Automobilkonjunktur

BMW-Steyr-Chef Alexander Susanek: "Übernehmen Schritt für Schritt Umfänge aus der E-Mobilität"

Warum im Dieselmotoren-Entwicklungszentrum von BMW Steyr viele der 700 Entwickler bereits an Lösungen der E-Mobilität arbeiten, erzählt Standortchef Alexander Susanek.

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"Wir bauen in Steyr Gehäuse für die neue E-Antriebseinheit. Und sind hier Schritt für Schritt unterwegs, die Kapazitäten auszubauen." 
Alexander Susanek, Geschäftsführer BMW Group Werk Steyr  
 

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Susanek, Sie sind seit 1. Jänner neuer Chef im weltgrößten BMW Motorenwerk. Und da gibt es neben der Corona-Bewältigung gleich auch eine strategische Weichenstellung: Den millionenschweren Aufbau einer neuen Linie für Baukastenmotoren der Vier- und Sechszylinder-Benzinerreihen. Wie liegt man in der Zeit?  

Alexander Susanek: Gut, wir sind inmitten der Inbetriebnahme. Der Aufbau der Linie läuft schon über mehrere Monate. Natürlich hatten wir auch mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, vor die uns die Coronakrise stellte: Mit der Verfügbarkeit von Partnerfirmen etwa. Aber wir haben es weitgehend im Zeitplan geschafft. Über den Sommer wurden die letzten Vorbereitungen vorgenommen, sodass die Linie jetzt startklar ist. 

In welchem Rahmen bewegen sich die Investitionen?

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Susanek: Wir reden von einem dreistelligen Millionen-Betrag. 

Für wieviele zusätzliche Einheiten ist die Linie ausgelegt? 

Susanek: Das ist eine sehr flexible Linie, die in der Lage sein wird, mehrere hunderttausend Einheiten zu fertigen - je nach Schichtmodell. Ich denke, Flexibilität ist ein ganz wichtiger Punkt, gerade im Antrieb ändert sich ja einiges. Wir wollen unsere Reaktionsfähigkeit bei der Produktion von Benzinmotoren weiter erhöhen. 

Ändert sich damit der Status im Konzernverbund? 

Susanek: Wir sind der größte Standort für Motoren in der Gruppe und werden es auch bleiben. Wir sind das Diesel-Kompetenzzentrum, zugleich betreiben wir die Flexibilisierung im Segment der Benzinmotoren. Und wir haben den Einstieg in die Produktion von Komponenten für die E-Mobilität vorgenommen. Wir bauen in Steyr die Gehäuse für die neue E-Antriebseinheit. Und sind auch hier Schritt für Schritt unterwegs, die Kapazitäten auszubauen. 

Bmw, Steyr © BMW

Motorenfertigung in Steyr: "Zufriedenstellende Auslastung"

Bei der Gehäusefertigung hat sich Steyr im harten internen Konzernwettbewerb behauptet.  

Susanek: Klar, da muss man sich gut präsentieren. Eine Stärke des Standorts ist es, nicht nur wettbewerbsfähig im Verbrennungsbereich zu sein. Die Erfahrung und Kompetenz, über die wir hier verfügen, macht sich auch an vielen Stellen in der Produktion und Entwicklung von Elektroantrieben bezahlt. 

Lief die Produktion von E-Antriebsgehäusen für den iX3 bereits an?

Susanek: Die Gehäuseproduktion ist bereits im Anlauf, der Produktionsanlauf des neuen BMW iX3 startet ebenfalls in Kürze. 

Man hört in Steyr von weiteren Elektro-Projekten, etwa der Entwicklung von Kühlkreisläufen. 

Susanek: Wir haben am Standort 700 Entwickler, die sich schwerpunktmäßig mit Dieselmotoren beschäftigen. Viele von ihnen übernahmen in den letzten Jahren Schritt für Schritt Umfänge aus der E-Mobilität. Sie beschäftigen sich heute mit der Entwicklung von Kühlkreisläufen für unsere batterieelektrischen Fahrzeuge. Wir machen etwa Akkustikprüfungen. Etwa zehn Prozent unserer Entwickler sind bereits in diesem Bereich tätig.  

Als ein weiteres Zukunftsmodell hat man ja den Vision INext vor Augen. Wird Technologie aus Steyr an Bord sein? 

Susanek: Das Fahrzeug, das Ende nächsten Jahres anläuft, wird selbstverständlich auch Technologie aus Steyr an Bord haben. 

Wieviele Einheiten 2020 aus dem Werk laufen, werden Sie mir nicht sagen, aber sprechen wir über globale Tendenzen auf den Automärkten. Was stimmt Sie optimistisch? 

