung wie die Welt der produzierenden Wirtschaft. Als Wissenschaftler sitzt er am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel an der Karl­ Franzens ­Universität in Graz; außerdem koordiniert er das Berater­ Council beim Wasserstoffprojekt H2Future von Voestalpine, Verbund und anderen, das Wasserstoff als Energieträger für die Stahlindustrie nutzbar macht. Das Coronavirus sieht Schleicher als eine „zwangsverordnete Nachdenkpause über eine Zukunft der nachhaltigen Strukturen“.

Zum Zeitpunkt, als wir diese Zeilen schreiben, sind die Folgen der COVID­-19­-Pandemie immer noch nicht abschätzbar. Unternehmensschließungen, Kurzarbeit und Produktionsstopps bei Konzernen wie Daimler, Airbus oder Voestalpine markieren erst den Beginn eines ökonomischen Timeouts. Neben der dramatischen Situation in den Spitälern und den empor­ schnellenden Infiziertenzahlen sind es die ökonomischen „Nebenwirkungen“ des Virus samt Gegenmaßnahmen, die immer weitere Teile der Wirtschaft lahmlegen.

Dabei rücken strukturelle Schwächen unseres globalisierten Wirtschaftssystems – Abhängigkeiten, fehlende Redundanzen, eine beherrschende Stellung chinesischer Unternehmen in vitalen Bereichen – in den Blickpunkt. Wir haben für diesen Bericht Maßnahmen zusammengestellt, die unser Wirtschaftssystem gleichermaßen resilienter wie nachhaltiger machen können. Und – obendrein – die Wettbewerbsfähigkeit Europas steigern.

1 Relokalisierung

Wertschöpfungsketten über mehrere Kontinente sind filigran. Um krisensicherer zu werden, muss Europa Produktionsstätten zurückholen und Schlüsselindustrien und ihre Technologien im Land halten.

Was jetzt die Corona-Krise und davor bereits der Handelskrieg zwischen China und den USA zeigen: Wertschöpfungsketten über mehrere Kontinente sind nicht krisenfest. „Es ist auch eine Frage der öffentlichen Sicherheit, dass wir in existenziellen Bereichen ein gewisses Maß an Versorgungssicherheit erreichen“, erklärt Werner Hölzl, der am Wifo die Bereiche Industrieökonomie, Innovation und internationaler Wettbewerb betreut. Autark sollten demnach vitale Bereiche wie die Lebensmittelproduktion oder Wirkstoffe in Medikamenten sein, aber auch Bauteile für die kritische digitale Infrastruktur. „Wir müssen über­ legen, dass einige Produktionsstätten europäischer Firmen in Europa sind“, meint Hölzl.

© WIFO

"Die Frage der europäischen Autarkie in existenziellen Bereichen wird die Relokalisierung anheizen."
Werner Hölzl, Wifo

Das werde durch die neuen Möglichkeiten der Automatisierung auch einfacher. Während österreichische Unter­nehmen ihre F&E­-Abteilungen in Österreich halten würden, sei es hierzulande allerdings schwierig, Produktionsstätten neu zu errichten, oder auch nur bestehende zu erweitern. Hölzl: „Betriebsansiedlungen sind mit vielen Hürden aus­ gestattet. Es gilt, Widerstand der Anrainer zu überwinden, es gibt strenge Auflagen, die Unsicherheit erhöhen.“ Vor allem würden Industrieunternehmen darunter leiden, dass die Dauer der Prozesse nicht kalkulierbar sei. „Ob die Genehmigung einer Anlage in einem Jahr oder in drei Jahren vorliegt, ist in vielen Fällen schwierig zu prognostizieren“, sagt der Ökonom: „Das ist schwieriger zu planen, als wenn man genau weiß, es sind vier Jahre.“ Die Agilität, mit der unsere Verwaltung derzeit auf die wirtschaftlichen Herausforderungen der Gesundheitskrise reagiert, lässt für die Zukunft hoffen: Wer hätte angesichts des jahrelangen Reformstaus geglaubt, dass jemals Kurzarbeit binnen 48 Stunden bewilligt werden kann?

2 Globalisierung diversifizieren

Die Volksrepublik China fährt seit Jahren eine aggressive und oftmals unfaire Marktführerstrategie. Doch nicht nur die Volksrepublik. Europa muss jetzt gegensteuern – aber nicht überreagieren.

