Automobilindustrie

Erleichterter Abschied vom Verbrennermotor

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Die großen Zahlen sind leicht dahingesagt: Durch den Umstieg von Verbrennungs- auf Elektromotoren könnten in der deutschen Autoindustrie nach Studien in den kommenden zehn Jahren 180.000 bis 240.000 Arbeitsplätze wegfallen. Gleichzeitig könnten nach jüngeren Schätzungen aber noch mehr neue Jobs rund um Produktion und Unterhaltung von Elektroautos entstehen.

Das zeigt: Die wichtigste deutsche Industrie mit ihren über 800.000 direkt und weiteren 1,3 Millionen indirekt Beschäftigten befindet sich im größten Wandel ihrer Geschichte.

Die Automobilindustrie steht vor einer großen Transformation

"Die gesamte Automobilindustrie steht vor einer enormen Transformationsaufgabe", heißt es in einer Studie des Fraunhofer-Instituts. "Diese kann aber nach aktueller Einschätzung durch ein gemeinsames und proaktives Handeln durchaus gemeistert werden." Nach Schätzung der Berater von Boston Consulting müssen sich etwa 800.000 Beschäftigte weiter- und umqualifizieren.

Der Staat steht der Branche mit Milliardenhilfen zur Seite. Die Unternehmen können Geld aus Förderprogrammen im Volumen von rund 3 Mrd. Euro bis 2026 abrufen. Unter anderem aus dem "Zukunftsfonds Automobilindustrie", den die deutsche Regierung jetzt auf den Weg bringt. Mit Zuschüssen aus der Staatskassa sollen neue Produkte erforscht und Arbeitskräfte für zukunftsträchtige Jobs fitgemacht werden.

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Um die deutschen Autobauer und großen Zulieferer machen sich Experten keine Sorgen. Sie haben genug Kraft und Geld, ihre Geschäftsmodelle zu verändern, Belegschaften umzuschulen oder mit goldenem Handschlag zu verabschieden. Bei einer Umfrage des Verbandes der Automobilindustrie gaben mehr als 80 Prozent der Zulieferer an, mit der Umstellung auf die Elektromobilität begonnen zu haben. Aber für viele kleinere Betriebe, die auf Teile für Verbrennungsmotoren spezialisiert sind, werde es schwerer, sich aufgrund des hohen Investitionsbedarfs neu zu erfinden, erklärte Nicolas Franzwa, Berater von AlixPartners. "Die Transformation bedeutet gewaltige Investitionen und Aufwand, vor allem wegen der notwendigen Verhandlungen mit Gewerkschaft und Betriebsräten."

>> Was die Zulieferer zur Transformation sagen...

Kritischer Blick auf den Arbeitsmarkt

Kritisch ist die Lage mit Blick auf den Arbeitsmarkt in einigen Regionen im Saarland, Baden-Württemberg oder Westfalen, wo solche Firmen geballt angesiedelt sind. "Dann kommen nicht nur einzelne Unternehmen, sondern ganze Regionen ins Trudeln, wenn die wirtschaftliche Kraft für Investitionen in neue Geschäftsmodelle fehlt", warnte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Viele Firmen kämen wegen ihrer unsicheren Aussichten nicht mehr an Bankkredite und bräuchten staatliche Hilfe.

Ein Zulieferer, der frühzeitig die Umstellung in Angriff nahm, ist der Maschinenbauer Felss Group aus Königsbach-Stein in der Nähe von Pforzheim. "Die größte Herausforderung ist das Tempo - was sich früher über Jahrzehnte gewandelt hat, muss jetzt innerhalb von fünf Jahren ablaufen", sagte Wolfgang Haggenmüller, verantwortlich für die Unternehmensstrategie.

"Die Dynamik ist in den vergangenen ein, zwei Jahren eine ganz andere geworden, Aufträge können von heute auf morgen wegfallen oder Stückzahlen dramatisch einbrechen." Als Ersatzprodukt für ein bald überflüssiges Getriebeteil hat sich der Zulieferer auf Rotorwellen verlegt. Doch darauf seien auch Konkurrenten gekommen, die alle um dieses von den Stückzahlen her noch kleine Rettungsboot kämpften. "Wir brauchen deshalb auch mehr Geschäft außerhalb der Autoindustrie", ergänzte Haggenmüller. Teile für E-Bike-Antriebe, Motorräder oder Produkte für die Luft- und Raumfahrt gehören deshalb jetzt zum Portfolio.

Um den Wandel zu schaffen, hat sich die Felss Group Hilfe geholt bei einer Einrichtung des Landes Baden-Württemberg. Als besonders stark autoabhängiges Bundesland kümmert es sich schon seit rund fünf Jahren um das Thema. Plattform dafür ist der "Strategiedialog Automobilwirtschaft" (SDA), ein Netzwerk von Arbeitgebern, Gewerkschaftern und Wissenschaftern, das in Arbeitsgruppen den Umbruch beackert. Solche Foren gibt es mittlerweile auch in anderen autoabhängigen Bundesländern.

Unternehmensberatung muss immer öfter herangezogen werden

Die Lotsenstelle Transformationswissen BW berät Unternehmen wie Felss, die keine teure Unternehmensberatung einschalten können, oder vermittelt sie zu Experten weiter. "Wir haben bewusst den Titel Lotsenstelle gewählt, weil wir Anstöße geben wollen, ein Unternehmen aber selbst aktiv werden muss", sagt Leiterin Katja Gicklhorn. In ihrem ersten Jahr habe die vor rund einem Jahr gestartete Lotsenstelle 120 Unternehmen geholfen. "Es besteht großer Handlungsdruck, aber es ist möglich, Arbeitsplätze durch Umschulung zu erhalten oder welche durch neue Geschäftsmöglichkeiten aufzubauen." Betriebsräte gäben oft Impulse für die Umstellung von Unternehmen, hat Gicklhorn beobachtet. "Sie schalten uns manchmal ein, weil wir eine neutrale Haltung einnehmen."

Nicht selten seien es die Arbeitnehmervertreter, die das Management zu neuen Geschäftsideen drängten, erklärte auch Timo Ahr, Leiter der Transformationswerkstatt Saarland der IG Metall. "Wir stoßen es an, aber am Ende muss das Unternehmen sagen, welche alternativen Produkte möglich sind und sich verändern wollen." Im Saarland soll außerdem mit Mitteln des staatlichen "Zukunftsfonds Automobilindustrie" ein regionales Netzwerk, die Gesellschaft für Transformationsmanagement Saar, Unternehmen Hilfestellung geben. Es ist eines von rund 30 regionalen Transformationsnetzwerken, die sich nach dem Konzept des Zukunftsfonds bilden sollen.

In den kommenden vier Jahren könnten bis zu 1.000 Projekte von Unternehmen vom Staat unterstützt werden, hieß es im Bericht einer von der Regierung eingesetzten Expertengruppe zum Zukunftsfonds. "Vor allem Unternehmen tragen die Verantwortung, den Strukturwandel zu meistern", schrieben sie. (apa/red)