Susanek: Die Coronakrise hat uns genauso getroffen wie die gesamte Branche, allerdings nicht ganz so hart. Wir hatten im ersten Halbjahr einen weltweiten Volumenrückgang von 23 Prozent in der Gruppe. Seit zwei, drei Monaten stellt sich die Entwicklung wieder etwas positiver dar. Das gibt Anlass zum vorsichtigen Optimismus. 

Welche regionalen Unterschiede sehen Sie?

Susanek: In China haben wir eine sehr schnelle Erholung gesehen, in Europa ebenso. In den USA ist die Situation von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich. 

Sie hatten bis Juni am Standort Kurzarbeit, dann Sommerpause. Wie läuft es jetzt auslastungsseitig?

Susanek: Unsere Auslastung ist jetzt wieder zufriedenstellend. Wir sehen, dass die Nachfrage nicht ganz so am Boden liegt, wie zwischenzeitlich zu befürchten war. Wir sind in den Schichtmodellen nicht überall dort, wo wir vor der Krise standen. Aber in Summe sind wir wieder auf einem sehr guten Niveau.

Sie können den Stand von rund 4.500 Mitarbeitern also halten? 

Susanek: Wir konnten den Mitarbeiterstand weitgehend halten und haben vor, dies auch weiterhin zu tun, sofern die weltweite Nachfrage nicht wieder einbricht. Wir nehmen immer wieder Anpassungen im kleineren Bereich vor, um auf Volumensschwankungen zu reagieren. Im Großen und Ganzen aber fahren wir mit dem bisherigen Stand weiter. 

BMW, Steyr © BMW

Können Sie auch bei der Fachkräfteausbildung Kurs halten?

Susanek: Wir halten Kurs. Bei dem Lehrlingsthema darf man nicht kurzsichtig sein und sich von aktuellen Krisen allzu sehr beeinflussen lassen. Ich durfte erst kürzlich 20 neue Lehrlinge begrüßen. Erfreulicherweise waren auch sechs Mädchen unter den jungen Nachwuchskräften. 

Wie kann Europa stark aus der Krise kommen?

Susanek: Wichtig ist, über Wachstum aus der Krise zu kommen, da sind Konsumanreize ein wichtiger Bestandteil. Und Wachstum entsteht durch Investitionen in zukunftsfähige Technologien und Arbeitsplätze. Ich glaube, da bietet sich uns eine außergewöhnliche Chance, in vielen Bereichen einen Aufbruch vorzunehmen. 

Sie betreiben am Standort das Dieselmotoren-Entwicklungszentrum. Welche Themen sind da gerade ganz oben auf der Agenda? 

Susanek: Wir sind ständig dabei, unsere Motoren mit Blick auf die Forderungen der Abgasregulatorik weiterzuentwickeln. In diesem Jahr lief der neue Sechszylinder-Diesel an, der sich großer Beliebtheit bei Kunden erfreut. Das ist ein toller Motor geworden, der noch einmal neun Prozent weniger Co2 ausstößt als sein Vorgänger. Und die Stellung des Diesels unterstreicht. 

Sie waren zuvor Montageleiter im Werk Regensburg, wo bei der Digitalisierung ein großer Satz gelang. Sehen Sie auch in Steyr Potenzial für weitere IoT-Vorhaben?

Susanek: Definitiv. Die Digitalisierung wirkungsvoll in unseren Produktionsprozessen umzusetzen ist eine der entscheidenden Aufgaben, die sich uns stellt. Freilich fangen wir nicht bei Null an. Am Standort ist viel Kompetenz gereift. Künstliche Intelligenz und Big Data liefern uns schon wertvolle Beiträge, etwa in der Qualitätssicherung. Vor wenigen Wochen nahmen wir autonome Stapler in Betrieb, die an der Linie selbsttätig be- und entladen. 

Abschließend: Ist Steyr ein anderes Pflaster als Regensburg? 

Susanek: Wir sind alle BMWler mit Herzblut. Das verbindet. Aber natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, jedes Werk hat seine Historie und seinen eigenen Menschenschlag. Was ich hier erlebe und sehr zu schätzen weiß, ist die sehr hohe Professionalität, Leidenschaft für den Motorenbau und die zupackende, pragmatische Art.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alexander Susanek, 45,

ist seit 1. Jänner Geschäftsführer im BMW Group Werk Steyr. Nach neun Jahren beim LKW-Hersteller MAN stieg der gebürtige Münchner 2014 als Hauptabteilungsleiter für den Prototypenbau bei der BMW Group ein. Ab 2017 war er Montageleiter im Werk Regensburg. Susanek studierte Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurswesen. Susanek ist verheiratet und Vater von drei Kindern.