Interview

"Wir erwecken Rechenzentren virtuell zum Leben"

© Rittal

In der Produktion sind digitale Zwillinge inzwischen angekommen. Dass ganze Rechenzentren auf diese Art abgebildet werden, ist aber eine ziemliche Neuigkeit. Oder habe ich da etwas versäumt?

Andreas Hajek Das stimmt schon. Die Idee, den digitalen Zwilling für die Planung von Rechenzentren zu nutzen, ist tatsächlich erst seit wenigen Monaten so ausgereift, dass sie in die Praxis umgesetzt werden kann. Wir haben eine entsprechende Lösung im Herbst auf der Messe Building Technology Austria in Wien vorgestellt. Das Interesse daran war auf Anhieb sehr groß.

Warum?

Hajek Die Möglichkeit, ein Rechenzentrum in einem virtuellen Raum zu besichtigen und zu begehen, noch bevor der Bau beginnt, hat unglaubliche Vorteile. Damit können Betreiber von Rechenzentren zwei große Herausforderungen bewältigen, die ihnen immer wieder begegnen: Sie können nämlich noch vor Baubeginn testen, ob die Raumverhältnisse tatsächlich so sind, wie sie sich das vorstellen. Herkömmliche Pläne bilden ein Rechenzentrum zwar auch ab, doch diese herkömmlichen Tools haben ihre Grenzen: Eine Stufe im Boden oder ähnliches wird da schnell einmal übersehen. Auf einem klassischen Plan sind auch andere Dinge nicht so gut sichtbar – zum Beispiel, ob sich alle Schranktüren so öffnen lassen, dass genügend Platz bleibt, um dann auch noch vorbeigehen zu können. Wenn ich einen virtuellen Zwilling habe, den ich mithilfe von Virtual-Reality-Tools begehe, kann ich das einfach ausprobieren. Man kann also durchaus sagen, dass wir Rechenzentren virtuell zum Leben erwecken.

Und der zweite Vorteil?

Hajek Der digitale Zwilling erlaubt es, den Kühlbedarf in einem Rechenzentrum mithilfe einer dynamischen Strömungsanalyse, abgekürzt CFD, zu berechnen und unter verschiedensten Szenarien zu testen. Man kann so für jeden beliebigen Punkt des Rechenzentrums sehen, wie warm es dort bei welchem Szenario sein wird. Man kann auch testen, ob ein Kühlsystem auch dann genügend Kühlleistung bringt, wenn ein Teil davon ausfällt. Angesichts der aktuellen Diskussion über den Energieverbrauch sind das ganz wichtige Fragen. Früher liefen die meisten Server mit drei oder vier Prozent der Leistung und zwischendurch gab es ein paar Spitzen. Da war die Gefahr, dass eine Anlage überhitzt und abschaltet, viel geringer als heute, wo Server durch Virtualisierungstechnologien konstant mit siebzig bis achtzig Prozent der Leistung laufen.