Man mag den derzeitigen US­-Präsidenten zu Recht für einen selbstzentrierten, närrischen Populisten halten – sein wankelmütiges Krisenmanagement angesichts der COVID­19­-Pandemie samt Übernahmeversuch eines deutschen Impfstoff-­Start­ups ist nur ein weiteres Beispiel für Trumps erratische Politik. Doch in einer Sache hat der Mann recht: Die langjährige wirtschaftliche Strategie Chinas samt unverhohlen vorgetragenen Hegemonialbestrebungen muss europäischen Industriebetrieben Sorgen bereiten. Bereits im Jahr 2015 legte die chinesische Führung ihren „China 2025“ genannten Masterplan für die Modernisierung des Landes vor, der als Ziel die Technologieführerschaft in fast allen industriellen Teilbereichen fest­ schreibt.

Und die Mittel, mit denen diese Dominanz erreicht werden soll, sind nicht ohne: Über gezieltes, staatlich gestütztes Preis­-Dumping brachte sich die Volksrepublik im Rohstoffbereich (etwa bei Metallen der Seltenen Erden), in der Informationstechnologie, der Fahrzeugtechnik oder medizinischen Geräten – also Bereichen, die bisher Europa das Wachstum bescherten – in die Marktführerposition. Chinesische Unternehmen warben Spitzen-­Ingenieure aus den USA und Europa ab, kauften Innovation auf bzw. besorgten sich die Technologie auf sonstige kreative Weise. Während man in Europa unbeirrt an der absoluten Regelungskraft des freien Marktes festhält, zimmert die Volksrepublik mit den Mitteln der gelenkten Volkswirtschaft an ihrer Vormachtstellung. Ein Nachteil dieser Hegemonialpolitik zeigt sich jetzt in Zeiten der Krise: China wirkt wie ein Flaschenhals, wenn die Produktion dort zum Erliegen kommt.

Die globale Arbeitsteilung hat Menschen aus der Armut geholt und Regionen durch komplexe Handelsbeziehungen stabilisiert. Jetzt kommt die Globalisierung durch Klimakrise, soziale und ökologische Nebenwirkungen, aber auch durch die globale Monopolisierung mehr denn je in die Defensive. Die Aussicht auf schnelle Profite hat davon abgelenkt, dass einzelne Player systematisch die Regeln brechen. Große Konzerne wie etwa Apple haben dies erkannt – und zwischen 15 und 30 Prozent ihrer Lieferkapazitäten aus China abgezogen und auf verschiedene Länder verteilt.

© Manuel Ortlechner

"Die Krise wird als Beschleuniger für die Digitalisierung wirken."
Christian Pochtler, Industriellenvereinigung Wien

3 Helikoptergeld kanalisieren

Milliardensummen werden die Regierungen in den nächsten Wochen in die Rettung der Volkswirtschaften stecken. Damit öffnet sich auch ein Fenster, Innovationsanreize zu setzen, um gut gerüstet in eine dekarbonisierte Zukunft zu gehen.

Nach den üblichen Indikatoren, mit denen wir Innovation messen, liegt Europa nur noch auf Platz drei hinter den USA und China. Dass dabei Europa immer weiter zurückfällt, war Anlass für die Entwicklung einer neuen EU-­Industriestrategie, die darauf setzt, durch Innovation die eigene Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit zu verbessern. Auch mit der Corona-Krise sei dieser Ansatz nicht obsolet geworden, glaubt Wirtschaftsforscher Schleicher: „Bei neuer Technologie sind große Überraschungen möglich, die unser Wirtschaftsleben massiv verändern könnten.“

Digitalisierung und künstliche Intelligenz etwa würden dazu führen, dass die Wahl des Produktionsstandortes immer weniger relevant werde. Additive Manufacturing, also die Herstellung von Ersatzteilen mittels 3D­-Druck, könnte immer mehr Gütertransporte obsolet machen. Und neue Werkstoffe aus Polymeren hätten das Potenzial, eines Tages Stahl und Aluminium abzulösen. Schleicher: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Finanzspritzen für die Industrie mit konkreten Innovationsanreizen zu verbinden.“

4 Neue, alte Industriestrategie: "Twin Transitions"

Die Industriestrategie der Europäischen Union könnte ein wichtiger Baustein für eine resilientere Wirtschaft sein. Aber die Nationalstaaten müssen mitspielen.

