Leiterplattenhersteller

AT&S-COO Heinz Moitzi: "Als nächstes kommt die Welt 4.0"

INDUSTRIEMAGAZIN Eine gerade veröffentlichte Prognose sagt, dass in den USA in den nächsten zwanzig Jahren 47 Prozent der Arbeitsplätze als Folge der Automatisierung verloren gehen werden. Ziemlich krass, oder?

Heinz Moitzi: Meine Erfahrung mit Prognosen dieser Art ist, dass die dabei genannten Zeiträume nur selten zutreffen, meistens sind sie viel zu knapp gewählt. Das ändert allerdings nichts an der grundsätzlichen Tatsache, dass sich die Arbeitswelt als Folge der Automatisierung und Digitalisierung massiv ändert. Darauf müssen wir uns schon heute einstellen. Vor allem die einfachen Routinetätigkeiten werden sukzessive wegfallen. Das Jobprofil der Zukunft wird anders sein als heute.

Wie wird er denn aussehen, der perfekte Industrie-4.0-Arbeitnehmer?

Moitzi: Bis ins letzte Detail kann das heute natürlich niemand sagen. Aber es wird auf Kreativität, naturwissenschaftlich-technisches Verständnis und die Bereitschaft, multinational zu arbeiten, ankommen. Wobei multinational heißen kann, dass der Betroffene zwar in Österreich sitzt, aber per Videokonferenz, Fernwartung, Fernsteuerung an einem Tag mit Maschinen und Kollegen in China zu tun hat und an einem anderen in den USA. Abgesehen davon ist Industrie 4.0 nur der Vorreiter, weil Industrie eben sehr kostengetrieben ist. Was aber letztlich kommen wird, ist ein Leben 4.0, eine Welt 4.0. Roboter und datengenerierte Lösungen wird es überall geben.

Auch im Dienstleistungssektor?

Moitzi: Das persönliche Gespräch mit einem Psychologen oder einem Architekten, der Ihr Haus plant, wird wahrscheinlich niemals ersetzbar sein. Aber zumindest der Architekt wird sicher davon profitieren, wenn er mehr und besser aufbereitete Daten für seine Entscheidungen hat als heute.

Und wie sieht es in Ihrem Unternehmen aus? Noch Industrie 3.9? Oder schon Industrie 4.1?

Moitzi: Wir haben bereits 2007 damit begonnen, einem unserer Chemielieferanten den Pegelstand der Tanks, in denen die Chemikalien gelagert werden, online bekannt zu geben, damit er seine Lieferfahrten besser planen kann. 2012 haben wir unter dem Schlagwort "digitale Fabrik" das, was heute als Industrie 4.0 ein Riesenhype ist, bei uns vorzubereiten begonnen. Eine der ganz wichtigen Herausforderungen ist, dass Sie bei jeder Maschine schon vorher ganz genau überlegen müssen, was sie können soll, wie sie ausgelegt sein soll, welche Daten sie erfassen soll. Da ist ein sehr hohes Maß an Prozessverstehen nötig und zwar im Voraus. Sie können nicht eine Maschine kaufen und hinterher sagen: Ich hätte gern noch das und das.

Aber wird nicht gerade die digitalisierte Fabrik damit beworben, dass sie sich viel leichter als die herkömmliche Fabrik auf neue Prozesse, neue Produkte umrüsten lässt?

Moitzi: Also aus meiner Sicht ist es schwierig, im Nachhinein etwas zu verändern, jedenfalls in unserer Branche, der Elektronikindustrie. Das ist wie bei einem Tempomat im Auto, zu dem Sie noch einen digitalen Abstandhalter haben möchten. Wenn Sie das gleich bestellen, kostet das einen bestimmten Preis. Wollen Sie es später nachrüsten, kommt es Ihnen sicher drei bis vier Mal teurer.