Green Deal, Klimagesetz und eine neue Industriestrategie: Zu Jahresanfang setzte die Europäische Union die Rettung des Weltklimas ganz nach oben auf ihre To­do-­Liste. Neben dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 sollen eine neue Budgetschwerpunktsetzung (ein Viertel des Unionsbudgets für den Klimaschutz), eine Biodiversitätsstrategie und Kreislaufwirtschaftsvorhaben unterstreichen, welche überragende Bedeutung dem Umbau Europas Richtung Nachhaltigkeit zukommt. Weil die Dekarbonisierung des Alten Kontinents die Produktivwirtschaft beleben und nicht ersticken soll, stellte EUKommissionspräsidentin von der Leyen im März auch eine neue Industriestrategie vor. Ziel: die grüne und die digitale Transformation als „Twin Transitions“ voranzutreiben, ausgehend von der Prämisse, dass diese beiden Entwicklungen neue Produkte und Services, neue Märkte und Geschäftsmodelle schaffen werden.

Maßnahmen wie ein Carbon Border Adjustment Mechanism (siehe Punkt 5), eine European Clean Hydrogen Alliance, um Investoren und Partner aus Regierungen, Forschungsinstituten und der Industrie zusammenzubringen, oder die Möglichkeit, große zukunftsweisende Projekte als „Important Projects of Common European Interest (IPCEIs)“ zu finanzieren. „Das impliziert, dass emissionsarme Produktionsmethoden explizit gefördert werden“, erklärt Wifo­Ökonom Hölzl: „Es bedeutet auch eine Abkehr von der bislang in Europa dominierenden horizontalen Industriepolitik, bei der sich die Förderungen nicht auf konkrete Ziele gerichtet hatten. Bisher wurde die Zielsetzung – wenn man so will – den Industrieunternehmen über­ lassen.“

Überschätzen solle man die EU-­Industriestrategie allerdings nicht – meinen Experten. „Man könnte sie als eine Form der Kommunikation an alle Mitgliedstaaten betrachten“, analysiert Wifo-­Ökonom Hölzl. „In vielen Bereichen wird Industriepolitik von Einzelstaaten oder Regionen bestimmt. Die Verteilung der Fördergelder erfolgt größtenteils auf nationalstaatlicher Ebene. Vor diesem Hintergrund liegt die Bedeutung der Industriestrategie darin, bei den Staaten Awareness zu wecken, dass es in Richtung der Herausforderungen Digitalisierung und Ökologisierung gehen soll.“

"Globalen Wertschöpfungsketten muss eine CO2-Metrik mitgegeben werden, die Anstrengungen in Well-minded-countries belohnt."
Michael Wiesmüller, Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK)

5 Dekarbonisierung disruptiv machen

Nach Automatisierung und Digitalisierung wird Dekarbonisierung weitere Chancen eröffnen. Wandel, der energieintensive Industrien schont oder sogar stärkt, könnte jetzt sogar einfacher gelingen.

In den vergangenen Jahren bedeutete Klimaschutzpolitik vor allem eines: Bepreisung von CO-­Ausstößen. Das geschieht durch den Emissionshandel, durch Steuern und Auflagen, die Klimasündern das Leben teurer machen. Hinzu kamen Förderungen für die Investition in erneuerbare Energien, Infrastruktur und Umwelttechnik. Wie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, reichen diese Maßnahmen aber nicht annähernd aus, um die Klimaschutzziele zu erreichen, und damit den Anstieg des globalen Temperaturlevels zu bremsen. Darüber hinaus beschäftigt Ökonomen eine weitere Frage: Wie gelingt die Dekarbonisierung, ohne dadurch energieintensive Industrien zu ruinieren?

„Ich fände es sinnvoll, globalen Wert­ schöpfungsketten so etwas mitzugeben wie eine CO2-­Metrik“, meint Michael Wiesmüller, der die Abteilung Schlüsseltechnologien, Produktion, IKT und Nano im Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) leitet: „Damit es zu einem Ausgleich zwischen den Anstrengungen in Well-minded-­countries und anderen kommt. Es geht da um das Schaffen einer faktischen Wettbewerbsgerechtigkeit was den CO2­-Fußabdruck angeht. Wie genau man das implementiert, das ist die Königsfrage.“

Experten gehen davon, dass dies nur mit einem Bündel ganz unterschiedlicher Maßnahmen gelingen könne. So könnte etwa eine Kombination aus CO­-Steuern mit einem Grenzausgleich für den Import CO2-­intensiver Produkte aus Nicht­-EU-­Ländern, allenfalls in Verbindung mit der Ausgabe grüner Anleihen, eine gang­ bare Variante sein. Auch der Export klimafreundlicher Technologie zusammen mit subventionierten grünen Exportkrediten ist eine Möglichkeit. Die öffentliche Hand soll dabei helfen, Milliardeninvestitionen in klimaneutrale Produktionsmethoden zu pumpen. Energieintensiven Unternehmen könnten Strompreiskompensationen aufgrund des CO2­-Preises im Emissionshandel in Europa gewährt werden. Quoten für klimafreundliche Produkte – etwa CO2-­frei hergestellten Stahl – gehören ebenfalls zum Repertoire.