Die vielen technischen Änderungen, mit denen Ihre Belegschaft immer wieder konfrontiert ist – sorgen die nicht manchmal auch für Unmut?

Moitzi: Die Elektronikbranche war immer schon sehr schnelllebig und diese Schnelllebigkeit sind unsere Mitarbeiter in der Produktion daher gewohnt. Und im großen Rahmen haben wir bei uns ähnliche Entwicklungen wie auch anderswo: Weg von einer Tätigkeit, wo man Teile bewegt, sie selbst bearbeitet, hin zu einer primär steuernden, kontrollierenden Tätigkeit. Es geht vor allem darum, die richtigen Parameter an der Maschine einzustellen und sie zu überwachen. Das gibt es aber auch in einem einfachen Kraftwerk. Wenn da ein Ventil zu oder aufgemacht werden soll, geht der Mitarbeiter heute auch nicht in das Kellergeschoss und macht das per Hand, sondern klickt mit der Maus.

Was uns sicher unterscheidet, ist, dass unsere Anforderungen so wechselnd und speziell sind, dass es keine spezifische Vorausbildung für unsere Mitarbeiter in der Produktion dafür gibt. Wir haben auch alle verschiedenen Fachrichtungen – von Chemie bis hin zu Maschinenbau – bei uns im Unternehmen. Das heißt, wir müssen jeden erst in unsere ganz spezifische Fachwelt einführen. Jeder, der zu uns kommt, durchläuft im Betrieb daher eine Fachausbildung und ein Trainingsprogramm, je nach Einsatzgebiet kann die bei einfacheren Tätigkeiten nur einige Wochen dauern, bei komplizierten Maschinen kann es aber auch ein Jahr dauern, bis jemand eine Maschine selbstverantwortlich fahren kann. Ob er vorher Schlosser oder Zuckerbäcker gelernt hat, ist dabei relativ unwichtig. Es kommt vielmehr auf die Fähigkeiten an, die derjenige mitbringt, weniger um die Vorbildung.

Wenn man kein konkretes Fachwissen als Voraussetzung braucht, dann kann ich als Journalist auch bei Ihnen anfangen, oder?

Moitzi: Ich kenne Sie zwar nicht, aber in der Produktion wäre das tatsächlich möglich. Da geht es vor allem um Zuverlässigkeit, Qualitätsbewusstsein, Genauigkeit und die Bereitschaft dazuzulernen. Den Rest würden wir Ihnen beibringen. In der Instandhaltung wäre es ohne Vorkenntnisse schon schwieriger, da es hier gesetzliche Regelungen für die Ausbildung gibt.

Wenn Sie aber Ihre Leute auch in Österreich erst anlernen müssen und nicht auf vorhandene Berufe aufbauen, warum nicht gleich zur Gänze nach China gehen und es den Leuten dort beibringen. Ist doch viel günstiger.

Moitzi: Was die Kosten betrifft, gebe ich Ihnen recht, das wäre billiger. Aber die Kosten sind nur ein Faktor. Es wäre zum Beispiel nicht sinnvoll, alles auf einen Standort zu setzen, weil man ja nie wissen kann, wie sich zum Beispiel die politischen Rahmenbedingungen dort entwickeln werden. Und dann gibt es Kunden, die sehr spezifische Platten in relativ kleiner Stückzahl brauchen. Da macht es wenig Sinn, diese kleinen Mengen über Tausende von Kilometern zu transportieren. Und schließlich haben wir in Österreich eine gute Forschungslandschaft und viele kreative Köpfe. Das und die Kundennähe zum europäischen Markt sprechen für Österreich.

Zur Person

Heinz Moitzi, 59, ist seit 1. April 2005 COO von AT&S. Er ist seit 1981 bei AT&S, zuerst als Abteilungsleiter für den mechanischen Bereich und Galvanik, später als Produktions- und Standortleiter Leoben-Hinterberg. Von 2001 bis 2004 war er Projektleiter und COO der AT&S in Shanghai.