Umweltökonom, Stefan, Schleicher, Klimaforschung, Umweltökonomie, H2Future © privat

"Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Finanzspritzen für die Industrie mit konkreten Innovationsanreizen zu verbinden."
Stefan Schleicher, Karl-Franzens-Universität in Graz

6 Infrastruktur optimieren

Grüner Strom und immer schnellere Datenleitungen reichen nicht, um die Wirtschaft nachhaltig zu machen. Neue Strukturen bei Arbeit, Bauen und Produktion sind schon im Entstehen.

„Die Arbeitswelt verändert sich. Das sehen wir an den abgesagten Geschäftsreisen, der intensiven Nutzung von Homeoffice und einem enormen Digitalisierungsschub“, sagt Christian Pochtler, der Präsident der Industriellenvereinigung Wien. Vom Schulunterricht bis in die Vorstandsetagen: Die Krise wirkt als Beschleuniger für die Digitalisierung, eine strukturelle Veränderung, die das Potenzial in sich trägt, unsere Gesellschaft sowohl krisensicherer als auch nachhaltiger zu machen.

Allerdings müsste man Infrastruktur weiter denken als bloß den Ausbau von Datenleitungen: Bauten, Mobilität, Sachgüterproduktion – hier gelte es anzusetzen, meint Umweltökonom Schleicher: Wohnungen, die energieautark und so flexibel sind, dass sie auch als Arbeitsort und für die Seniorenbetreuung taugen. Mobilität, die auf entbehrliche Verkehrsbewegungen verzichtet.

Gütertransport, der die wahren Kosten spiegelt und nicht absurde Warenverschiebungen über den Globus und wieder zurück belohnt. Das seien „systematische Fragen, die wir gar nicht intensiv genug anpacken können“, meint Schleicher.

7 Bounce­-Back­-Effekt

Wenn wir nach Ostern aus unserem unfreiwilligen Winterschlaf erwachen, werden wir feststellen: Die globale Infrastruktur ist intakt. Die globale Nachfrage wächst wieder. Und wir sitzen alle im selben Boot.

Man kann nur mutmaßen, welche Destruktion in den nächsten Monaten einsetzt – und in welche Richtung Innovationen in nächster Zeit gehen. Mehr Resilienz, sparsamere Nutzung von Energie, kosteneffizientere Systeme sind wünschenswert, aber keine ausgemachte Sache. Optimisten rechnen mit einem sogenannten Bounce­-Back-­Effekt, wie ihn China derzeit erlebt. Auch wenn offizielle Zahlen aus China mit Vorsicht zu genießen sind: Schwer manipulierbare Daten wie der Verkehrsstau­-Index chinesischer Großstädte (­5 % im Vergleich zum Vorjahr, Stand 28.3; Mitte März ist der Wert noch bei ­25 % gelegen; Quelle: Gold­ man Sachs/Wind) zeigen, wie schnell das Leben – wenn man den Autoverkehr als Indikator für die ökonomische Vitalität hernehmen möchte – in die einst komplett stillstehenden Städte zurückkehrt.

Einen ganz anderen Bounce-­Back-­Effekt macht Engelbert Wimmer, Chef des Automobilberaters e&Co. bereits aus. „Der einkommensstarke Mittelstand wird den privaten Konsum nach durchstandener Krise merklich ausdehnen und sich – auf übertriebene und irrationale Weise – Luxus gönnen“, so Wimmer in einem Interview der Online­-Ausgabe des INDUSTRIEMAGAZIN. „Das ist in China nach dem Coronavirus­-Ausbruch schon beobachtbar und wird nach ausgestandener Krise möglicherweise bei uns und den USA ebenso durchschlagen.“ Selbst unsere christliche europäische Denke der Selbstkasteiung werde – „kontraintuitiv – für einen entscheidenden Moment über Bord geworfen“, hofft Wimmer. Für Unternehmer könnte dieser Aufbruch nach der Krise eine gewaltige Chance darstellen. Um es mit den Worten von Muhammad Ali auszudrücken: „Don’t quit. Suffer now and live the rest of your life as a champion.“

>> Lesen Sie auch das Interview mit Umweltökonom Karl Steininger: "Die Pandemie zwingt uns, neue Wege zu gehen"

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